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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-03 · 23 (3.6.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
23 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Dr. Klocb's MlocbenscbrLN. Seite 363 Nr. 23 Vom Aabrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Römisches Recht in ch ri stlich-soz i a ler Beleuchtung. — Die bedenklichste Wirkung des oft asiatisch An Krieges. — F e st e s st i in m u n g.) Feuer auf dem Dache! An der juridischen Fakultät wird ein Lehrstuhl frei. Der bekannte Romanist Hofrat Professor R. v. Czyhlarz wird in wenigen Wochen sein Ehrenjahr absolviert haben, und da war es denn hohe Zeit, auf Ersatz bedacht zu sein. Die juridische Fakultät tat sich zu einer Beratung zusammen und beschloß mit allen gegen vier Stimmen, den Straßburger Universitätsprofessor Lewel xrimo loco als Nachfolger in Vorschlag zu bringen. Das katastrophale Ereignis wird von unserer christlich-sozialen Presse, vom „Deutschen Volksblatt", von der „Reichspost" und der „Deutschen Zeitung", in Leitartikeln gewürdigt und beklagt. Ich bekenne mich hier einer Pflichtversäumnis schuldig. Ich habe unterlassen, aufzupassen, ob nicht auch Herr Bielohlawek diesem Ereignis einen Leitartikel gewidmet hat. Es wäre doch von hohem Interesse und nicht zu unterschätzender Bedeutung gewesen, mit ängstlicher Spannung zu verfolgen, welche Stellung diese Autorität für alle wissenschaftlichen Tagesfragen hinsichtlich der Besetzung des Lehrstuhles für römisches Recht an der Wiener Universität einnimmt. Für die „Reichspost" ist Professor Lewel eine vollständig unbekannte Größe. „So unbekannt wie er, ist kein Romanist aus dem ganzen Erdboden." Man kriegt ordentlich Respekt vor einer so kolossalen Beschlagenheit im Nichtwissen. Aber Einiges weiß sie doch, die Gute. Sie weiß, daß Professor Lewel außer „einigen obskuren Monographien" literarisch nichts geleistet habe. Man sollte meinen, daß da das Obskure einen sympathischen Anklang fände, aber die „Reichspost", sonst so groß im Nichtwissen, weiß doch noch etwas, etwas sehr Erhebliches — Lewel ist Jude. Uine illae lacrymae! Und so wird ein völlig obskurer Mensch leitartikelfühig. Ein Kollegium vvtl Fachmännern — unter siebzehn Ordinarien der Fakultät befinden sich vier Juden — spricht sich mit überwiegender Majorität für die wissenschaftliche Zuständigkeit des von dem Kollegium selbst aufgestellten Kandidaten aus. Die Leute wissen aber nicht, was sie tun. „Damit werden wir zu geistigen Hörigen des Judentums, denen der Semite Gesetze wie ein Fremdenjoch auflegt". Donnerwetter, wie wichtig auf einmal die Sache wird und welche Bedeutung mit einem Schlage ein obskurer Ignorant gewinnt — blos weil er ein Jude ist! Wie sehr hat doch das Organ des österreichischen Klerus recht mit seiner beweglichen Klage: „Was nützen uns alle politischen Erfolge und Wahlsiege, wenn es dem Judentum gelingt, indessen die Volksvertretung machtlos geworden äst, die geistige Macht durch allerhand Listen immer mehr an sich zu reißen und die Lebensquellen des Volkes abzuschneiden?" Sehr richtig, aber die Sache ist die, daß die politischen Erfolge durch Konventikel beim „Luchsen" oder in Herrn Nagorzanski's Wirtshaus vorbereitet und mit Erfolg propagiert werden können, was für wissenschaftliche Erfolge leider noch nicht geht. Und was endlich die „allerhand Listen" betrifft, so ist man uns die Antwort darauf schuldig geblieben, welche Kabalen die Juden eigentlich aufgewendet haben, um die in ihrer Mehrheit gut christliche juridische Fakultät also zu übertölpeln und über's Ohr zu hauen. Womöglich noch elegischer ist das „Deutsche Volksblatt" gestimmt. „Die Geschichte unserer einst im In- und Auslande unerreicht dastehenden Wiener Hochschule bietet in den letzten Dezennien ein wahrhaft entsetzliches Bild des scheinbar unaufhaltsamen Siegeszuges des Judentums." Gerade in den letzten Dezennien! Wenn das Bild wirklich entsetzlich ist, und das auf wissenschaftlichem Gebiete, wo mit kommunalen Banketten, bei welchen wie bei einer schönen Ausstellung die Toaste mit ihrem vielperzentigen Alkoholgehalt förmliche Ausstellungsobjekte als Gährungsprodukte vorstellen, nichts bewiesen werden kann, so darf wohl darauf verwiesen werden, daß die letzten Dezennien die Zeit der antisemitischen Vorherrschaft bilden. Auch hier muß aber das Karnickel augefaugeu haben, und wenn in geistigen Dingen ein Tiefstand zu verzeichnen ist, so ist — das Judentum dafür verantwortlich zu machen. So will es die antisemitische Logik. Ob es sich nun um die juridische Fakultät oder um den Krieg in Ostasien oder sonst irgend etwas Anderes handelt, immer bleibt — sub specie aoternitatis — - der Weisheit letzter Schluß: schlagt den Juden tobt! Am Tage der Erstürmung Kintschan's verfügt der russische Minister Plehwe die Aufhebung der drakonischen und auf keinerlei Recht gegründeten Verordnung, welche den Juden in Rußland die Ansiedlung und den Aufenthalt innerhalb fünfzig Werft von der Grenze verbot. Ein Kausalnexus zwischen den Ereignissen aus dem Kriegsschauplätze und dieser Verfügung wäre höchstens in dem Sinne zu finden, daß nach den Lehren geschichtlicher Erfahrung das erschütterte militärische Prestige gewöhnlich etwas Spielraum geschaffen hat für den Flügelschlag eines freieren Geistes. Diese Erscheinung steht nicht ohne Beispiel da. Der in die Enge getriebene Despotismus läßt sich erfahrungsgemäß in solcher Lage am ehesten zu gewissen Zugeständnissen an die Forderungen des Zeitgeistes herbei. DaS „Deutsche Volksblatc" hat für das weltgeschichtliche Ringen im fernen Ostasien seine eigene Auffassung. Es existiert für die Geschichtsphilosophie dieses Blattes nur unter dem Gesichtswinkel der zu erfassenden größeren oder geringeren Bedrückung des Judentums. Die russische Regierung sieht sich wider ihren Willen und wider ihre bessere Ueberzeugung genötigt, den Brotkorb niedriger zu hängen, und — „das ist bis jetzt die bedenklichste und zugleich bedauerlichste Wirkung des ostasiatischen Krieges." Sonst hat ja die ganze Geschichte keinen anderen Zweck. Für Herrn Vergani's Wünsche macht Rußland da allerdings einen kleinen und überflüssigen Umweg. Es wäre einfacher und zweckmäßiger gewesen, nicht erst in die Mandschurei zu marschieren, sondern die Sache, auf die es allein ankommt, zu Hanse und kurzer Hand zu erledigen. Uebrigens gibt es auch Lichtblicke für das umdüsterte Gemüt des Herrn Vergant. Bei uns werden unter den Auspizien Dr. Lueger's Feste gefeiert, und diese haben es sogar einem Herrn Vergani gestattet, wieder einmal an die Sonne zu gehen. Es hat sich alles ganz folgerichtig zugetragen. Wenn ein Intellekt, wie der des Dr. Neumayer dazu berufen wird, den Toast auf die Presse auszubringen, dann ist der historische Charakter eines Vergatli dazu berufen, im Namen der Presse eine Rede zu halten und sich über die sittlichen Aufgaben dieser zu verbreiten. Es ist alles ganz folgerichtig zugegangen. ES waren durchaus die richtigen Männer an der richtigen Stelle. Obenan Dr. Lueger, ganz obenan tausend Meter über dem Meeresspiegel auf der Höhe der Grenzscheide zwischen Oesterreich und Steiermark. Man war so ziemlich unter sich. Wie oben, so auch unten im Wiener Rathause Festesstimmung, die Alles im rosigen Lichte sieht. Bei solcher Stimmung wird Alles herrlich gefunden, das Wort, wenn es gilt, jemanden zu verherrlichen, wird nicht auf die Wagschale gelegt, und die Anstrudelung ist ständige Tagesordnung. Alles lautere Begeisterung, liebenswürdiger Ueberfchwang und feine Urbanität, vollendeter Takt. Rosegger ist mit anwesend, der literarische (ienitis loci der grünen Steiermark. Lueger stellt ihn der Korona vor als einem „im großen und ganzen braven Mann". Ein Bürgermeister der festgebenden Stadt kann nicht taktvoller und urbaner sein. Man stellt einen Neumayer hinaus, um die geistige Arbeitsleistung der modernsten Großmacht zu würdigen. Nichts kann taktvoller fein. Läßt sich etwas Feineres und Tieferes denken, als die Gedankenreihe, mit welcher er auch bei diesem Anlasse die Welt verblüfft hat? Es ist die „christliche" Presse, die er in tiefsinnigen Wendungen und Windungen feiert, die Presse eines Herrn Vergani, und die Presse, wie sie sich in den Offenbarungen der „Deutschen Zeitung" und der „Reichspost" darstellt. Vernimm es, hoch aufhorchende Welt, was in Oesterreich die gute Presse ist. Und dann der Gipfel: Vergani, der providentielle, repräsentative Mann der österreichischen Presse! Er erhebt sich, er spricht, das Semmeringfest war ein kulturgeschichtliches Ereignis. Und nach abermals fünfzig Jahren — was wird das für ein Gedenken geben! Wh i-\

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