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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-03 · 23 (3.6.1904) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
23 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 23 Dr Blocb’s MocbenscbrM. Seite 371 legung ihrer Werke, die eine Förderung der jüdischen Wissenschaft bedeuten, ermöglicht und erleichtert. Das anfangs dieses Jahres erschienene Jahrbuch hat in der inländischen und ausländischen Presse zustimmende und anerkennende Beurteilungen erfahren. Die als Lösung der Preisaufgaben eingereichten Arbeiten konnten leider nicht als befriedigend anerkannt und preisgekrönt werden, der Vorstand hat vielmehr eine Verlängerung der Einlieferungsfrist beschlossen und wird demnächst Näheres darüber veröffentlichen. Im vergangenen Winter hat vor einer zahlreichen Versammlung, zu der die Indisch-literarische Gesellschaft ihre Mitglieder eingeladen hatte, Herr Prof. Barth aus Berlin einen mit ungeteiltem Beifall aufgenommenen Vortrag „Der Monotheismus und die Ausgrabungen" gehalten. Das zweite Jahrbuch ist bereits in Vorbereitung; . es wird wiederum Beiträge bedeutender Gelehrter enthalten und voraussichtlich vor Schluß des Jahres erscheinen. In Hamburg hat sich im abgelaufenen Jahre ein Lokalkomitee gebildet, an dessen Spitze Herr Oberrabbiner Hirsch steht und das mit großem Erfolg die Propaganda in Hamburg und Altona unternommen hat. Andere Lokalkomitees sind in der Bildung begriffen; inzwischen ist aber auch, ohne daß die persönliche Propaganda bisher ausgenommen werden konnte, die Zahl der auswärtigen Mitglieder weiter gewachsen. Demgemäß lieferte auch der vom Kassier erstattete Bericht ein im allgemeinen erfreuliches Bild guter Entwicklung. Immerhin ist die bisher geleistete Arbeit, wie beide Berichterstatter betonten, erst der Anfang dessen, was der Jüdischliterarischen Gesellschaft als Ziel ihres Strebens gesetzt ist, und sie bedarf zur Lösung der umfassenden Arbeiten auch einer Steigerung der finanziellen Kräfte. Die Diskussion ergab die Zustimmung der Versammlung. Dem geschäftlichen Teil war satzungsgemäß ein wissenschaftlicher Vortrag vorausgegangen. Herr Rabbiner Dr. Bondi ans Mainz sprach über den Siddnr des Gaan Saadia und berichtete auf Grund seiner Arbeiten nach dem Manuskript der Bodleana und seinen Forschungen in den aus der Kairo-Geniza stammenden Fragmenten über den Inhalt und die Anordnung dieser ältesten uns erhaltenen Gebetordnung, sowie über das hohe Interesse, das sie nicht nur für den Erforscher der hebräischen Poesie, sondern auch für denjenigen biete, der sich mit der Halacha beschäftigt. Der Vortrag wird demnächst in Druck erscheinen; es wird dann Gelegenheit gegeben sein, seine wissenschaftlichen Ergebnisse näher zu würdigen. Eine antisemitische Bank. Der Prozeß gegen den Direktor und drei Aussichtsratsmitglieder der im Herbst verkrachten „Hannoverschen Landesbank", dessen viertägige Verhandlungen vor der Strafkammer in Hannover die Gemüter in Spannung hielten, beansprucht angesichts der Art der ganzen Gründung und der eigenartigen Geschäftspraxis, wie sie im Prozeß enthüllt wurde, allgemeineres Interesse. Bei der Bank handelte es sich, wie wir seinerzeit mitgeteilt haben, um ein gleichsam politisches Unternehmen, das Ende der Neunziger-Jahre von den dortigen Führern der Antisemiten ins Leben gerufen wurde, um gegenüber den Berliner oder ihrem Einfluß unterworfenen Banken ein besonderes Institut für die ausschließlichen Interessen der Landwirte, Gewerbetreibenden, Beamten rc. zu schaffen, da in den Kreisen dieser Genasführten die antisemitische Bewegung ihren hauptsächlichen Boden fand. Es wurde eine Aktiengesellschaft gegründet mit einer Million Kapital, von dem aber zunächst nur 250.000 Mark „eingezahlt" wurden, das heißt nominell. Denn gleich die Gründung stellte sich als ein sehr zweifelhaftes Manöver dar, indem dem protokollführenden Notar wohl dieser Betrag vorgezählt wurde; es wurden aber sofort wieder zirka 118.000 Mark davon weggenommen, die von den Gründern, beziehungsweise ihren Strohmännern nur leihweise für den notariellen Akt eingeschossen waren. Statt sich nun aus einfache redliche Bankgeschäfte zu beschränken, bekundete sich die Haupttätigkeit der antisemitischen Bank in den wildesten Spekulationen. Alle möglichen Leute, die mit den Direktoren oder Aussichtsräten bekannt waren oder wurden, erhielten ohne jede oder ohne nennenswerte Deckung ein Konto eingeräumt, aus das lustig losspekuliert wurde. Gewerbetreibende mit nichts als ihrem Geschäft, Beamte mit nichts als ihrem Gehalt standen auf diese Weise bald mit Summen bis 100.000 Mark Unterdeckung und darüber bei der Bank zu Buche. Vorstand, Aussichtsräte, Buchhalter der Bank rc. machten selbst eifrig in Ultimogeschäften, sogar unter fingierten Konten, für die es keine Inhaber gab. Der Direktor machte mit einigen Kunden halbpart, und was dergleichen antisemitische Scherze mehr sind. Tie Gesamtverluste, fast ausschließlich durch solche wahnwitzige Spekulationen verursacht, betrugen beim Zusammenbruch der Bank mehr als 1V , Million Mark, so daß nicht allein das gesamte Aktienkapital, sondern noch zirka 200.000 Mark Spareinlagen und 100.000 Mark an sonstigem eingezahlten Kapital verloren wurden. Das Institut arbeitete von vornherein mit Unterbilanz: trotzdem wurden noch bis kurz vor dem Zusammenbruch nach kaum dreijährigem Besteherl die glänzendsten Geschäftsberichte veröffentlicht; es wurden Dividenden und Tantiemen verteilt u. s. w. Zu diesem Zwecke wurden gefälschte Bilanzen vorgelegt und vom Ausfichtsrat, zum Teil wisserrtlich, genehmigt. Diese Machenschaften waren Gegenstand der gegenwärtigen Verhandlungen gegen den Direktor Schumann und drei Aufsichtsratsmitglieder, den Apotheker Oehlmann, den Schuhwaarenfabrikanten Giesecke und dessen Prokuristen Weber. Das Urteil lautete gegen Schumann auf zwei Jahre Gefängnis und 2000 Mark Geldstrafe, gegen Giesecke auf sechs Wochen Gefängnis und 500 Mark Geldstrafe, gegen Oehlmann und Weber auf je ein Monat Gefängnis und 500 Mark Geldstrafe. Das Aufsichtsratsmitglied Dr. Lindström, ein bekannter antisemitischer Agitator und Hauptgründer der Bank, der als Zeuge auftrat, wurde abends nach Schluß des Prozesses in seinem Hotel tot aufgefunden. Angeblich ist er an einem Gehirnschlage gestorben. Warschau. Einer der bedeutendsten Literaten der russischen Judenheit, Chajim Selig S l o n i m s k i, der Begründer der Zeitschrift „Hazefirah", ist in hohem Greisenalter verschieden und unter massenhafter Teilnahme der jüdischen Bevölkerung auf dem Warschauer Friedhof bestattet worden. S l o n i m s k i war noch ein Zeitgenosse von Zunz und Rapoport und zählte zu den Begründern der neujüdischen Literatur und Erweckern des jüdischen Bildungsgeistes. Aus der Talmudschule hervorgegangen, hat er sich in der Wissenschaft der Astronomie, Mathematik und Physik einen Rang e.worben, der ihn befähigte, wertvolle Erfindungen zu machen, welche ihm wiederholt bedeutende Preise eintrugen. Für die Erfindung einer Rechenmaschine widmete ihm die Petersburger Akademie der Wissenschaft den Demidow-Preis von 2500 Rubel und die Regierung ernannte ihn zum Ehrenbürger. Die Rechenmaschine kaufte man in England für 400 Pfund Sterling. Zusammen mit Aron B e r n st e i n in Berlin entdeckte er die Methode, vier Depeschen gleichzeitig auf einem Draht zu befördern. Zu seinen bedeutendsten Werken gehört jedoch seine hebräische Arbeit über Astronomie, Optik und die verwandten Gebiete, der später nach -einem literarischen Kampfe, der zwischen ihm und dem Gelehrten H. M. P i n e l e s ausbrach, eine spezielle Untersuchung der jüdischen Aera und deren Kalender folgte. S l o n i m s k i war eine Zeit lang Inspektor der Schule in Shitomir, nach deren Eingang gründete er die Zeitschrift „Hazefirah", die er später im Vereine mit dem genialen R. S o k o l o w als Tageszeitung herausgab. Er erfreute sich auch der Gunst und Freundschaft Alexanders von Humboldt und dieser Freundschaft setzte er ein schönes Denkmal in einem hebräischen Buche. Auf viele Generationen hat er geistig eingewirkt, nicht blos die Elite der Intelligenz, sondern auch die große Masse empfing von ihm fruchtbare Anregung. Ehre seinem Gedächtnis! Moskau. Der Heimgang unseres Philanthropen W is fotz ki hat nicht bloß in unserer Stadt, sondern in ganz Rußland allgemeine Teilnahme geweckt. Wissotzki gehörte mit Herz und Kopf dem jüdischen Volke, und seiner geistigen, sowie materiellen Not widmete er seine Teilnahme und seine Tatkraft. Sein Vermögen, welches er sich mühselig erworben, denn er war der Sohn eines unbemittelten Kaufmannes und in der Jugend der Jünger einer

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