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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-10 · 24 (10.6.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24 Dr. Blocb s Mocbenscbrltt. Seite 379 bunt und zu toll und ist sie wieder einmal doch zu grell im Widerspruch nicht nur mit den einfachsten Geboten der Gerechtigkeit, sondern auch mit den natürlichsten Postulaten des gesunden Menschenverstandes, dann zieht er sich in ein unangreifbares Seitenfort zurück und wäscht seine Hände in Unschuld. Die christlich-sozialen Machthaber haben bekanntlich erst die Auslösung des Armeninstitutes der inneren Stadt herbeigeführt und dann bei der Neuwahl ausnahmslos alle jüdischen Armenräte, mochten sie auch noch so lange, noch so human und erfolgreich gewirkt haben, ausgeschlossen. Das war nicht nur eine große Ungerechtigkeit, sondern auch eine ganz erhebliche Dummheit. Denn was die Juden in der Armenpflege leisten, das ist auch in christlich-sozialen Kreisen nicht unbekannt und von diesen selbst — sehr contre coeur allerdings — häufig genug anerkannt worden. Das ist nämlich das Ekelhafte an offenkundigen Tatsachen, daß sie mit einfacher Ableugnung nicht aus der Welt zu schaffen sind. Sie setzen sich schließlich doch durch. Man hat sich damit also nur ins eigene Fleisch geschnitten. Lueger, im Gemeinderate darob interpelliert, hätte einen sehr schweren Stand gehabt, das halbwegs plausibel zu begründen. Er hat sich damit nicht angestrengt, er biegt lieber aus. Das Seitenfort der billigen Ausrede soll den geplanten Hauptangriff unwirksam machen. Er kann absolut nichts dafür, da er auf die Wahl der Bezirksvertretung in den Armenrat keinen Einfluß habe. Er könne daher auch keine Erklärung abgeben, und es sei überhaupt nichts zu machen. Wie schade ist es doch, daß Bürgermeister Dr. Lueger so gar keinen Einfluß hat, und wie viel Gutes könnte er stiften, wenn man ihn nur ließe! Weiter. Nach den jüngst vollzogenen Gemeinderatswahlen hat sich der fortschrittliche Parteiverband unter Führung Dr. v. Dorn's neu konstituiert und beschlossen, nun wieder an den Arbeiten des Gemeinderates sachlich und fruchtbar mitzuarbeiten. Das wäre ja ganz schön. Ich persönlich habe alles Vertrauen zu den einzelnen — leider nur allzusehr einzelnen Herren des fortschrittlichen Verbandes, ich habe es aber nicht zu ihrem gemeinsamen Programme. Sie haben sich wieder einmal und hier recht überflüssigerweise in die Gefolgschaft der deutschfortschrittlichen Bannerträger gestellt, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, daß diese Herren bisher noch jedesmal in der Stunde der Entscheidung über ihr Deutschtum hinweg ihren Freisinn nicht zu finden vermochten. Ein alter Kirchenvater gibt die weise Lehre: primum vivere, deinde philosophari! Das will besagen: erst kommen die wichtigsten Lebensfragen und dann erst die Fragen der Philosophie. Es ist schade, daß der alte Kronawetter sich zur Rühe gesetzt hat. Er hätte sonst die Herren vom fortschrittlichen Parteiverband darüber belehren können, daß zunächst der Kampf um die fundamentalen Menschenrechre geführt werden müsse und daß im Hinblick auf diese Aufgabe die vergnügliche Neigung, auf das Czechentum hinzuhauen, ein wenig in den Hintergrund zu treten habe, zumal es ja als ziemlich ausgemacht anzusehen ist, daß die Sprachenfrage nicht im Wiener Gemeinderate zum Austrag gebracht werden wird. Immerhin war es ein edles Aufraffen zur Arbeit. Um nun wenigstens mit einiger Aussicht auf Erfolg mittun zu können, forderte — nein, bat die fortschrittliche Minorität um eine ihrem numerischen Verhältnis entsprechende, also sehr geringfügige Vertretung im Stadtrate, sowie in allen Ausschüssen und Kommissionen. Es war eine holde Täuschung, der sich die Minorität da hingab, aber — ut desint vires, tarnen est laudanda voluntas. Der Wille war wenigstens zu loben. Es 'ist klar, daß insbesonders bei der völligen Unschädlichkeit des gestellten Ansuchens es nicht nur der p a r l a m e n t a r i s ch e Anstand erfordert hätte, ihm ohneweiters zu willfahren. Irgend eine praktische Bedeutung hätte die Sache nicht gehabt; es wäre nur ein neuer Zug in das Bild gekommen, ein fremder, entstellender Zug allerdings, ein Zug der Gerechtigkeit. Man durfte gespannt darauf sein, wie der Volksmann Dr. Lueger, der von sich selbst behauptet, daß er freisinnig sei, sich zu dem Ansuchen stellen werde. Er bog wieder aus. Der Arme, er ist unschuldig! Er kann wieder nichts tun, rein gar nichts. Er hat die Angelegenheit dem Bürgerklub unterbreitet, auf den er natürlich gar keinen Einfluß zu üben in der Lage ist, und der Bürgerklub hat zwar die Berechtigung des Ansuchens der Minorität anerkannt, aber er stM eine Bedingung, die kein freisinniger Verband der Welt erfüllen kann: es dürften nur ch r i st l i ch e Mitglieder gewählt werden. Damit ist nun alles wieder in das richtige Geleise gebracht worden. Es gibt nur einen Punkt, aus dem alle unsere sozialen Uebel geheilt, unsere ganze Verwaltung regiert und saniert werden kann, den Punkt der Judenfrage, des Judenhaffes. Es handelt sich um die Armenpflege, um die Verwaltung eines großen Gemeinwesens, um die materiellen Jntereffen und nicht etwa um das ewige Seelenheil einer gemischten, aus zahlreichen ethnographisch und konfessionell verschiedenen Elementen zusammengesetzten Millionenbevölkerung und das Erste, was verlangt wird, ist der Taufschein. Nicht Wissen, nicht Talent, nicht Erfahrung, nicht Charakter und nicht Tauglichkeit — der Taufschein wird verlangt. Das christliche Element muß vor allen Dingen gewahrt und gerettet werden. Warum, wenn dieses schon das einzig ausschlaggebende ist, werden die Gemeinderatskandidaten nicht verhalten, zuvor erst einmal eine Prüfung aus dem großen Katechismus abzulegen? Wozu noch weitläufige Programmreden und der Schwall der großen Versprechungen? So geschehen im zwanzigsten Jahrhundert in dem großen Kulturzentrum Wien. Es ist eine kulturgeschichtliche Tragödie, die wir da miterleben, aber es ist nutzlos, darüber in Klagen auszubrechen. Wir find ja auch schon abgestumpft, und das neuerdings verhöhnte und getretene Judentum kann von sich sagen: et quandam majora tuli! Es hat schon Schwereres getragen und ist doch noch nicht niedergebrochen. Es wird auch das überdauern. Dr. Lueger hat übrigens dafür gesorgt, daß der Tragödie das abschließende Satyrspiel nicht fehle. Er belehrte den Führer der Opposition, der die seiner Partei gestellte Zumutung natürlich dankend ablehnte, darüber, daß er sich eigentlich fteuen müsse, in so „freiheitlicher" Luft zu leben, die es ihm ermöglicht habe, seine ablehnende Erklärung vorzubringen. So ein Mann der Freiheit ist er, der Doktor Lueger! Der große Volksmann, der sich die Hände in Unschuld wäscht, ist mit seiner kleinlichen Bosheit da eigentlich aus der Rolle gefallen. Die Lust am Frozzeln des Gegners hat ihn verführt. Es wäre stilvoller gewesen, es auf das Schmerzlichste zu bedauern, daß er nichts tun könne. — Wie lange wird das noch so fortgehen? — — _ Whig. Die Ratlosigkeit des Herr» v. Ptehwe. Die Kriegsnot wächst in Rußland von Tag zu Tag. In Hofkreisen erzählt man sich, der Zar habe erst vor wenigen Tagen einem seiner vertrauten Ratgeber erklärt, er persönlich sei noch unter den jetzigen Umständen bereit, sehr weitgehende japanische Anträge, wenn sie nur den Abschluß eines schnellen Friedens verbürgten, zu genehmigen. Man hat keine Ursache, die Authentizität dieser Aeußerung anzuzweifeln. In der Bevölkerung wächst von Tag zu Tag die Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Zustande und unter dem Eise phlegmatischer Indolenz flutet ein heftiger Strom von Haß gegen die offiziellen Kreise, die diesen unseligen Krieg heraufbeschworen haben. Nie zuvor war das Land so durchsetzt mit dem Geiste der Auflehnung, wie heute. Wohlverbürgte Privatmeldungen lehren, daß der Zustand des südlichen, des zentralen Rußlands und der Weichselprovinzen ebenso unruhig ist, wie der der südwestlichen. Sollte der Krieg wirklich noch ein volles Jahr dauern, dann könnte es geschehen, daß es zwischen der Bevölkerung und der Bureaukratie zu einem Kampfe auf Leben und Tod kommt. Zwar nicht zu einem Kampfe mit der Waffe in der Hand, denn eine Revolution im herkömmlichen Sinne dieses Wortes ist unter den gegebenen Umständen in Rußland nicht denkbar, wohl aber zu einem ernsten entscheidenden Ringen, zu einer Kraftprobe, zum großen Kampfe um das Recht, die Geschicke des Landes zu leiten. Herr von Plehwe sieht sich darum gezwungen, mildere Saiten aufzuziehen.

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