Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 24 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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N-- 24 Dr. Bloch’s Jahrgang XXI Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. A. k. Postsparragen-Amt Clearing-Verkehr Nr. 610.876. ArdarUon und Adrninistrstton. w trn IX/I, Vrrggaffr Nr. 38. Telephon Nr. 14.847. Wien, 10. Juni 1904. 4"» — =* Lisch eint jeden Freitag. - .fr- 4 <- - Brief-Adresse: Wie», IX/1, Berggaffe SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie«. Bxjujispttti fBr Orstrr reich: HaibjLhrig 8 Arenen. Einzelexemplare SO Heller, Für'» Nnulaad: Halbjiihrie 10 Kronen. Panzjiihrig 20 , ' Anzeigen: Die4malgaspaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Sklavenseelen. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgesch'.chte. Die Ratlosigkeit des Herrn v. Plehwe. „Freiwillige" Spenden. Konitzer Mord. Unglückliches Olmütz. — Moses und Hammurabi. — Korrespondenzen: Annullierte antisemitische Wahlen. „Chesed schel emes“. Israelitische Allianz Budapest, Krakau, Trautenau, Gyöngyös. Bielitz. Jüdische Statistik in Ungarn. Marquis v. Bute. Petersburg. Paris. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Baden, Olmütz, Horazdowitz, Proßnitz, Königgrätz, Zürich. — Feuilleton: Jüdische Kulturbilder. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Sklaveuseelen. Nichts schme^t so sehr, wie ein gerechter Vorwurf. „Neu culpa, mea maxima culpa“, das trifft eine Volksklaffe wie ein Einzelindividuum sehr hart. Wenn Bosheit und Torheit uns Juden alle möglichen Fehler vorwerfen, die nicht wahr oder wenigstens arg übertrieben sind, so ist das trauriger für das Kulturniveau, in dem wir leben, als für die zu Unrecht Geschmähten. Wir dürfen uns dann mit der Erfahrung trösten, daß gerade die kulturell und sittlich am höchsten stehenden Völker am meisten von den Nachbarn gehaßt werden. Das Bewußtsein, unschuldig zu leiden, demütigt nicht, sondern verleiht einen inneren Stolz und stärkt den Adel der Seele. Die meisten Untugenden, die man uns nachrühmt, sind psychologisch unverstandene Seelenqualitäten, die an sich das Prädikat schlecht, d. h. schädlich, nicht verdienen. Sie sind nur Untugenden, aus dem Milien heraus, in dem wir leben, betrachtet. Sie sind nicht germanisch oder slavisch oder romanisch und daher hält man sie in der engherzigen Kulturschablone für „schlecht". Von den wirklichen Fehlern, den Gebrechen des Ghettos dürfen wir mit Recht sagen, daß der Prozeß der Gesundung seit der Emanzipation vor sich geht und daß wir mit jedem Jahre den Fortschritt wahrnehmen können. Das beweist die Statistik, die unbefangenste aller Wissenschaften. Wenn man uns Uebermut, Zudringlichkeit, Mangel an Takt vorwirft, so sind das Sachen des Geschmackes und der Erziehung, und der Ethiker dürfte sie kaum als absolute Fehler betrachten. Die Grenze zwischen männlichem Auftreten und Ueberhebung, zwischen Liebenswürdigkeit und Zudringlichkeit vermag eben nur eine Generationen alte ästhetische Erziehung zu ziehen. Es geht mit diesen Eigenschaften wie mit den Gewürzen, sie wirken wohltuend, wenn sie richtig angewandt werden, find aber ungenießbar, wenn sie das nötige Maß überschreiten. Allein selbst in ungesundem Maße zeugen diese Fehler doch immer noch von Kraft und Temperament. Bis in die tieffte Seele hinein aber schmerzlich wirkt es, wenn man uns Feigheit, Kriecherei, Liebeswerben, Gunstbuhlerei — kurzum Merkmale des Sklavensinnes vorwirft, denn sie find leider noch in erschreckendem Maße im Ghetto des Ostens, also im eigentlichen Zentrum der Judenheit, vorhanden. Das bietet eine traurige Perspektive in die Zukunft, denn in diesen Eigenschaften des entäußerten Menschen zeigt sich die gebrochene Energie, die zertrümmerte Kraft des jüdischen Stammes. Wo das Gefühl der Freiheit, das Verständnis für Menschenwürde fehlt, da fehlt alles. Gewiß, auch hier lehrt uns die Geschichte alles zu verstehen, und alles verstehen heißt ja, alles verzeihen. Wir können den finstern Weg, auf dem die jüdische Heldenseele langsam ertötet worden ist, wir können psychologisch die Entwicklung von Rabbi Akiba bis zu den heutigen Trägern der Finsternis, von dem Kriege Bar Kochbas bis zur Metzelei in Kischenew verfolgen. Aber trostlos bleibt diese Erscheinung doch, weil sie uns gar keinen Ausweg zur Freiheit zeigt. Gedemütigte Seelen in ausgehungerten Körpern, das ist das erschütternde Bild, das uns in den jüdischen Zentren Rußlands und Galiziens überall entgegentritt. Eine ganze Bevölkerung gefangen und innerlich gefeffelt — keine Tragik gleicht dieser, denn Gefangenschaft ist schlimmer als Tod. Was in diesen Ghettis entsteht, ist düster, ohne Sonnenschein und Blumenduft. Alles trägt da den Stempel der Sklaverei, der abgestorbenen Freiheit. Manchmal flackert noch ein Rest von Energie auf, um für törichte Dinge verzehrt zu werden. An spontanen Begeisterungen mangelt es nicht, aber sie dauern alle nicht lange und erzeugen keine Werke von wirklichem Wert. Alles wird vom Wunder erwartet, nichts von eigener Kraft, der Gedanke der Selbsthilfe lebt nur in Wenigen, die Meisten führen ein Leben, das zwischen überspannter Hoffnung und dumpfer Resignation hin und her pendelt. Das ist die Frucht der systematischen Erziehung zur Sklaverei durch Jahrhunderte. Daß die Polen tausende unserer Vorfahren abgeschlachtet haben, das könnte man ihnen noch eher verleihen als das unmenschlichste aller Verbrechen, daß sie die überlebenden zu Sklavenseelen machten, sie für einige armselige Pfennige Ma-jofis tanzen ließen und aus reiner perverser Belustigung jedes Gefühl der Menschenwürde in ihnen töteten. Die Spanier schleppten die Juden zum Scheiterhaufen und machten sie zu moralischen Helden. Die edlen Polen gaben ihnen Gastfreundschast als Lohn ihrer Erniedrigung und machten sie zu Sklaven. Dort war ein abscheulicher aber doch ehrlicher Fanatismus, der zur Grausamkeit trieb, hier der Uebermut entnervter Sinnlichkeit, der nur noch an Perversitäten und Demütigungen Freude fand. Dieses Erbe einer schmachvollen Zeit hat sich leider als Fluch erhalten. Auch heute finden wir die Merkmale der Knecht-