Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Dr. Bloch’s Jahrgang III errnmi Centrslorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. m= B. k. Postsparcaffrn-Arnt Elesrtng-Verkehr Nr. 610.976. Btbartixm und Administrstton: wirn 1X/1, VerggaWe Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. —-—H— Wren, 3. Juni 1L-O4. Lrfch eint jeden Freitag. - >^« i> -<■ - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. SLprgsprri» für Seflerrrtch- Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ansland: Halbjährig 10 Kronen. Banzjährig 20 » Allzeigen: Die4rnal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Am Jahrestage der Zarenkrönung. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. „Europäer" und „Asiaten". Die Japaner Nachkomnien der — Juden? Aerzte-Kongreß und die russische Kultur. Der Wohltätigkeitssinn der deutschen Juden gegenüber den christlichen Mitbürgern. Lessing und Mendelssohn. Des Lügenstückes letzter Akt. — Flavius Josephus und die heilige Schrift. — Korrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des israelitischen Kultusvorstandes in Wien. Wien, Budapest, Preßburg, Frankfurt a. M. Eine antisemitische Bank. Warschau, Moskau. Jüdische Krieger in den Kämpfen am?1alu. Jahreskonvention des Unabhängigen Ordens B'rith Abraham. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Ehewra- Kadischa in Wien. Wien, Skole, Marienbad, Tachau, Posen, Franzensbad, Jerusalem, Schaffa, Sondershausen. Konzessionen für die Dampfschiffahrt auf dem Tiberiassee. — Feuilleton: Jüdische Kulturbilder. Ingrimm. — Briefkasten. — Inserate. Am Jahrestage der Zarenkrönung. Am 26. Mai 1896 wurde Zar Nikolaus II. in Moskau gekrönt. Die Krönungsfeierlichkeit erhielt ihre Vorbedeutung in den traurigen Geschehnissen auf dem Ehodykafelde, welches von nahezu 4000 Leichen der Festteilnehmer bedeckt war. Am 26. Mai 1904 veranstaltete die Petersburger Gesellschaft zahlreiche Festlichkeiten, als am Jahrestag der Zarenkrönung. Auf dem Kriegsschauplatz in Ostasien haben am selben Tage die Heere des Zaren in einer der blutigsten Schlachten eine schmähliche Niederlage erlitten. Es schwebt ein eigener Unstern über der Kriegführung der Russen in der Mandschurei, mag sie nun unter der Oberleitung Kuropatkins oder Alexejews stehen. Die Japaner erwiesen sich in allem, was Strategie, Organisation und Planmäßiges Handeln anbelangt, den Russen in ähnlicher Weise überlegen, wie es Moltke vor 34 Jahren den Heerführern Napoleons III. gewesen war. Sie wußten immer an der richtigen Stelle die gehörige Uebermacht an Mannschaften und Geschützen zu vereinigen. Sie verstanden den Erkundigungsdienst der Russen in ähnlicher Weise irrezuführen, wie es damals den Deutschen gegenüber den Franzosen gelungen war. Opfer an Menschen und Schiffen galten ihnen nichts, wenn damit der Zweck erreicht wurde, den sie ins Auge gefaßt. Augenblicklich hat es den Anschein, als ob das erste Ziel ihrer Kriegführung, die Eroberung Port Arthurs, ihnen nicht lange mehr streitig gemacht werden könne. Und während die Heere des Zaren einen Krieg führen zur Unterdrückung fremder Völker, meldet sich das unterirdische Rußland, das lange geruht hat unter der Herrschaft der Knute Alexander's des Dritten, aus der dunklen Tiefe steigt es wieder hervor und glaubt die Zeit gekommen, um mit Gewalt zu schaffen, was im Laufe der Jahrzehnte auf friedlichem Wege, aus freiem Willen von Oben, nicht erreicht werden konnte. Mit unheimlicher Sicherheit hat die Agitation den richtigen Augenblick erfaßt, wo sie ihre Hebel wirksam ansetzen kann. Das Land führt einen Krieg, für den es sich nicht begeistern kann; denn das russische Volk braucht nicht neue Länder, es ist nicht hungrig nach den Provinzen Asiens, um sie nur zu bevölkern mit neuen Märtyrern, die die europäische Heimat verbannt. Was das russische Volk will und braucht, das ist nicht der Krieg an den Grenzen, sondern der Friede im Innern, die Freiheit im eigenen Hause, nicht eine neue Stärkung der absolutistischen Macht des Selbstherrschers, sondern ein neues Regime, ein Regime der Milde und Menschlichkeit. Herr P l e h w e, in der politischen Arzneikunde wohl erfahren, trifft seit Wochen nur noch liberale Maßnahmen. Ein Beispiel: Der neueste Erlaß, der die fürchterlichen Härten des für die Juden geltenden Ansiedlungsgesetzes zu mildern bestimmt ist. Die Inden spielen im heiligen Zarenreiche eine höchst eigentümliche Rolle: sie sind das Barometer der fortschrittlichen oder reaktionären Strömungen, die jeweils herrschen. Das Ansiedlungsgesetz und andere Ausnahmsgesetze, die für diesen unglücklichen Teil des russischen Volkes gemacht wurden, werden von Zeit zu Zeit der Gegenstand von Resormbestrebungen der Minister, und aus der Art dieser Bestrebungen kann man entnehmen, ob in den höheren Regionen liberaler Westwind oder reaktionärer Ostwind weht. Im Augenblicke, wie gesagt, bläst es stark aus dem Westen. Der Grund für diese in Rußland ziemlich abnorme meteorologische Erscheinung ist die Depression im Osten. Es ist die alte Geschichte. Wenn ein Staat, der in rückständigen politischen Formen lebt, Krieg mit einem fortgeschrittenen Staate führt, dann sängt er ein bischen zu reformieren an. Herr P l e h w e ist kein Freund der Juden und, wie man Ursache hat zu glauben, auch kein Freund liberaler Maßregeln überhaupt. Wenn er sich mit einemmale anders gibt, so weiß die Welt, was sie davon zu halten hat. Es ist eine von den vielen Wallungen jenes Krieges, der, wie immer er ende, noch andere größere Hervorbringen wird, als bloß die Erlassung neuer Judengesetze und die Einführung von Scheinreformen. Milde und Menschlichkeit, Frieden und Freiheit hat Zar Nikolai verheißen, als er vor einem Jahrzehnt unerwartet früh den Thron bestieg. Der Aera brutalster Willkür schien eine Epoche folgen zu sollen, die an die segensreiche Zeit des zweiten Alexander anknüpfte. Dem Zaren, der die Bauern von der Leib-