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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-03 · 23 (3.6.1904) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
23 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 374 Dr. Dlocb's Mocbenscbrlkt. Str. 23 Das Lernen war ihm nicht nur eine heilige Pflicht, es war ihm eine Leidenschaft. Sein stehendes Wort war: „Gehen wir lernen", und auch wenn er mich zum Essen rief, sagte er unwillkürlich: „Gehen wir lernen!" Er hatte für jeden Tag ein bestimmtes Pensum sich vorgesetzt, das er unter allen Um* ständen, und wenn auch oft erst nach Mitternacht, fertig machte. Am Purim-Abend, wo in der Regel bis 2 Uhr morgens Besuche waren, war er nicht zu bewegen, zu Bette zu gehen; aus alle unsere Vorstellungen antwortete er: „I ch bin n o ch schuldig." Und so beendete er immer in einem Cyklus von je drei Jahren den ganzen, aus zwölf großen Folianten bestehenden Talmud. Zur Charakterisierung dieses außergewöhnlichen! Mannes, desgleichen ich auf meinem ganzen Lebenswege nicht gefunden, will ich, um nicht der Uebertreibung geziehen zu werden, das Urteil über ihn aus einer ausführlichen, vortrefflichen Monographie wiedergeben, die Dr. Emil Herzog über Miklos geschrieben und der ich manche Daten entnommen habe. Er sagt: „Als Talmudgelehrter war Reb Mendel Kirz ein G a o n, als M e n s ch — ein H e i l i g e r. An B e s ch e i d e ritz eit übertraf ihn nur Moses, an Geduld und Sanftm u t nur H i l l e l. Seine Menschenliebe war eine ideale. Als im Jahre 1878 eine große Feuersbrunst ausbrach und sein Wohnhaus in Flammen stand, kamen mehrere, um sein Hab und Gut zu retten; er aber wehrte sie ab und rief: „Lasset alles hier, wie es ist, und geht ins Nachbarhaus, dort liegt ein kranker Mann, den rettet vor allem; ja er schickte sogar seinen Sohn hin und ließ sein Haus brennen. Er wandelte auf Erden, als wäre er aus einem andern Stern geboren, wo die Menschen bester und das Leben harmonischer ist." . . . Und dieser Mann hat schwere Not gelitten und mußte die härtesten Entbehrungen sich auserlegen! Als Rabbiner-Stellvertreter bezog er von der Gemeinde kein Gehalt, nur ein treuer Anhänger brachte ihm monatlich acht Gulden, die von Wenigen für ihn eingehoben wurden; sonst bestand sein Einkommen in den üblichen Spenden zweimal des Jahres und in den Gebühren für Trauungen auf dem Lande, wenn er den Rabbiner vertrat. Die Bedürfnisse des Hauses mußten nach diesem kärglich bemessenen, vom Zufall abhängigen Einkommen sehr beschränkt werden, und obschon ich in meinen Ansprüchen bescheiden bis zur Selbstverleugnung gewesen, war es für mich dennoch ein unendlich peinliches Gefühl, die Last des Haushaltes zu erschweren. Oft kam die Schwiegermutter um zehn Uhr vormittags zu Tische, an dem wir lernten, stützte ihr sorgenschweres Haupt auf die Hand und sagte: „Mendel, woher soll ich für das Mittagmahl zu kochen nehmen?" Er aber ließ sich nicht stören. „Nu, Mendel!" klang es dringender, schärfer. „Geh'n wir lernen!" war die stereotype Antwort, bis die arme Frau, müde zu ftagen und immer denselben Bescheid zu erhalten, selber den Geist abmühte, um in irgend einer Weise das Fehlende zustande zu bringen. Noch heute tut es mir in der Seele weh, so ich mich daran erinnere, wie dieser edelste der Menschen, der ein leidenschaftlicher Raucher war, die Pfeife ausklopfte, um die halbverbrannten Tabakreste zusammenzusuchen und sie wieder anzuzünden, weil er den „Kreuzer Münz" auf Tabak nicht hatte. Die geringen persönlichen Bedürfnisse für mich und meine Frau deckte das Zinsenerträgnis meiner Mitgift; aber ich mußte daran denken, daß diese Bedürfnisse naturgemäß sich mehren werden und das Kapital — sechshundert Gulden — wollte ich nicht angreifen. Ich machte daher den Versuch — ein Weinhändler zu werden. Ende Oktober, vor der Weinlese, ging ich nach Liszkö — bekannt durch den dort residierenden Wunderrabbi Reb Herschele — um dort in der berühmten Hegyrllja „Trockenbeere" zu kaufen und dauüt Geschäfte zu machen. Daselbst wohnte der Bruder meines Schwiegervaters und der sollte mir an die Hand gehen. Ich kam eben zu einer Zeit, wo der arme Mann von schweren Sorgen bedrängt war. Er hatte die Tochter, ein schönes, intelligentes Mädchen, zur Braut gemacht, und zwar gegen ihren Willen; denn der Mann, den der Vater für sie bestimmt hatte, war zwar ein „feiner Bochur", überaus fromm und talmudkundig — er war der „Hausbochur" des Szikszüer Rabbiners R. Feisch Fischmann — und mein Onkel, selber ein scharfsinniger Talmudist, hatte ihn unter vielen auserkoren; aber der Arme war abschreckend häßlich und ein „S ch l e h m i l" — zum Erbarmen. So hatte ihm z. B. der Onkel einen neuen Anzug anfertigen lassen, damit er zur Anschau repräsentabler erscheine, und als er ankam — natürlich um einen Tag später, als man ihn erwartete, weil er richtig den Zug ve säumt hatte — da sah der Unglückliche in seiner Bestürzung, daß er den.Anzug in — Liszko vergessen hatte. Trotzdem hat die Verlobung stattgefunden; aber das Mädchen fühlte sich unglücklich und klagte mir weinend sein Leid. Ich machte den: Vater Vorstellungen, aber er konnte diesen Widerstand der Tochter gar nicht begreifen. „Und wenn er nicht sehr „cheiiedig“ (anmutig) ist — was weiter? Einen besseren Bochur wird sie nicht bekommen". Als ob es dem armen Kinde gar so sehr um einen Bochur zu tun gewesen wäre! Weit mehr drückte den Onkel die Sorge, woher er die Mitgift von vierhundert Gulden herbeischaffen solle. Denn er hatte nur eine kleine Grcislerei, die nichts abwarf, und er verstand den Talmud viel besser als das Geschäft. Seine Eigenart als Kaufmann war eine gar seltsame, die Käufer mußten sich seinem Willen unterordnen. Wenn jemand an einem etwas wärmeren Tage um Gerstel kam, so gab er ihm — Hirse, denn „Gerstel können vielleicht schon „milbig" sein". Aus demselben Grunde mußte der Käufer, der Rosinen wollte, Mandeln nehmen, und!ver Freitag nachmittags Erbsen zum „Scholet" wollte, dem sagte er: „Ihr habt doch keine Zeit mehr, die wurmigen Erbsen herauszuklauben; eßt morgen Bohnen!" Unter solchen U!nständen konnte das Geschäft kaum das Nötigste bieten, keineswegs aber die Summe von vierhundert Gulden, die er zur Mitgift für seine Tochter brauchte. Woher soll da die Hilfe kommen? Und sie kam ausgiebiger, als er sie erwartet, und rascher, als er sie gehofft hatte. Als ich nach Liszko kam, begann es zu regnen und es regnete Tag und Nacht, ohne Unterlaß fünf volle Tage, als wollte Gott eine neue Sintflut über die Erde bringen, und — er wollte doch nur einen braven frommen Mann die schwere Sorge nehmen — und so sah ich ein, daß diesmal, wo die Hoffnung auf eine gute Weinlese zu Wasser geworden, ein Geschäft zu machen, ein sehr gewagtes Unternehmen wäre. Mein Onkel bestärkte mich in meinen Bedenken und gab mir den Rat, ich möge nur nach Hause fahren und das Geld ihm dort lassen, bis die Konjunktur sich klären und er vielleicht später doch die Tokayer Trockenbeeren für mich werde einkaufen können. Ich befolgte den Rat, übergab ihm meine sechshundert Gulden — und in kurzer Zeit ward Hochzeit g e m a ch t. So „verläßt Gott seine Frommen nicht". — Auch mich verließ er nicht. — Denn schon nach wenigen Wochen hatte mir mein Onkel, kaum daß er seiner Tochter Hochzeit gemacht hatte, die vollen sechshundert Gulden und überdies noch zehn Gulden als „Profit" vom Geschäfte erstattet. Der Schwiegersohn hatte nämlich seine ganze Mitgift als Kapitalsanlage ins Geschäft gegeben! — Das will ich jetzt schon, bevor ich nachstehende Episode erzähle, zur Ehre meines Onkels festgestellt haben. (Fortsetzung folgt.)

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