Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 24 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 376 Dr. Mocb's Mocbenscbrltt. Vtt. 24 schüft am häufigsten überall da, wo das polnische Element vorherrscht, in Galizien und in Russisch-Polen. Zuweilen vergessen wir daran und glauben, daß nun das große mächtige Wollen, der gewaltige Drang zur Freiheit, die Voraussetzung einer heilvollen Tat, auch in diesen Kindern des Ghettos erwachen wird. Dann aber werden wir plötzlich durch irgend eine traurige Erscheinung aus unseren Träumen gerissen und sehen ein, wie verzweifelt die Lage der Gegenwart, wie trüb der Ausblick in die Zukunft ist. Seit einigen Dezennien hat sich in P a l ä st i n a, dem ehemaligen Hort aller Freiheit, eine neue Stätte jüdischer Sklaverei gebildet. Jede Kunde, die von dort kam, klang wie das Rasseln von Sklavenketten, dort ist alles dunkel und traurig. Das ist umso betrübender, wenn man bedenkt, daß sich dort sehr leicht jüdische Freiheit und jüdischer Stolz entwickeln könnte. Die türkische Regierung hat nie einen Druck auf die jüdischen Einwohner ausgeübt, sie bekümmert sich um nichts und hemmt sie nicht in ihrer kulturellen und moralischen Entfaltung. Dort, wo französische, russische und deutsche Kolonien gut gedeihen, könnte auch neues jüdisches Leben aus den alten Ruinen blühen und eine gesunde jüdische Kultur entstehen. Es sind auch gute Anfänge in den jüdischen Ackerbaukolonien in den.letzten 15 Jahren gemacht worden, in den Städten aber, und namentlich in Jerusalem, herrscht tiefe Finsternis. Das System der Almosenverteilung, der Müßiggang und die schlechte Wirtschaft waren allerdings nicht geeignet, bürgerliche Tugenden und fteiheitliche Gesinnungen großzuziehen. Die sicherlich gut gemeinte, aber gänzlich verfehlte Wohltätigkeit verdirbt da alle guten Keime und erzieht ein Heer von rückgratlosen Charakteren. Bor einem Jahre empörte man sich in Westeuropa mit Recht darüber, daß die meisten Bettelbriefe aus Jerusalem durch die russische Postagentur befördert werden, wodurch also die russischen Finanzen zu Ungunsten der Türkei unterstützt werden. Man war entrüstet, daß sich nach den Schrecken in Kischenew noch Juden finden können, die der russischen Regierung Liebesdienste erweisen. Alle Entschuldigungen waren leere Phrasen, denn selbst wenn die russische Post etwas billiger wäre, so müßten diejenigen, die an den Wohltätigkeitssinn ihrer Glaubensgenossen appellierten, soviel Rücksicht aus ihre Gefühle nehmen, daß sie sie mit den russischen Briefmarken verschonten. Jede andere Agentur dürften sie benützen, nur nicht die Rußlands. Jetzt erfahren wir die Botschaft, daß die Juden in Jerusalem im öffentlichen Gottesdienste den Sieg de ^russischen Waffen erfleht haben!!! Diese Nachricht ist nur dazu geeignet, jeden anständig denkenden Juden mit Widerwillen zu erfüllen. Das Anrufen Gottes im Kriege ist für den modernen Menschen schon an und für sich unsympathisch. Ein Sieg kann nur durch die Niederlage des Feindes, also durch Menschenopfer, errungen werden. Auf der einen wie auf der anderen Seite aber sind Menschen und Gott ist ihr barmherziger Vater. Der Krieg ist etwas Gräßliches, und wenn er unvermeidlich ist, so sollte man wenigstens die Religion, die der Inbegriff der Liebe ist, aus dem Spiele lassen. Ja, wenn es noch ein Krieg im Dienste einer großen Idee, im Dienste der Frecheit und Gerechtigkeit wäre! Aber wo gibt es denn heute gerechte Kriege im Sinne der Ethik? Indessen können wir es menschlich begreifen, wenn Leute für den Sieg ihres Vaterlandes, für sich und ihre Familien im Kriege beten. Eine jämmerliche Heuchelei aber ist es, wenn jüdische Einwohner Palästinas um den Sieg Rußlands beten. Diese Leute sind selber russische Flüchtlinge, die die unmenschlichste Behandlung der Juden in Rußland gesehen und miterlebt haben, und nun wo sie sich einer relativ großen Freiheit erfteuen, beten sie für ihre ehemaligen Bedränger! Das kann nur Heuchelei sein, wenn es kein Wahnsinn ist. Was haben sie von Rußland im Falle eines Sieges für ihre Glaubensgenossen zu erwarten? Nur das Schlimmste, denn ein Tyrann ist in feinem Uebermute zu allem fähig. Je größer und stärker Rußland wird, eine desto größere Gefahr bildet es für die Menschheit. Wir gestehen es, jeder freiheitsliebende Jude haßt die russische Regierung aus tiefster Seele und wünscht ihr vom Herzen eine Niederlage. Diese Antipathie teilt der Jude mit allen liberalen Männern Europas und Amerikas. Ja, es gibt unter den liberalen Christen in Rußland selbst kaum einen, der nicht eine Demütigung der barbarischen Negierung wünscht. Gewiß, der Krieg ist schrecklich, aber vom Siege Rußlands ist nur noch Schlimmeres zu erwarten. Eine Besserung in der russischen Wirtschaft kann nur durch eine innere Einkehr und durch menschliche Reformen erfolgen, die aber nur als Früchte der Niederlage gedacht werden können. Tausende von Menschen gehen auch im Frieden in Rußland durch die Wirtschaft zugrunde. Wohin gelangen wir, wenn die Sachen sich so weiter entwickeln? Zur gefährlichen Anarchie, zum Kampfe Aller gegen Alle. Daher können wir nicht begreifen, wie man sich als Jude freiwillig dazu hergeben kann, für Rußlands Sieg zu beten. In Rußland selbst werden die Juden gezwungen, für den Sieg zu beten und ihren letzten Pfennig für den mörderischen Krieg herzugeben. Willig tut es Niemand. Aber wenn die Juden in Palästina eine derartige abscheuliche Demonstration für Rußmnd veranstalten, so ist das schmachvoll. Die Juden Rußlands können leider nicht dagegen protestieren, sie erwarten von den westeuropäischen Juden, daß sie dagegen Front machen, und das wird einmütig geschehen. Die Quelle dieser Verirrung ist das Gefühl der Sklaverei, aus dem heraus diese Sklavenpolitik getrieben wird. Die „Politik" ist zu einer gefährlichen Krankheit geworden. Die Führer in Frack machen vor dem Massenmörder Plehwe Reverenz — aus Politik. Die Größen in Kaftan machen diplomatische Kunststücke — aus Politik. Und nun wird sogar in Jerusalem gebetet — aus Politik. Sklavenkultus, Sklavenmoral und Sklavenpolitik — das ist das neue Milieu des Ghettos. Eine Politik, die dazu führt, das natürlichste Gefühl und die menschliche Würde zu verleugnen, ist unheilvoll. Mehr Natur und weniger Politik wäre nützlicher. , . , , F, S. Vom Zabrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Dr. Lueger's verschiedene Standpunkte. — Die Vertreibung jüdischer Armenräte. — Die Abweisung jüdischer Gemeinderäte. — Die Tragödie und das Satyrspiel.) Dr. Lueger nimmt so viele Standpunkte ein, daß seine Stellung eigentlich als eine uneinnehmbare anzusehen ist. Ist einmal der Kernpunkt seiner Position bedroht, so zieht er sich auf eines der befestigten Forts zurück, die im großen Umkreis um diesen gelagert sind. Geht es einmal mit dem Antisemitismus gar nicht, dann kann er sich hinter sein historisch denkwürdiges Bekenntnis verschanzen, daß, um ein Antisemit zu sein, man ein Narr oder ein Schurke sein müsse. Erfolgt der Angriff oder weht der Wind von der anderen Seite, dann ist er in der Lage, sich darauf zu berufen, daß für den Antisemitismus niemand mehr getan habe als er. Ist es einmal Gregorig, der ihn in die Enge treibt, dann verkündet er mit der großen Geste, die ihn so wohl kleidet und mit welcher er seiner Galerie das Zeichen zum Ausbruch der Begeisterung erteilt, daß er „für Christen und Juden" beleuchte. Die hochtrabende Banalität ist so dürftig an ihrem geistigen Gehalt, daß sie kaum noch verständlich ist, aber ihren Zweck erfüllt sie doch. Die Galerie strudelt ihn an ob seines Freisinnes und sie berauscht sich selbst an ihrer Bewunderung dieses Freisinnes. Dabei hat sie noch das beruhigende Gefühl, daß solch liberale Regungen ganz zuverlässig und ungefährlich sind. Sie haben nur das Gute für sich, daß man sich mit aller Bequemlichkeit auf sie berufen kann. Man weiß, daß der Bürgermeister innerhalb seiner Partei allmächtig ist. Es gibt keine Form der Bedrängnis und der Benachteiligung der Juden, die ihm nicht genehm und nicht nach-seinem. Herzen wäre. Wird aber die Sache einmal doch-zu