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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-10 · 24 (10.6.1904) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 360 Dr. Dlocb's MocbenscvrM. Nr. 24 Die antisemitische Bewegung, die zu den blutigen Gemetzeln in Kischenew und Homel führte, wird abgeblasen. Unter dem Druck der Verhältnisse fühlt sich v. Plehwe gezwungen, für die „Ruhe" zu sorgen und kein Auftauchen von judenfeindlichen Hetzmärchen und Legenden zuzulassen. In dieser Hinsicht kann als merkwürdiges Sympton folgender Brief des Polizeichefs der südrussischen Hafenstadt Kertsch am Schwarzen Meer, P. Ianow, betrachtet werden. Den Anlaß zur Veröffentlichung dieses Briefes in dem südrussischen Blatte „Juschny Kraj" bot eine im Petersburger panslavistisch-nationalistischen Hetzblatte des Operettengenerals Komarow erschienene „Korrespondenz" aus Kertsch, worin mitgeteilt wurde, daß eine Jüdin wegen Beschimpfung der russischen Armee und Verherrlichung der Japaner von einem Chr.sten durchgeprügclt wurde. Eben durch solche Märchen gelang es seinerzeit der Clique Suworin („Nowoje Wremja"), Komarow („Swjet") und Kruschewau („Bessarabetz") die Volksleidenschaften gegen die Juden aufzuhetzen. Damals stand aber die Polizei auf Seiten der Hetzer und Lügenverbreiter, weil sie sich nach den Weisungen v. Plehwe's richtete. Das Geschichtsblatt hat sich aber wahrend und infolge des Krieges merklich gewendet. Und nun erklärt der Polizeimeister von Kertsch, Janow, in seinem offenen Schreiben: „Ich stellte in Bezug auf den Inhalt der in der Zeitung „Swjet" veröffentlichten Korrespondenz über die Jüdin eine genaue Untersuchung an. Ich habe dabei feststellen können, daß die Nachricht der Zeitung „Swjet" vollkommen aus der Lust gegriffen und nichts anderes ist, als die Frucht böswilliger Erfindung, die anständiger Leute unwürdig ist und die nur den Zweck verfolgt, zwischen den Vertretern verschiedener Nationalitäten Haß und Feindschaft zu säen, sowie das ungebildete Volk irrezuführen. Infolgedessen muß man sich zu derartigen böswilligen Lügen, wie die in der Zeitung „Swjet" veröffentlichte, mit Mißtrauen verhalten. Ein derartiges Verfahren der Redaktion der Zeitung „Swjet" ist eine einfache böswillige Hetze, die der Presse unwürdig ist." Zu der bekannten jüdischen Deputation, welche Herr v. Plehwe sich bestellte, sagte er wörtlich: „Sie haben mir durch die Presse den Krieg erklären lassen; nun denn, der Krieg erfordert Opfer". Die Deputation schwieg. Jndeß „der Klügere gibt nach," hat sich wohl des Zaren Minister des Innern gedacht, als er sah, daß die europäische Presse das Gebaren der russischen Regierung den Juden, Polen und Finnländern gegenüber auf das Energische,re verurteilt und bekämpft. Rußland braucht Geld, muß Anleihen, immer neue Anleihen machen und sich vor dem „faulen Westen" und dessen Banken beugen. Daher hat v. Plehwe einen Wink von oben bekommen, sich mit der öffentlichen Meinung Europas „auszusöhnen". Gesagt — getan. Mit dieser Mission ist der problematische russische „Historiker" Staalsrat Sergius v. Tatischtschew betraut worden, ein Mann von gesundem Mutterwitz, panslavistischen Velleitäten und bewegter politischer Vergangenheit. Er war eine Zeitlang in russischen diplomatischen Diensten, dann Journalist und Vertreter des Finanzministeriums in London, und jetzt ist er Chef des russischen Preßbureaus, das nicht, wie überall, dem Minister des Aeußern, sondern dem des Innern zugeteilt ist. Jetzt hat v. Tatischtschew im Aufträge v. Plehwe's nach Berlin einen Abstecher unternommen, um dort mit der Presse in „Fühlung" zu treten. Er hat einem Vertreter der in Berlin erscheinenden „Preußischen Korrespondenz" ein spaltenlanges Interview gewährt und sich bemüht, den Beweis zu erbringen, daß v. Plehwe alles anwende, um den russischen Juden eine gerechte Behandlung zuteil werden zu lassen. Tatischtschew erklärte schließlich: „In nächster Zeit wird die, Neuregelung der handelspolitischen Beziehungen zwischen Deutschland und , Rußland im Sinne der deutschen Wünsche vor sich gehen. Unsere Zugeständnisse werden uns nicht unwesentlich dadurch erleichtert, daß Vorteil von ihnen ganz besonders diejenigen deutschen Kreise haben werden, die uns politisch in erster Linie Sympathie entgegenbringen." Auf solche Weise sucht v. Plehwe, der Veranstalter der Kischenewer Blutgemetzel, der Feind jedes freiheitlichen Gedankens in Rußland, die öffentliche Meinung Europas zum Besten zu halten! „Freiwillige" Spenden. In dem blutarmen Podolien, wo die Juden zu den Aermst n der Armen zählen, sind bisher von Juden allein zirka 65.000 Rubel als freiwillige Spenden für den Krieg gesammelt worden. Die „Oswoboschdenje" erzählt zur Kennzeichnung der Art, wie solch' „freiwillige" Spenden eingetrieben werden, folgende wahre Begebenheit aus dem russischen Dorfleben: Beim Dorfschulzen hatte sich bereits die gesammte Bauernschaft versammelt; der Hausherr bewirtet den Stanowoi (Polizeiorgan eines Gerichtssprengels) mit Magenbitter und Salzgurken. Dle Bauern stehen zu einer Gruppe gedrängt beisammen. Am Herde singt und brodelt der Samowar. Der Stanowoi leert ein Gläschen, räuspert sich, beißt dazu ein Stück von der Gurke ab und schaut schweigend mit stierem Blick rings um sich. Der Stanowoi hat die kleine „Erfrischung" zu sich genommen, wischt sich nun ausführlich den Mund ab, zwirbelt den Schnurrbart auf und verläßt seinen Platz am Tisch. Nachlässig, an den Knöpfen seiner Uniform putzend, bekreuzt er sich, das Gesicht nach der dunklen Zimmerecke wendend, wo die Heiligenbilder für gewöhnlich zu hängen pflegen, dann setzt er sich auf die Bank und richtet seinen Blick auf die Bauern. „Nun ja", brummte er, „ihr habt doch davon gehört, daß es dem Japaner eingefallen ist, mit uns Krieg zu führen, und daß er uns in ganz räuberischer Weise, unterm Wasser eine Sau zugesendet hat? Habt ihr davon gehört?" Die Bauern werden unruhig, schweigen jedoch. Der Dorfschulze tritt vor und sagt hastig in einem Zuge: „Wir haben davon gehört, Euer Wohlgeboren; Väterchen hat es uns in der Kirche erzählt", damit tritt er wieder in die hinteren Reihen zurück. „Nun also. Und jetzt braucht die russische Flotte Verstärkung, in der Staatskasse ist aber recht wenig Geld. Gegenwärtig wird zu diesem Zweck überall Geld gesammelt auf Grund dieses... ja, also... das heißt... man braucht eben ..." Er schweigt, zieht aus der Tasche die Zigarettendose hervor und zündet sich eine Zigarette an. Wieder tritt der Dorfschulze vor und frägt schüchtern: „Wie viel von jeder Seele, Euer Wohlgeboren?" „Je einen halben Rubel!" lautet die kurze, energische Antwort, und die Zigarette rückt von dem einen Mundwinkel in den anderen hinüber. Nach diesen Worten hört man aus den Reihen der Bauern ein kaum unterdrücktes Seufzen, die Gesichter neigen sich zu Boden und eine beklemmende, düstere Niedergeschlagenheit überkommt alle. „Nun?" frägt der Stanowoi gleichmütig. Schweigen. Einer von den Alten fährt plötzlich auf und mit einer Art verzweifelter Entschlossenheit, den Blick starr auf den Stanowoi gerichtet, platzt er heraus: „Kann man es nicht a bsitzen, Euer Wohlgeboren?,, „Dnmmkopf! Hölzerner Tölpel, du!", schreit der Stanowoi und spuckt sogar vor Zorn aus. Eine Weile blickt er dann schweigend auf die Gruppe der Bauern hin. Endlich wendet er sich zu dem Dorfschulzen und sagt mit der entschiedenen Betonung eines Menschen, der seiner Macht bewußt ist: „D a ß mir Sonntag das Geld zur Stelle ist. H ö rst du, Dorfschulze?" „Zu Befehl!", antwortete jener militärisch. „Ihr aber packt euch, ich brauche euch nicht weiter." Die Worte, mit denen der Stanowoi die Bauern verabschiedet, bringt er schon im milderen. Tone vor. Geänstigt murmeln diese ein „Leben Sie wohl, Euer Wohlgeboren", und drücken sich mit gekrümmten Rücken zur Stube hinaus. Zum Konitzer Mord. Wir lesen im „Berliner Tageblatt" vom 3. Juni: „In der Konitzer Mordangelegenheit erhalten wir eine Anzahl Zuschriften, in denen uns nahegelegt wird, über den gegenwärtigen Stand der Angelegenheit weitere Mitteilungen zu machen. Wir verstehen das Interesse, das die weitesten Volkskreise an der Aufhellung der Affaire nehmen, vollkommen. Indessen müssen wir uns mit Rücksicht auf den Gang des Verfahrens versagen, vorderhand weitere Mitteilungen zu machen. Was wir neulich über die Verfolgung der neuen Spur gemeldet haben, war das äußerste Maß dessen, was ohne Gefährdung des ruhigen Fortganges des Verfahrens der Oeffentlichkeit unterbreitet werden konnte. Die Richtigkeit dieser unserer Mitteilungen ist in verschiedenen Blättern bestritten worden. Statt aller Antwort möchten wir ein Paar Sätze aus einem Artikel der konservativen „Elbg. Ztg." hier Abdrucken, die zwar auch einzelne Details in unseren Mitteilungen bemängelt, aber sie im großen und ganzen bestätigt. Das Blatt sagt: „Leider können wir uns zu diesen Nachrichten (des „Berl. Tagebl.") nicht äußern. Wir werden hieran durch eine Zusicherung gehindert, die abzugebcn wir uns aus Gründen

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