Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 364 Dr. Dlocv's Mwcvenscbrttl. Nr. 23 „Europäer" und „Asiaten". New-Iork. Der gewesene japanische Handelsminister Baron Kentaro Kaneko, welcher derzeit hier weilt, war Gegenstand großer Auszeichnungen in einer Versammlung, die ihm zu Ehren abgehalten wurde. General Stewart Woodford, früher amerikanischer Gesandter in Spanien, hielt eine Rede, in welcher er Japan als die Zukunst Ostasiens begeistert feierte, während er Rußland als die „todte Vergangenheit" hinstellte. Baron Kaneko dankte in längerer, enthusiastisch aufgenommener Rede, in welcher er darauf hinwies, daß die Japaner seit Ausbruch des Krieges die verwundeten russischen Matrosen und Soldaten mit äußerster Güte behandeln und selbst dafür Sorge tragen, daß die ertrunkenen russischen Matrosen ein christliches Begräbnis erhalten. „Als nach der Schlacht am Ialu", — sagte er — „die zahlreichen russischen Verwundeten in unser Rothes Kreuz-Spital gebracht wurden, brachten ihnen die japanischen Soldaten Wein und Zigaretten von ihren dürftigen Rationen und taten alles, um ihr Los zu erleichtern. Wie hat sich aber das christliche Rußland uns gegenüber verhalten? Die Russen trieben ihre japanischen Gefangenen mit Knutenhieben durch die Straßen von Mukden und mißhandelten die stiedlichen Japaner in der Mandschurei, welche nach Ausbruch des Krieges das Land nicht verlassen konnten." Kaneko schloß mit der Bemerkung, daß ein Sieg Rußlands das Licht der Freiheit und des Selbstbestimmungsrechtes im fernen Osten für immer erlöschen machen würde. * * Der chinesische Gesandte in Washington Wu Ting-Fang, hielt vor längerer Zeit in der Jewish Cliatauqua, einer Gesellschaft zur Förderung der Bildung unter den Juden, einen Vortrag, dem wir einige interessante Stellen entnehmen: „Ich bin hier unter Freunden. Ich kann an der Hand von historischen Tatsachen Nachweisen, daß Juden und Chinesen vor vielen Jahrhunderten sich einander genähert haben. Sogar einer Ihrer großen Propheten, Jesaia, erwähnt an einer Stelle das Land Sina, woraus hervorgeht, daß er China kannte. Im III. Jahrhundert kamen die Juden zu uns. Sie brachten Priester und Gelehrte, ihr Heiliges Buch, ihre Gewohnheiten und ihr Ritual mit sich. Im XII. Jahrhundert hatten sie eine Synagoge in der Stadt Pinlau, dem heutigen Kiung Chau, wo sie in Frieden lebten. Im XV. Jahrhundert brannte die Synagoge nieder, wurde bald darauf wieder aufgebaut und bestand bis 1849, in welchem Jahre sie durch eine Ueberschwemmung zerstört wurde. Man schätzte diese jüdische Kolonie in China auf 5000 Menschen, die sich aber bis heute aus 2—300 vermindert haben. Sie wurden niemals verfolgt oder belästigt und konnten ihren Beschäftigungen nachgehen, wie alle chinesischen Untertanen. Die meisten waren Kaufleute, während einige sogar Regierungsämter bekleideten. Wir sehen also, daß sie unter den Chinesen friedlich und als ein Teil des chinesischen Volkes lebten. Noch heute befindet sich in Kiung Chau eine Inschrift, in der den Juden ihr gutes Verhalten ausdrücklich bezeugt wird. Von ihrer Religion heißt es in der Inschrift, daß sie ihnen vorschreibt, ihre Eltern zu ehren und den Toten Pietät zu bewahren... Konfuzius tat dasselbe für die Chinesen, was Moses für die Juden getan hat und in sehr ähnlicher Weise. Beide haben den Charakter ihrer Völker geformt, und die auffälligste Uebereinstimmung besteht in der Bedeutung, die von beiden Weisen der Elternliebe beigelegt wird. Konfuzius sagt: „Ehre Deine Eltern. Ein pflichtgetreuer Sohn ist ein loyaler Untertan, ein guter Hausvater, ein nützlicher Bürger." Ganz ähnlich sagt Moses im 5. Gebot: „Ehre Deinen Vater und Deine Mutter, auf daß Du lange lebest in dem Lande, das der Herr Dir gibt." Es ist eine bedeutsame Tatsache, daß diese Verheißung sich in China erfüllt hat. Nach unserem Lehrer Konfuzius betrachten wir die Elternliebe als das grundlegende Prinzip unserer Ethik. Ein pflichtvergessener Sohn, einer, der nicht für seine Eltern sorgt, wenn er dazu imstande ist, wird als ein Ausgestoßener betrachtet, mit dem niemand zu tun haben will. Einen Mann, der in dieser Beziehung seine Pflicht tut, stellt Konfuzius höher als einen Gelehrten. Eine besondere Aehnlichkeit und einen Grund zur gegenseitigen Sympathie muß ich zu meinem Bedauern darin sehen, daß beide Völker in gewissem Grade verfolgt oder, wenn nicht das, so doch verachtet waren und noch werden. Wenn ich für einen Augenblick nachdenke, warum wir verachtet sind und warum — um es sehr milde auszudrücken — so viel Vorurteil gegen Chinesen und Juden sich äußert, so muß ich sagen, daß dieses Vorurteil berechtigt wäre, falls wir uns dasselbe durch Laster und Mängel zugezogen hätten; aber bei sorgfältiger Ueberlegung kann ich nicht sehen, daß wir aus diesem Grund verachtet sind. Nicht wegen unserer Fehler ist man gegen uns voreingenommen, sondern ich kann sagen — obwohl wir nicht zweifeln, daß auch wir keine vollkommenen Menschen sind — daß wir wegen unserer Vorzüge gehaßt werden. Ja, unsere Geschicklichkeit, unser Fleiß, unsere Sparsamkeit, unsere Ausdauer und unser geschäftliches Genie sind der Grund des Vorurteils gegen Juden und Chinesen. Wo immer ich hinkomme, spüre ich dieses Vorurteil, wenn man auch zu höflich ist, in meiner Gegenwart es auf mein Volk zu beziehen. Frage ich aber, weshalb man diesen Argwohn gegen die Juden hegt, so höre ich immer nur den Grund, daß Ihr den Anderen zu klug seid. Ich gebe zu, daß wir gute Geschäftsleute sind, aber das ist kein Grunde zum Haß. Schließlich aber sollten wir in gewissem Sinne für dieses Vorurteil dankbar sein. Es liegt darin eine Anerkennung unserer besseren Eigenschaften und ein Ansporn zur Vorsicht und zur Energie. Diejenigen, denen es gut geht, werden leicht faul und nachlässig; ein Volk aber, gegen welches Vorurteile existieren und welches zerstreut ist, wird gezwungen, alle Kräfte anzuwenden, um sich seinen Weg zu bahnen, und wenn die Zeit kommt, wird es das erste Volk der Welt sein. Das ist nicht meine persönliche Meinung, sondern ein Bestandteil der chinesischen Doktrin, für welche viele unserer Klassiker Beispiele anführen. Es gibt Leute, welche alle diejenigen, die nicht zu ihrem Glauben gehören, Heiden nennen. Aber es gibt Heiden und Heiden. Es gibt solche, die sehr schlecht sind, aber es gibt auch Heiden, die besser sind als gute Juden und gute Christen. Zu dieser Klasse hoffe und wünsche ich zu gehören." Die Japaner Nachkommen der — Juden? Ein französischer Gelehrter hat das Geheimnis des Ursprungs der Japaner, über das schon viel diskutiert worden ist, durch die Annahme zu lösen versucht, daß „die Japanerhebräischer Abstammung und ein Teil der verschollenen Stämme Israels sind, die nach ihrer Auswanderung aus Medien über das asiatische Festland nach Japan gekommen sind". So ungläubig man dieser Theorie gegenüberstehen mag, es werden so zahlreiche Tatsachen beigebracht, daß es interessant ist, sie im Anschluß an einen Artikel der „St. James' Gazette" wiederzugeben, selbst wenn es sich nicht um mehr als eine seltsame Reihe von Koinzidenzen handeln sollte. Die japanischen Samurai haben eine alte Ueberlieferung, daß sie von einem fernen Lande im Westen Asiens gekommen sind, nachdem sie in einer Ratsversammlung übereingekommen waren, nach dem Osten zu ziehen und dort ein unbekanntes Land zu erobern. Man weist nun auf das Buch Esra in den Apokryphen hin, in dem es heißt: „Aber sie (die zehn Stämme) berieten untereinander, daß sie die Mehrzahl der Brüder verlassen und in ein ferneres Land ziehen wollten, wo nie ein Mann wohnte"; und „es war ein weiter Weg zu jenem Lande, nämlich anderthalb Jahre". Auch der Prophet Amos sagt, die Reise ging „von Meer zu Meer und vom Norden zum Osten". Das geschah höchstwahrscheinlich zwischen 670 und 663 v. Ch., in welcher Zeit die Stämme, wie die aus der Gefangenschaft nach Jerusalem zurückkehrenden Juden ihre Muttersprache verloren hatten und chaldäische Namen annahmen, Dschimmu Tenno, der erste Kaiser Japans, landete nach der langen Wan-