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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-03 · 23 (3.6.1904) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
23 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 366 Dr. Mocb's Mocbenscbrttt. Nr« 23 den Städten und Marktflecken des südlichen und westlichen Rußlands ergibt? Ferner existieren Gesetze, welche den Juden das Baden in Seen oder Flüssen verbieten; ebensowenig ist es ihnen gestattet, Seebäder, Sanatorien oder Mineralquellen auszusuchen. Daher forderte der Kongreß in seiner Resolution, daß allen Patienten, selbst wenn sie Juden wären, gestattet sein sollte, „die Vorteile der Landluft wahrzunehmen und entweder aus dem Lande zu wohnen oder einen Kuraufenthalt in einem Sanatorium oder Seebade zu nehmen"; auch ist der Kongreß der Meinung, daß es unumgänglich notwendig wäre, den Juden das Recht der Freizügigkeit zu bewilligen. Gegenwärtig darf kein Jude in dem mehr gesünderen Teile seiner Stadt leben, weil er das Ghetto bewohnen muß. Wird er nun krank und könnte sein Leben auch nur durch eine Luftveränderung gerettet werden, so muß er dennoch in seinem Ghetto bleiben. Wünscht er den Rat eines Arztes, der in einer anderen Stadt lebt, einzuholen, so kann er es nur tun, wenn er die ausdrückliche Erlaubnis der Polizei hierzu erhält. Unter solchen Umständen dars es nicht überraschen, daß die Sterblichkeitsziffern in diesen Städten sehr hohe sind und daß die epidemischen Krankheiten in vielen Ghettos endemischen Charakter erhalten. Wenn nun die russischen Aerzte auf einem Kongreß versammelt sind und einen sehr gerechtfertigten Protest gegen solche unverkennbare Krankheitsursachen erheben, so werden sie noch obendrein politischer Umtriebe beschuldigt und der Kongreß wird durch die Polizei ausgelöst. Es wird noch ein Glück sein, wenn dieser oder jener besonders scharf auftretende Redner nicht im Gefängnis über weitere Reformen Nachdenken kann. Wie aber unter solchen Bedingungen medizinische Wissenschaft und Gesundheitspflege fortschreitcn soll, ist eine Frage, die uns die russische Regierung gefälligst beantworten mag." Soweit die englische Zeitung. Für uns ist die Schilderung dieser russischen Zustände in dem Augenblick, wo Rußland im Begriffe steht, seine „Kultur" den wilden Japanern mit der gepanzerten Faust einzuverleiben, von großem Interesse. „Der Naturarzt." Der Wohltätigkeitssinn der deutschen Juden gegenüber den christlichen Mitbürgern. Zu den zahlreichen ungerechten Anklagen, welche die deutschen Juden in den letzten Jahrzehnten über sich ergehen lassen mußten, gehört auch diejenige, daß sie zwar eine weitgehende Wohltätigkeit ausübten, dieselbe jedoch wesentlich nur wieder Glaubensgenossen zugute kommen ließen. Die soeben erschienenen „Statistischen Untersuchungen über private Wohltätigkeitspflege mit besonderer Berücksichtigung der aktiven Teilnahme der Konfessionen iM derselben" (bearbeitet von Anton Bing, Verlag von Josef Baer u. Co. in Frankfurt a. M.) legen im Gegensatz hierzu dar, einen wie warmen Anteil die Juden an dem Wohlergehen ihrer christlichen Mitbürger nehmen, in wie hohem Grade sie immer bereit sind, ihnen in Bedrängnis beizustehen, Ursachen von Nor und Elend ihnen aus dem Wege zu räumen. Es wird hier gezeigt, wie wenig der Wohltätigkeitssinn der Juden an der engeren Stammcsgenossenschaft oder der Glaubenszusammengehörigkeit eine Schranke findet. Betrachten wir zunächst die Ergebnisse der Sammlungen für die im Jahre 1897 durch Hochwasser Beschädigten in Deutschland. In Berlin trugen 1476 Christen 121.642 Mk., 232 Juden 62.075 Mk. und 655, deren konfessionelle Zugehörigkeit unbestimmt ist, 17.943 Mk. bei. In Breslau ergaben 2148 von christlicher Seite stammende Beiträge 51.392 Mk., 673 von jüdischer Seite stammende 24.785 Mk. und 848 von unbestimmter Seite kommende 22.056 Mk. Für Frankfurt a. M. lauten die entsprechenden Zahlen: 1007 Beitr. m. 13.131 M., 311 Beitr. m. 11.126 M. u. 661 m. 8226 M. Für Hamburg 697 „ „ 78.633 „ 102 „ „ 10.858 „ „ 151 „ 7945 Für Leipzig 2160 „ „ 73.228 „ 44 „ „ 3399 „ „2046 „ 17.748 Für Stuttgart 3680 „ „ 94169 „ 00 00 „ 8216 „ „2916 „ 35.014 Für Wiesbaden 490 „ „ 4701 „ 40 „ n 425 ff „ 360 „ 1756 Im ganzen wurden gespendet von christlicher Seite 11.608 Beiträge im Gesamtbeträge von 433.898 Mk., von jüdischer Seite 1590 mit 120.884 und 764 von konfessionell unbestimmter Seite 7641 Beiträge mit 110.689 Mk. Die sämtlichen 20.839 Beiträge ergeben eine Gesamtsumme von 665.471 Mk. Von diesen Gaben entfielen daher auf Gaben von christlicher Seite 55'7% mit 63‘2% der Beiträge jüdischer „ 76 „ „ 18'2 „ „ unbestimmter „ 36°7 „ „ 16 6 „ „ „ oder nur die bekannten Geber berücksichtigt auf christliche Geber 88% mit 78 °/0 der Beiträge „ jüdische „ 12 „ „ 21'8 „ „ Es beträgt aber der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung in den sieben Städten nur 4'21%. Denn die Einwohnerzahl beläuft sich auf 3,573.203 und die Zahl der Juden auf 150.601. Demnach haben die Juden der Zahl nach wie nach Höhe der beigesteuerten Summe weit mehr beigetragen als nach ihrem Verhältnis zur Einwohnerzahl zu erwarten wäre. In Frankfurt a. M. kommen auf 229.279 Einwohner 19.488 Juden oder 8'50"/o- Sehen wir uns nun die Ergebnisse verschiedener in den Jahren 1895 —1902 hier veranstalteter Sammlungen an. An der Sammlung für notleidende Armenier beteiligten sich 26 Christen mit 1440 Mk., 16 Juden mit 2106 Mk. und 45 konfessionell nicht näher bezeichnete Personen mit 2094 Mk. Berücksichtigen wir nur die bekannten Geber, so haben sich 38-40/0 Juden mit 59*4°/„ des Gesamtbetrages beteiligt. Als für die Hinterbliebenen der Mannschaften des Schiffes „Iltis" gesammelt wurde, trugen 59'1% Christen 48'3°/o des Betrages und 40'9% Juden 51*7u,0 des Betrages bei. Zu den Gaben für die Weihnachtsbescheerung der auf dem Lande untergebrachten Pflegekinder des Frankfurter Armenamtes steuerten 53'9° » Christen und 46*1% Juden 45"5, bezw. 54‘5"/0 bei. Zu der Sammlung für die Unterstützungskasse der Frankfurter Berufsfeucrwehr gaben 89 Christen 4548 Mk., 59 Juden 3486 Mk. und 12 Personen unbestimmter Konfession 491 Mk. Ter auf die Juden kommende Prozentsatz beträgt 39'6, bezw. 43 4. Zu ähnlichen Resultaten kommt man, wenn man beispielsweise den Mitgliederstand, die Mitgliederbeiträge und Gabeneingänge bei 182 Vereinen in Süddeutschland und im Regierungsbezirk Wiesbaden berücksichtigt. Nicht nur ist der eingangs erwähnte den Juden gemachte Vorwurf unberechtigt, sondern es wird umgekehrt geklagt, daß Juden sich in großer Zahl und mit erheblichen Beiträgen sogar an spezifisch christlichen Wvhltätigkeitsveranstaltungen und Sammlungen beteiligen, während cs Christen fast niemals einfalle, für jüdische Zwecke auch nicht konfessioneller Natur etwas beizusteuern. Daß sich an den Sammlungen für Kischenew Christen mehrfach beteiligten, erregte fast Aufsehen und findet jedenfalls nur seine Erklärung in den Ungeheuerlichkeiten, die damals das allgemeinste und tiefste Mitleid erregten. Auch kommt es nicht selten vor, daß auf christlicher Seite die Beteiligung der Juden an Sammlungen für kirchliche Zwecke hie und da beanstandet wird, so daß, wenn das nicht der Fall Wäre, die Beteiligung der Inden eine noch größere wäre. Aus allem dem geht jedenfalls so klar als nur irgend möglich hervor, daß die Juden, obwohl sie für die Armen und sonst llnterstützungsbedürftigen aus ihrer Mitte fast ganz allein zu sorgen haben, doch noch ein weites Herz haben für die Not von Nichtjuden.

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