Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 23 Dr. Dwcb's Mocbenscbrttt. Sette 375 Ingrimm. Von Baronin Bertha von Suttner.*) Deinen Manen bin ichs schuldig. Der ganze Zorn, der Dir die Stirnader geschwellt — die ganze Entrüstung, die Dir die Kehle zugeschnürt hätte, wenn Du am Leben und Zeuge dessen gewesen wärst, was neuerdings wieder geschehen, in jener Sache geschehen, für die Du Dein Wirken und Fühlen eingesetzt, das alles muß ich jetzt doppelt empfinden: einmal für mich, denn ich war ja eins mit Dir in jener Sache, und das zweite Mal für Dich, weil Du nicht mehr da bist und ich Dein moralisches Erbe zu verwalten verpflichtet bin. Zorn ist ungut, ist unwissenschaftlich? Mag sein. In den meisten Fällen. Wenn Zorn aus Heftigkeit, Bosheit und Haß zusammengesetzt ist, dann ist er ungut, wenn er sich gegen unbewußte Naturerscheinungen, wie das Gift der Schlange oder die Wut der Elemente wendet, dann ist er unwissenschaftlich: aber wenn nicht die Bosheit aufgewühlt, sondern im Gegenteil die Güte empört worden, wenn nicht der Haß gepeitscht, sondern die Liebe beleidigt, nicht der Neid entfacht, sondern die Gerechtigkeit verletzt worden sind, dann ist nicht Zorn, dann ist Gelassenheit das Ungute. Nur wenn die Ablehnung eines Uebels sich bis zum Ingrimm steigert, wird sie zur Auflehnung, zur kräftigen und siegreichen Auflehnung. Ich wollte, daß der edle Groll, den Du jetzt empfunden hättest, wie ein Gewitter über die Länder streiche und in hunderttausend Seelen blitzte, in hunderttausend Reden donnerte, vielleicht würden die Schuldigen sich dann schämen . . . Aber das feige, feige Schweigen, das indolente Bei-Seite-stehen unter der falschen Selbstbeschwichtigung: Das geht mich nichts an. Sie ist falsch, denn alles geht jeden an. Wenn Reiche glauben, es ginge sie nichts an, daß im Armenviertel die Cholera ausbricht, so täuschen sie sich, denn die Seuche dringt bis zu ihren Palästen: und wenn vornehm denkende Menschen sich sagen, es gehe sie nichts an, daß in anderen Schichten Gemeinheit grassiere, da täuschen sie sich ebenso. „Was ist also geschehen?" fragst Du. „Erzähle." Erzählen, nein, das mag ich nicht. Nur mit einem Satz berichten. In der Osterwoche brach in der russischen Stadt Kischenew eine Judenverfolgung aus. Ein des finstersten Mittelalters würdiges Gemetzel . . . Ich weiß, welcher Schmerz und welche Entrüstung Dich durchbebt hätten. Das ist das Gute am Gestorbensein, daß man den Sorgen und den Greueln von hienieden entrückt ist. Und gerade Dir, dem militanten Gegner des Antisemitismus, Dir wäre diese Orgie antisemitischer Barbarei doppelt wehtuend gewesen. Dein Zorn wäre wieder aufgeflammt nicht nur gegen die dortigen Fanatiker, sondern auch gegen alle die Gleichgiltigen, Verständnislosen, die, wenn solche Wildheiten ausbrechen, zwar voll Entrüstung sind und für die Totgeschlagenen und Ruinierten Almosen spenden, für Dein Verhütungswerk aber nur Achselzucken hatten. O, die Entrüstung war allgemein: auch bei unseren eleganten Judenhassern. „So etwas ist barbarisch", sagten sie, wenn die Berichte (gewöhnlich widerwillig durchflogen, am liebsten ganz überschlagen) der Zeitungen von ausgestvchenen Augen, *) Anmerkung der Redaktion. Die berühmte Verfasserin der „W a f f e n nieder!" läßt demnächst im Verlage von E. Pierson in Dresden ein neues Werk „Briefe an einen Tobten" erscheinen. Dem Aushängebogen dieses Buches entnehmen wir mit freundlicher Zustimmung der Verlagshandlung das vorstehend mitgeteilte Kapitel, das den fünfzehnten aus der Reihe der Briefe enthält, welche die Verfasserin an ihren verstorbenen Gemahl Arthur Gundaccar Freiherrn v. Suttner richtet. Diese Briefe bilden ein Todtenopfer und ein Denkmal für den hochgesinnten und mutigen Mann, der seine beste Kraft bis zu seinem letzten Atemzuge der Abwehr der ungeheure« Schmach und grausamen Ungerechtigkeit gewidmet hatte, unter welcher unsere Glaubensgenossen heute noch in aller Welt zu leiden haben. durchsägten Armen, ausgeweideten Leibern erzählten, „so weit solls nicht kommen: ich wollte keinen Juden ums Leben bringen, nur leiden mag ich sie nicht." Ja, ja, möchte ich ihnen darauf erwidern: Scheite herbeitragen zum Scheiterhaufen, ganz winzige, Zündstoff sammeln, in kleinen Atomen, das tut ihr, aber vom Anzünden und Ausflammen wollt ihr nichts wissen, das besorgen nur rohe Fanatiker ... ihr seid unschuldig daran und wirklich ganz empört: vielleicht ist euch sogar um die Opfer leid. Ihr habt kein Recht zu dieser Empörung, Mitschuldige! Ihr dürft nicht mitleidig sein, Mitgrausame! Bluthunde sind eine schlimme Gattung Tiere: aber schlimmer sind jene, die sie reizen und Hetzen. Das Blatt „Bessarabetz" hat an den Kischenewer Abscheulichkeiten viel tiefere Schuld als die betrunkene Horde, die in Mordraserei verfiel. Dieser Russe Kruschewan — „Hetzen unsere Blätter etwa weniger als jenes russische?" würdest Du unwillig unterbrechen. Denn Du hattest es Dir zu einer traurigen Berusspslicht gemacht, die Presse derer, die Du bekämpftest, immer zu lesen. Ein wahres Martyrium, Meiner, hattest Du da auf Dich genommen. Nicht wegen der Schmähungen und Verdächtigungen, die gegen Dich selber von jener Seite erhoben wurden — darüber muß jeder Kämpfende sich hinaussetzen, denn es ist Feindestaktik und von Feinden, bei denen bewußte Lüge vielgebrauchte Waffe ist, tun solche Angriffe nicht weh. Aber was Dich schmerzte war, was Dir aus diesem Deinem Wirkungsfelde immer wie so deutlich in die Erscheinung trat: die Bosheit der Verfolger, das Leiden der Verfolgten. Daß es in unserer Zeit noch solche zwei Gruppen geben kann, beweist, daß sie noch kein Recht hat, sich zivilisiert zu nennen, diese Zeit. Nicht aus den Angeln gehoben ist sie, wie einst Hamlet klagte: sie ist überhaupt noch nicht eingerenkt und eine mühselige Arbeit ist's, sie beeinflussen, zum Guten beeinflussen zu wollen. Man stößt dabei an einen Widerstand, der schlimmer ist als der der Widersacher — mit diesen könnte man es aufnehmen, corps ä corps —; den Widerstand der Gleichgiltigen meine ich — der Verständnislosen. Das Leid und der Zorn sind Dir erspart, den Dir die Kischenewer Greuel eingeflößt hätten ... soll mich diese banale Betrachtung trösten? Nein, das Leben ist ein zu hohes Gut, als daß dessen Verlust sich wegen vermiedener Unlust verschmelzen ließe. Ach hätte sich nur wieder Dein mitfühlendes Herz in innigem Erbarmen zusammengekrampft, wäre nur Dein edler Zorn gegen alles Grausame wieder aufgeflammt, Du hättest gesprochen, gehandelt — gelebt. Und wir hätten uns wieder einmal so verstanden, unsere Seelen wären zusammengefloffen im Gefühle der gleichen Entrüstung, der gleichen Trauer. Und das wäre ein schöner Augenblick gewesen — auch für Dich. Nein, nichts tröstet mich. Was sich da im fernen Rußland (nein, diese Bezeichnung ist falsch — heutzutage gibt es auf unserm kleinen Globus keine Fernen), was sich im angrenzenden Rußland zugetragen, jetzt wiederholt es sich mitten unter uns. Wenn auch nicht in der Form, so doch im Wesen. Ob der Judenfeind mit dem Kolben dreinschlägt oder ob er nur schimpft — er ist ein Verfolger. Im Schimpf ist der Schlag schon enthalten. In Kischenew haben die behördlichen Organe zugesehen und es geschehen laffen, daß die fanatifierte Menge auf den Juden einhieb; bei uns hören die Organe der Regierung ruhig zu, wenn im öffentlichen Landtag die blutigsten Injurien auf die Köpfe der nach Natur- und Staatsgesetzen gleichberechtigten Mitbürger niederhageln. Was ist denn wieder geschehen? Ach, ich will Dir's nicht im Detail erzählen, ich will diese Briefe nicht mit der Wiedergabe gewisser Hetzreden entwürdigen, die in unseren Beratungskörpern (um die Frage der Aerzte handelt es sich) gehalten wurden. Genug, was immer die Verfolger sagen, sei es noch so unbegrlindet, noch so beleidigend, noch so gefährlich — niemand rührt sich. Der Antisemitismus ist so „bien port6“, so salon-