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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-06-03 · 23 (3.6.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
23 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 362 Dr. Blocb’ö MocbenscbrM. Nr. 23 eigenfchaft befreit hat, sollte ein Zar nacheiseru, der das ganze Volk aus der Sklaverei zu erlösen hätte. Es ist anders gekommen. Der Zar mauerte sich ein in die grabcstiefen Gewölbe des Winterpalastes und versank in mystische Träumereien über das traurige Schicksal der Menschheit, die in ewigem Kampfe um irdische Güter sich zerfleischt. Da erfaßte ihn die Sehnsucht, die-- sem Kampfe ein Ende zu machen, die Welt an den ewigen Frieden zu mahnen und selbst das Fundament zu. bilden, auf dem der Friedenstempcl erstehen sollte. Aber während er der Utopie des ewigen Friedens für alle Volker nachhing, während er feinen Ruf zum Friedenskongreß bis ans Ende der alten und der neuen Welt ergehen ließ, tobte in seinem eigenen Lande heftiger als je zuvor der Unfriede, feierte der Rassen- und Religionshaß die furchtbarsten Orgien, mordeten seine Schergen die jüdischen Untertanen, rauchte das Blut von Märtyrern zum Himmel und forderte Sühne. Der Zar sah nicht das Elend, erhörte nicht die Stimme der Sterbenden. Nicht die Armen und Bedrückten hatten sein Ohr, sondern Jene, die die Knute schwangen; Jene, die Mord und Brand stifteten: Jene, die nicht an den Frieden des Vaterlandes dachten, die sich auch nicht um den Frieden der Welt kümmerten, sondern überall Unheil säeten, um Reichtum und Macht zu ernten. Sie waren cs, die den Krieg verursachten, ohne ihn vorzubereitcn; die das Land und das Volk einenr unbekannten Gegner gegenüberstellten, der die Herausforderung unerwarteterweise annahm und mit furchtbaren Schlägen vergalt. Der Koloß ist ins Wanken geraten, der Jahrzehnt um Jahrzent zwei Erdteile in Angst und Sorge erhielt; die Armeen von Millionen Bajonetten, die die Nachbarn rechts und links zu unermüdlicher Wachsamkeit drängten, die alle anderen Staaten Europas zu Rüstungen zwangen, welche die Kräfte der Völker aufzehrten — diese Armeen, die man für unwiderstehlich, wenn nicht gar für unbesiegbar hielt, sie sind vor dem gelben Feinde seit Monaten zurückgewichen Schritt um Schritt; sie haben einen Posten nach dem anderen rühmlos verloren; sie haben die schlechtesten Führer, die schwächsten Köpfe, und sie warten und warten zu weiterem Kampfe auf Verstärkungen, um dem Feinde durch die Masse zu imponieren, da sie ihm nicht durch ihre Taktik, ihre Ausdauer, ihren Mut Respekt einzuflößen vermochten. Selbst der Nimbus jener Steppensöhne vom Don und vom Dnjepr, von denen Napoleon der Große glaubte, sie müßten die Welt kosakisch machen, ist verloren gegangen in diesen wenigen Wochen. Ist es ein Wunder, wenn gleichzeitig mit der Erleichterung, die das Ausland empfindet, in Rußland selbst der Pessimismus platzgreift? Das Volk erwacht und will nicht mehr blindlings die Herrschaft der Willkür unterstützen. Es sieht die Regierung in Not und will die Situation benützen, um seine Freiheit zu erzwingen. Es mag unpatriotisch scheinen, daß Russen selbst die Verlegenheiten des Zaren und der Regierung mißbrauchen, um jetzt durch Gewalt zu gewinnen, was man ihnen vielleicht niemals freiwillig geben würde. Aber das russische Volk muß mit anderem Maße gemessen werden. Stärker als die Liebe für ein größeres Rußland ist die Sehnsucht nach einem glücklichen Rußland. Das ist die wahre Stimmung, die jenseits der Weichsel herrscht, seit der Krieg unberechenbare Opfer fordert. Und in solcher Stimmung wird das unterirdische Rußland wiedergeboren, das unheimliche Mysterium, das immer zum Vorschein kommt, wenn der Zar durch äußere Feinde beschäftigt ist und die Knuten seiner Kosaken an den Grenzen braucht. So war es, als der grausame Zar Paul mit Frankreich kämpfte; und es folgte die mildere Epoche des ersten Alexander. So war es, als Nikolai der Erste und Strengste im Krimkrieg unterlag; und es folgte die mildere Epoche des zweiten Alexander. Immer war es der Zar, den das Volk verantwortlich machte für seine Leiden und das Mißgeschick. So ist es auch heute. Und wie könnte es anders sein? Der Zar hat gewiß wider Willen den Krieg begonnen, aber für die Niederlagen wird ihm die Schuld zugewälzt. Wenn das Volk fragt, warum es den Krieg führe, so sagt man ihm: der Zar will es! Ganz' so sagte man, als die Massakres in Kischenew stattsanden: der Zar befiehlt es! Und so schlingen sich Ursachen und Wirkungen wie eine unentwirrbare Kette umeinander. — Die sonderbaren Reklamen, welche in der österreichischen Delegation für Rußland laut wurden, machen einen geradezu beschämenden Eindruck und lassen die staatsmännische Weisheit dieser posthumen Lobredner des Moskowitertumes in einen wenig schmeichelhaften Lichte erscheinen. Es zeigt von der höchsten Ignoranz, unter den gegenwärtigen Verhältnissen von Rußland in einer Weise zu sprechen, als ob es noch wie früher als ein schwer ins Gewicht fallender Faktor der europäischen Politik angesehen werden könnte. Die Aureole der Macht, welche den russischen Koloß bisher umgab, ist durch den ostasiatischen Krieg vollständig zerstört. Das Rußland, das für geraume Zeit mit allen seinen Ressourcen in Ostasien gegen die gewaltige Gegnerschaft der gelben Rasse engagiert ist und keinen Mann und keine Kopeke für Europa erübrigen kann, ist in Europa kein nennenswerter internationaler Faktor mehr. Das lehrt überdies die eigenartige Stimmung in Frankreich. Die Millionen, welche das betrogene Frankreich dem Zaren geborgt, um sich auf den Schlachtfeldern Ostasiens eine Schlappe nach der anderen zu holen, gehen bereits zur Neige und der Zar mit der leeren Tasche schickt sich an, vor der Türe Deutschlands um eine neue Anleihe zu betteln, welche die Kosten der ferneren Kriegführung decken soll. Die erste Kriegsanleihe, welche Rußland in Frankreich abgeschlossen, hat keinen besonders glänzenden finanziellen Erfolg gehabt und das französische Kapital bekundete wenig Enthusiasmus für den nordischen Alliierten, der sich bisher dem französischen Volke nur durch seinen unersättlichen Geldhunger zu erkennen gegeben hat. Es ist nicht mehr viel Lust in Frankreich vorhanden, weitere Millionen dem russischen Moloch in den Rachen zu werfen und die leeren Taschen des Zaren mit dem Sparpfennig des französischen Volkes zu füllen. Auch das Haus Rothschild, das auf dem französischen Geldmarkt eine hervorragende Rolle spielt, hat nicht die Neigung, der russischen Gewaltherrschaft, die sich so furchtbar an allen in ihrem Joche schmachtenden Völkern versündigt hat, mit seinenl Kredit zu Hilfe zu kommen. Deshalb haben nun die Finanzkünstler des Zaren dem deutschen Volke die schmeichelhafte Rolle zugedacht, der Geldgeber Rußlands zu werden und die Millionen herzugeben, mittels welchen sich die russischen Generale und Flottenkommandanten die neuen japanischen Hiebe holen sollen. Diesem Reiche, das auf Unrecht und Gewalt aufgebaut ist, wird das finanzielle Europa schwerlich Hilfe mehr gewähren, und das deutsche Volk, gegen welches die russischen Panslavisten seit Jahren auf der ganzen Linie wühlen, wird es sich wohl überlegen, mit seinem ersparten Gelde die leeren Kassen dieses verderbten Staatswesens zu speisen, dessen schmählicher Zusammenbruch nur eine Frage der Zeit ist. Vergeblich beeilt sich der amtliche Petersburger Telegraph, der Welt zu verkünden, daß das Gesetz, welches den Juden den Aufenthalt und die Ansiedlung an der Grenze in einer Strecke bis zu fünfzig Werst verbietet, aufgehoben werden soll. Die jüdische Finanzwelt wird sich dadurch nicht bestimmen lassen, ihr Geld dem Zaren auszuliefern. Der Zar mit den leeren Taschen, dessen Armeen von den Japanern in die Flucht geschlagen werden und der vor den Türen der europäischen Staaten vergeblich um eine Anleihe bettelt, ist wohl keine besonders imponierende Erscheinung, mit der unsere Panslavisten zu paradieren vermögen. Vielmehr läßt dies nur erkennen, daß sich zu dem militärischen Krach sehr bald auch der finanzielle Krach gesellen kann und daß für die russische Despotie der surchtbare Tag der Abrechnung mit raschen Schritten naht. Die österreichische Diplomatie und die österreichische Politik hat es nicht mehr nötig, vor dem Zaren auf dem Bauche zu rutschen.

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