Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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T-vnmrzvnsasm 9lr. 23 Dr. Blocb's MocbenscbrM. Seite 367 Lesfing und Mendelssohn. Als Lessing in Breslau als Sekretär des Generals Tauenzien lebte, opferte er seine literarische Tätigkeit einer Zerstreuung, welche bei seinen Freunden große Besorgnis erregte, nämlich dem gedankenlosesten aller Spiele, dem Pharo. Ihm aber diente, wie er sich selbst äußerte, diese Beschäftigung zu offenbarem Gewinne, indem sie durch die Beobachtung der Leidenschaften seine Kenntnis der menschlichen Natur vermehrte. Einer seiner Freunde, der ihn am Pharotische beobachtete, sah, wie ihm die Hellen Schweißtropfen auf der Stirne standen, obgleich er gerade sehr glücklich spielte. Als ihm der Freund beim Nachhausegehen Vorwürfe machte, daß er dadurch seine Börse und seine Gesundheit zerrütte, antwortete er: „Du irrst. Wenn ich kaltblütig spielte, würde ich gar nicht spielen. Ich spiele mit gutem Grunde so leidenschaftlich; die heftige Bewegung setzt meine stockende Maschine in Tätigkeit und bringt die Säfte in Umlauf, sie befreit mich von einer körperlichen Angst, an der ich oft leide". Uebrigens scheint die wachsende Leidenschaft zum Spiel Lessing dermaßen in Anspruch genommen zu haben, daß er seine Freunde, namentlich die in Berlin, ganz vergaß, und wenn er an sie schrieb, literarische Gegenstände ganz vermied. Moses Mendelssohn, der sich unter seinen Freunden am meisten für ihn interessierte, warnte ihn in einem Briefe, und als dies nicht fruchtete, ließ er in einige Exemplare seiner philosophischen Schriften, von denen er eins Lessing sandte, drucken: „Ich lege meine Blätter zu Füßen eines Götzen nieder, der den Eigensinn hat, sehr harthörig zu sein. Ich habe gerufen und er antwortet nicht. Jetzt verklage ich ihn vor dem Richter, dem Publikum. Die Spötter sagen: rufe laut, er dichtet, oder hat zu schaffen oder ist über Feld oder schläft vielleicht — daß er erwache! — O nein, dichten kann er, aber leider, will er es nicht, reisen möchte er, aber das kann er nicht. Zum Schlafe ist sein Geist zu munter und zu Geschäften zu lässig. Sonst war sein Ernst das Orakel der Weisen, sein Spott eine Rute aus dem Rücken der Toren. Jetzt aber ist das Orakel verstummt und die Narren trotzen ungezüchtigt. Er hat seine Geißel Anderen übergeben, aber sie streichen zu sanft, denn sie fürchten Blut zu sehen. Und er — Wenn er nicht hört, nicht spricht, nicht fühlt, Noch sieht, -— was tut er denn? — Er spielt." Lessing erhielt durch diese satyrische Dedikation keinen geringen Schreck, denn er glaubte, sie sei allen Exemplaren vorgedruckt und Mendelsohn's Zweck war also erreicht. Des Lügenstückes letzter Akt. (Zum Abschluß der Dreyfus-Affaire.) In Paris ist dieser Tage ein kleiner Berwaltungsosfizier verhaftet worden. Herr d'Autriche. Ein fleißiger und pünktlicher Beamter, ein Virtuose des Federmessers und der Radiergummi. Die Geschichte seiner Verhaftung ist sehr hübsch, sehr einfach, sehr verständlich. Der Herr Rat Athalin vom Cassationshvfe, bei dem sich die letzte Szene der großen Dreysus-Kampagne abspielen wird, hat eine nette Aufgabe. Er darf den Lügengespinnsten nachspüren, die ein gewisser Cernuschi kurz vor dem Abschlüsse des Prozesses in Rennes vor dem Militärgerichte gesponnen. Herr Cernuschi war bestochen worden und da empfahl es sich denn, die Bücher des Ministerialbureaus auf die Summe zu untersuchen, die wahrscheinlich an Cernuschi abgegangen. Herr Athalin kam also in das betreffende Bureau und fand Herrn d'Autriche fleißig bei seiner Arbeit. Vor dem braven Offizier lag das Register und der Wackere war eben damit beschäftigt, die Eintragungen mit dem Federmesser und dem Radiergummi zu korrigieren. Er eskamotierte Einiges hinweg, aber er war auch objektiv genug, Einiges hinzuzufügen. Das weckte die Begierde des Herrn Rates und bald war ein anziehendes Gespräch im Gange. Der brave d'Autriche sagte, da er in der Eile vergaß, sich zu verstellen, die Wahrheit. Das Unglück will es, daß er in der Revision des Dreyfus-Prozesses als Zeuge vor dem Kassationshof erscheinen muß, und so blieb denn nichts anderes übrig, als die Bücher mit den Aussagen „in Einklang zu bringen", die Herr d'Autriche als Zeuge Vorbringen würde. Eine Bagatelle, 25.000 Francs, „übergeben an Austerlitz". Der Herr Rat blieb väterlich und korrekt. Für wen diese 25.000 Francs, mein Sohn'? — Für Cernuschi? — Herr d'Autriche schwieg und war außer Stande, über die Verwendung des Geldes Ausschluß zu geben. Man suchte also weiter und fand einen Brief des Hauptmannes Francois, der dem Nachrichtenburcau des Kriegsministeriums bis vor kurzem angehört hatte. Francois war von d'Autriche gewarnt worden, ja nur vorsichtig zu sein, und Herr Frantzois versicherte prompt, er werde vor dem Kassationshose alles leugnen. Man muß sich zunächst an den wackeren Cernuschi erinnern. Es war kurz vor dem Urteile von Rennes. Vor dem Kriegsgericht erschien ein etwas reduziert aussehender Herr und ließ sich erschöpft nieder. Ein Fremder, ein Vertriebener, ein Flüchtling. Vor dem Heldenvater der Lüge, vor dem berühmten General Mercier, machte er eine tiefe Verbeugung. Wichtiges wußte er. Er ,rammte zwar von der „alten serbischen Dynastie", besaß aber auch sonst eine hübsche Begabung für Märchen und traurige Legenden. In Paris führte ihn das Schicksal mit einem „Generalstabsossizier einer europäischen Macht" zusammen, der alle auf eventuelle französische Kriegsvvrbereiiungen gerichteten Dokumente bei sich trug. Von wem haben Sie die? fragt Cernuschi. „Von Dreysus". Aber Hudeczek von Cernuschi hatte Pech. Maitre Labvri sorgte für ein genaues Signalement des neuen und plötzlichen Kronzeugen, und so erfuhr man denn, daß das Kriegsministerium in Wien diesen Abkömmling einer alten serbischen Dynastie sehr genau kannte, daß der wackere Cernuschi zwar irrsinnig war, aber keinerlei Schulden beglich, daß er die Blattern gehabt habe und sich auch sonst in üblen Verhältnissen befinde. Mit ein paar wuchtigen Schlägen war Labori fertig. Der Anwalt der Klage, Major CarriOre, hatte nicht mehr den Mut, diesen Zeugen zu berücksichtigen. Aber in den Büchern, in den Registern des französischen Kriegsministeriums lebt er wahrscheinlich unter dem Titel 25.000 Francs fort, die an den offenbar stngirten Namen „Austerlitz" abgingen und über deren Natur der wackere d'Autriche nichts zu sagen wußte. 25.000 Francs, das ist nicht viel. Auch zum Radieren zu wenig. Aber diese 25.000 Francs sind wahrscheinlich mit eine Post in der kolossalen Unterbilanz der Lüge, die seit dem Jahre 1804, seit der Verhaftung und raschen Deportation des Kapitäns Dreysus, ganz Frankreich beschmutzt hat. Tie letzten Tropfen dieser trüben Brühe fallen zur Erde. Die große Gemeinheit, die zehn Jahre lang über dem öffentlichen Leben der Republik schwebte, zergeht jetzt in kleine Verhaftungen. Heute, nach diesen zehn Jahren Dreysus-Kampagne, steyt das kolossale Dokument menschlicher Niedertracht und Gemeinheit wie ein Denkmal öffentlicher Verderbnis und Schamlosigkeit vor Aller Augen. Von dem schüchternen Protest des Senators Scheurer-Kestner (Ende Oktober 1897) bis zum 4'aoen^o des großen Zola, bis zur Flucht Esterhazy's, bis zum Selbstmorde Henry's und der Landung des Dreysus in Borthalniries, welch eine Fülle von Niedrigkeiten und welch ein gewaltiger, aber unaufhaltsamer Vormarsch der Wahrheit! Sie überdauert alles, Kabinette, Prozesse, Verschwörungen, Radierungen, Leitartikel, Diplomaten, sie braucht, insbesondere in Frankreich, nur Zeit und ein paar mutige Menschen, die stark und frei an ihre Seite treten. Wo sind sie, die lustigen Herren Kriegsminister, die in diesen zehn Jahren eine Rolle gespielt haben, von Billot über Freycinet zu Gallisset, wo sind sie, die Zola's vernichtender ZorneSblitz im Fluge streifte: diese Du Paty de Clam, Mercier, Boisdessre, Gvnse, Quesnay de Baurepaire, Pellieux und Cavaignac? Die Tagcsgeschichte schweigt beschämt von ihnen. WaS jetzt noch kommt, sind die kleinen Helfer der großen Betrüger, die armen Teufel, die für ein paar Francs radierten und Register „in Einklang" mit ihren Aussagen brachten. Tie letzten Fälscher scheucht die Wahrheit vom Boden aus. Tie seiugesponnene Komödie Döroul.-de's, die große Apotheose der „Armee" verliert ihre letzten Statisten. Vom einstimmigen Schnidsprnehe des 22. Dezember 1894 bis