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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-03 · 23 (3.6.1904) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
23 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 368 Dr. Mocb's MLocbenscbrttr. Nr. 23 zu diesen lumpigen 25.000 Francs für Hudeczek, den Kronzeugen, windet sich schillernd das giftige Band der Lüge, mit welcher das Kulturantlitz einer ganzen Nation beleidigt wurde. Die große Wäsche geht ihrem Ende zu. Die letzten Flecken vom Marmorantlitz der Republik werden jetzt weg—verhaftet. Der Benjamin unter den Fälschern legt sein Radiermesser bei Seite. Es ist zu nichts mehr nütze. Tragt die Register fort! Hl. E. B. Flavins Josephus uu& die heilige Schrift. Viel bewundert und viel geschmäht wurde in alter wie in neuer Zeit der Verfasser der jüdischen Antiquitäten und des jüdischen Krieges Flavius Josephus. Auf der einen Seite schlug man seine Bedeutung so hoch an, daß man ihn durch Errichtung eines Standbildes in Rom und durch Einreihung seiner Werke in Roms öffentliche Bibliothek ehrte, auf der anderen Seite häufte man die größten Schmähungen auf ihn und bezeichnte den von seinen Verehrern sogar als griechischen Livius gepriesenen Schriftsteller als einen parteiischen, höchst unzuverlässigen Kompilator oder als einen Historiker von außerordentlich subjektiver Färbung, dessen Subjektivität von der schlechtesten Art sei, der nicht bloß ein gedrücktes, sondern ein verwundetes Gewissen habe. Er verdiene wegen seiner absichtlichen Entstellung der Tatsachen gar nicht zu den Geschichtschreibern gezählt zu werden, ihm gebühre vielmehr der Name eines Fabulators, und Alles, wofür nicht noch anderweitig Zeugnisse vorliegen, sei geradezu in entgegengesetzter Weise, als es von Josephus berichtet ist, darzustellen. Und in dieser Verurteilung begegnen einander wiederum nicht nur heidnische und christliche Autoren, sondern auch die eigenen Volksgenossen stimmen zum Teil rückhaltslos in das Verdammungsurteil ein, wie z. B. der Bibelexeget und Staatsmann Don Jsak Abrabanel aus dem 15. Jahrhundert, der von Josephus behauptet: „In vielen Dingen entstellte er die Wahrheit, selbst da, wo die heiligen Bücher uns noch vorliegen, um bei den Römern Gunst zu erlangen, wie ein Sklave sich dem Willen seiner gestrengen Herren fügt." So schwankt denn bis auf den heutigen Tag die Meinung über einen, was den Umfang seiner Werke anbelangt, überaus fruchtbaren Schriftsteller, der unter Anderem auch solche Partien der Geschichte behandelt, aus welchen uns sonst gar keine oder doch nur fast bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Denkmale erhalten sind, der uns äußerst wertvolle archäologische Notizen hinterlassen, und in den vornehmsten und tonangebenden Kreisen der jüdischen und der römischen Welt heimisch, uns wie kaum ein Zweiter aus eigener Wahrnehmung wichtige Aufschlüffe über das soziale Leben, über Sitten und Anschauungen seiner Zeitgenossen zu geben vermochte. Und es ist wahrlich kein müßiger Streit; von dem Ausfälle desselben hängt für die Altertumsforschung sehr viel ab; ist bei Josephus auch nur die subjektive Wahrheit vorhanden, so bilden seine Schriften eine wahre Fundgrube, die an Wissenswertem eine reiche Ausbeute liefert und aus welcher ein erhellendes Licht in die verschiedensten Gebiete der Kulturentwicklung des orientalischen Altertums dringt; muß ihm die Wahrheitsliebe aberkannt werden, so wird die Nebelhülle, die uns den Ausblick in manche abgelegene Partien einer untergegangenen Welt erschwert, kaum jemals beseitigt werden können. Darum begrüßen wir freudig die in den letzten Jahren von jüdischen und christlichen Gelehrten eifrig wieder aufgenommenen Versuche, Flavius Josephus auf seine Quellen zu prüfen und die Grundsätze zu erforschen, von denen er sich, namentlich bei Abfassung seines Hauptwerkes, der jüdischen Antiquitäten, hat leiten lassen. Mannigfache Jrrtümer, die früher allgemein verbreitet waren, sind schon richtiggestellt worden, manche Zweifel sind bereits einer positiven oder negativen Gewißheit gewichen, und wenn es auch noch nicht möglich ist, zu einem abschließenden Urteile zu gelangen, so ist durch die bisher gewonnenen Resultate doch schon so viel erzielt worden, daß die Behauptung, Josephus habe historische Tatsachen geradezu gefälscht und wider besseres Wissen aus tendenziösen Gründen die Unwahrheit berichtet, sich in ihrer Allgemeinheit nicht mehr auftecht halten läßt. Auch die bislang unentschieden gebliebene Frage, wie groß oder wie gering das Ausmaß seiner Kenntnisse in der hebräischen Sprache und griechischen Literatur gewesen, läßt sich jetzt schon mit ziemlicher Sicherheit beantworten, und endlich ist die Existenz einer nicht unbeträchtlichen Anzahl von Interpolationen und Zusätzen, sowie von Abschreibefehlern, Randbemerkungen und willkürlichen sogenannten Verbesserungen nachgewiesen, welche bisher das Verständnis erschwerten Md die Bildung eines gerechten Urteils verhinderten. Der Schwierigkeiten bleiben freilich immer noch sehr viele übrig und diese erwachsen zum großen Teile aus der Unklarheit der religiösen und politischen Stellung, welche Josephus zu den unter seinen Glaubensgenossen verbreiteten Parteien und zu den Römern eingenommen hat. Ein kurzer Abriß des Lebensganges unseres Autors und der verschiedenen Entwicklungsphasen, die er durchlaufen, eine gedrängte Auseinandersetzung der Methode, nach welcher in den palästinensischen und alexandrinischen Lehrhäusern die Schriftforschung betrieben wurde, ist daher unerläßlich, um das Verhältnis des Verfassers der Antiquitäten zu der heiligen Schrift einigermaßen richtig zu erfassen. Joseph ben Mathia, das ist sein eigentlicher Name, wurde um das Jahr 37 n. Ehr. zu Jerusalem geboren, er entstammte einer angesehenen priesterlichen Familie und soll von weiblicher Linie mit dem makkabäischen Hause verwandt gewesen sein. So behauptet er nämlich selbst in der von ihm verfaßten vita, von anderer Seite wird dies jedoch bestritten, und da er — das sei schon hier bemerkt — in Bezug auf seine eigene Person sehr wenig glaubwürdig ist und an einer krankhaften Eitelkeit leidet, so ist es sehr wohl möglich, daß er die Verwandtschaft mit der ehemaligen Königsfamilie nur erfunden hat, um sich dadurch ein recht vornehmes Gepräge aufzudrücken. Er erhielt eine sorgfältige Erziehung und gründlichen Unterricht in jüdischer Wissenschaft, so daß er als 14jähriger Knabe schon seine Mitschüler überflügelte und endlich solche Autorität erlangte, daß die Priester sowohl als die Vornehmsten der Stadt in rituellen Fragen bei ihm sich Rat erholten und über den tieferen Sinn der Gesetzesvorschriften sich von ihm belehren ließen. Man hat auch diese Nachricht vielfach angezweifelt und für Prahlerei gehalten, aber die Uebereinstimmung oder doch die Ähnlichkeit mancher Erklärungen des Josephus mit den in der jüdischen Tradition und nur in dieser enthaltenen Interpretationen und Erläuterungen spricht für die Richtigkeit dieser Behauptung. Mehrere Jahre soll er auch Jünger eines Essäers gewesen sein und nach der essäischen Lebensweise sich nur von Feldfrüchten genährt haben. Sein Wissensdurst war aber durch die bloße Beschäftigung mit der in Palästina üblichen Bibelforschung auf die Dauer nicht zu befriedigen; ut den Schulen und Lehrhäusern zu Jerusalem pflegte man nämlich an die einzelnen Schriftverse exegetische Bemerkungen, moralische Betrachtungen anzuknüpfen, und vor allem die in der heiligen Schrift erzählten Ereignisse durch Legendenzu erweitern; sodann wurden durch Urgierung einzelner Wörter und Buchstaben, durch Anwendung von Analogien und logischen, mitunter auch spitzfindigen Schlußfolgerungen und Zuhilfenahme sogenannter Ableitungsregeln, die von dem im ersten Jahrhundert vor Christi lebenden Hillel eingeführt waren, neue Gesetze entwickelt; das alles geschah jedoch mündlich und pflanzte sich im Wege der Ueberlieferung vom Lehrer auf den Schüler fort. In Egypten hingegen, in welchem die Kenntnis des Hebräischen unter den Juden nur äußerst mangelhaft war und woselbst man sich fast ausschließlich des griechischen Bibeltextes der Septuaginta bediente, war eine ganz andere Schriftforschung in Uebung, hier pflegte man zu allegorisieren und durch religionsphilosophische Deutungen die biblischen Lehren zu erweitern. Der hervorragendste Vertreter dieser Richtung war der berühmte Hellenist Philo, ein älterer Zeitgenosse des Josephus, dessen Schriften damals viel gelesen wurden. Josephus, vom Wissensdurst getrieben, wandte sich nun ebenfalls der griechischen Literatur zu; es kostete ihm dies nach eigenem Geständnisse zwar sehr viel Mühe, und besonders fiel ihm die Aussprache des Griechischen so schwer, daß er sie sich nach jahrelanger Beschäftigung mit derselben nicht aneignen konnte; aber durch beharrlichen Fleiß brachte er es schließlich, wenn auch nicht gerade zur Meisterschaft, so doch zu einer bedeutenden Fertigkeit hierin, und keiner seiner Landsleute konnte sich auf diesem Gebiete mit ihm messen. Im 26. Lebensjahre hatte Josephus Gelegenheit, nach Rom zu reisen, um sich für die Freilassung zweier gefangener Pharisäer zu verwenden. Durch Vermittlung eines jüdischen Schauspielers wurde er bei der den Juden sehr gewogenen Kaiserin Poppaea eingeführt und seine Sendung war von Erfolg gekrönt. Allein er kehrte als ein Anderer nach Jerusalem zurück; der Aufenthalt in der Weltstadt war für die Entwicklung seines Charakters entscheidend. Der Glanz^des römischen Kaiserhofes, die Großartigkeit der römischen Staatsinstitutionen und so vieles Andere, was seinen erstaunten Blicken sich darbot, blendete ihn so sehr, daß er von dieser Zeit an ein Bewunderer der Römer geworden und Zeit seines Lebens geblieben ist. Dem jüdischen Glauben blieb er zwar von ganzem Herzen zugetan und war von ungeheuchelter Verehrung für ihn erfüllt; aber die Vorliebe für die römische Politik und das Verlangen, in den Augen der vornehmen Römer Geltung und Bedeutung zu erlangen, brachte einen inneren Widerspruch in ihm hervor, dessen er sich selbst wohl niemals voll bewußt geworden ist, der ihn aber ganz und gar beherrschte und von dem er als Staatsmann wie als Schriftsteller beeinflußt wurde. In damaliger Zeit bildeten Judentum und Römertum schroffe Gegensätze; Roms Arm lag mit erdrückender Schwere auf dem geknechteten Judäa, die Landpfleger, welche die römische Macht in Palästina vertraten, waren wie die meisten Römer von Haß gegen die jüdische Nation und Religion erfüllt und ließen kaum eine Gelegenheit vorübergehen, die religiösen Institutionen des Judentums zu verhöhnen und die nationale Empfindlichkeit der Juden zu verletzen.

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