Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-05-27 · 22 (27.5.1904) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021570--13624-3038286
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 22 Dr. Vlocv's 'WocvenscvrtN. Seite 351 Korrespondenzen. Schutz den Bedrückten! Jeder vernünftige Jude weiß es, daß das Gebet am Abschluß der Sabbatfeier, welches den herrlichen Satz enthält: „Gottes unermeßliche Größe manifestiere sich darin, daß die Fülle seiner Majestät sich herabläßt zu den Niederen, um den Geist der Bedrückten zu erheben und das Herz der Verstoßenen zu laben", dazu dient, um uns anzueifern, dem Weltenschöpfer möglichst nachzuahmen. Ich hatte wohl selten beseligendere Gefühle und die Empfindung, in göttliche Bahnen so gewandelt zu haben, als an diesem zur Rüste gegangenen Feste der Offenbarung. Man meldete mir, daß eine ärmlich gekleidete Frau mit einem jungen Menschen im Vorzimmer warte. Ich eilte ihnen entgegen und das arme Weib legitimierte sich unter Tränen als die Mutter des unglücklichen Hilsner. Sie wäre auf der Wanderschaft zu ihm und auf diesem Dornenwege hält sie mit ihrem Sohne bei mir Rast. Selbstverständlich lud ich sie zu Mittagstisch. Als sie mit mir die Mahlzeit teilten, tat sich mir mit vollster Ueberzeugung die talmudische Weisheit auf (Trakt. Sabbat, Seite 127), der Empfang und die Bewirtung armer Pilger stehe höher als der Empfang der Schechina, und das schöne Wort Schar Mizwu Mizwn =* der Lohn der guten Tat ist die Tat selbst. Denn allen Ernstes sollte ich mich für den mir bereiteten Genuß bedanken, durch das Bewußtsein, etwas Balsam in das verwundete und gebrochene Mutterherz geträufelt zu haben. Ich gewann auch die Ueberzeugung, daß der Bruder des unschuldig in Kerkers düsterer Nacht schmachtenden Leopold Hilsner ein sehr gutmütiger und relativ intelligenter junger Mensch sei. Allein diese Freude wurde mir vergällt durch die Schilderung der armen Frau, daß sie hier in der Jofefstadt bei einem reichbegüterten Verwandten nicht vorgelassen wurde und daß sie von den Glaubensgenossen noch mehr als von Christen gemieden und verstoßen wird. Obige Zeilen mögen den Meseritschern die heilige Pflicht nahelagen, das von bestialischen Trieben zwischen den Klippen von Elend und Jammer umhergeschleuderte Weib zu schützen und ihre Leiden zu mildern, denn in den Bahnen des Allerbarmers zu wandeln, genügt nicht nur Jude zu sein, sondern man muß auch jüdisch fühlen und handeln. Elias Lehr. Budapest. Wie seinerzeit gemeldet, sind aus die Zinsen der Lehrerpensions - Ergänzungsstiftung weil. Ritter I maz von Wechselmann's im Ganzen 971 Gesuche eingelangt, und zwar 403 von israelitischen, 568 von christlichen Lehrern. Die Gesuche wurden vom Vorstand der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde unter sechs Kommissionen aufgeteilt, die ihre Arbeiten bereits beendet und unter Vorsitz des kön. Rates Dr. Philipp Weinmann eine Einigungssitzung abgehalten haben, so daß nunmehr die Entscheidung des Gemeindevorstandes, sowie des Präsidenten Hofrat Sigmund K o h n e r aussteht. Nachdem diese erfolgt sein wird, was in kurzer Zeit geschehen sein dürste, werden die zugeurteilten Pensionsergänzungen sofort verteilt. Die Kommissionen beschlossen nun in der Gesammtsitzung, als Betrag der Pensionsergänzung je 200 Kronen, das Minimum, welches der hochherzige Stifter bestimmte, festzustellen, welcher Betrag den betreffenden Lehrern und deren Witwen lebenslänglich zugesprochen wird. Vorläufig stehen von den ursprünglichen 80.000 Kronen jährlich blos 69.000 Kronen zur Verfügung, da das Aerar 11.000 Kronen als Erbsteuer mit Beschlag belegt hat. Hiegegen hat die Kultusgemeinde den Prozeß angestrengt: sollte dieser günstig ausfallen, werden noch 55 Lehrer je 200 Kronen erhalten. Vorläufig wurden von der zur Verfügung stehenden Summe 344 Lehrern je 200 Kronen zugesprochen, und zwar 172 israelitischen und ebenso vielen christlichen Lehrern. Je ein israelitischer und ein christlicher Lehrer erhält 300 Kronen, damit kein Rest von 100 Kronen übrig bleibe. Berlin. (Gegen einen antisemitischen B e r e i n.) Die Stadtverordnetenversammlung der Berliner Vorstadt Charlottenburg bat ein gegen den Antisemitismus gerichtetes Votum abgegeben. Der Verein für Armen- und Krankenpflege Kaiser Friedrich-Andenken in Charlottenburg will ein neues Anstaltsgebüude errichten. Der Magistrat beantragte, hiezu eine Flüche von ungefähr 82 Quadratmetern, die dem Grundstücke vorgelagert ist und sich in städtischem Besitze befindet, unentgeltlich abzutreten. In der jüngsten Sitzung der Stadtverordnetenversammlung wurde dieser Antrag abgelehnt. Die Mehrheit stellte sich mit dem Referenten, Stadtverordneten Professor Dr. v. Lißt, dem bekannten Strasrechtslehrer der Berliner Universität, aus den Standpunkt, daß der Verein deshalb nicht aus städtischen Mitteln direkt oder indirekt unterstützt werden dürfe, weil seine Statuten vorschreiben, daß Angehörige aller Konfessionen zwar zahlende Mitglieder werden können, in der Generalversammlung aber nur christliche Mitglieder stimmberechtigt seien. Einem Verein, der einen derartigen konfessionellen Charakter trage und antisemitische Bestrebungen fördere, dürfe man auf Kosten der Steuerzahler keine Zuwendung machen. Der Konitzer Mord. Berlin. Nach dem Bureau Frowein besteht die Wahrscheinlichkeit, das; der Gymnasiast Ernst Winter zu Könitz am 11. März 1900 und zwar in der Zeit vor 4 Uhr nachmittags das Opfer eines Zusammenstoßes geworden ist, den ec mit dem Mann einer Arbeiterfrau hatte, zu der er Beziehungen unterhielt. Es liegt Todschlag, eventuell auch nur Körperverletzung mit tötlichem Ausgang vor. Das Vergehen hat sich in einem Hause in unmittelbarer Nähe seiner Wohnung abgespielt. Der Täterschaft oder der Beihilfe verdächtig sind der Schlosser Berg und seine Frau, der Schwager der Frau Berg, Arbeiter Masloff, sowie dessen Frau, schließlich die Schwiegermutter der Berg und des Masloff, die Gesindevermieterin Roß, sämtliche in Könitz. Masloff und die Frau Roß, in zweiter Linie Frau Berg und Frau Masloff, haben sich seinerzeit bemüht, den Verdacht, Ernst Winter ermordet zu haben, aus den Schlächtermeister Levy ebendort zu lenken. Masloff und Frau Roß sind wegen der Meineide, die sie zu diesem Zwecke geleistet haben, von den Konitzer Geschworenen im Jahre 1901 zu Zuchthausstrafe ver urteilt worden. Frau Roß lebt seit ihrer Entlassung aus der Strafanstalt in Könitz, Masloff ist in den rheinisch westphälischen Jndustriebezirk übersiedelt. Paris. (Generalversammlung der A l l g c* meinen Isr. Allia n z. (A 1! i a n c e I s r a e 1 i t e IT n i* versellej.) Am 15. Mai fand in dem neueingerichteten, geräumigen Bibliothekssaale der Normalschule (Ecole Normale Israelite Orientale) die Generalversammlung der Allianz statt. Der Generalsekretär Herr Jaques Bigart erstattete Bericht über die Wirksamkeit der Allianz im verflossenen Jahre. Zunächst faßte er mit kurzen Worten die Greuellaren von Kischenew und Homel zusammen und wies auf die Sammlungen hin, die von der Allianz veranstaltet wurden, um den Notständen der jüdischen Bevölkerung wirksam zu steuern. Sodann kam er aus unsere Glaubensgenossen in Rumänien zu sprechen und konstatierte, daß sich ihre Lage im abgelausenen Jahre kaum verändert hat. Dementsprechend mußte die Allianz ihre Hilfsaktion sortsetzen, namentlich durch Unterstützung der Vorschußkassen, die sich als sehr wohltätig erwiesen und daher in letzter Zeit vermehrt wurden: ferner wurden in den jüdischen Volksschulen Mittags-Freitische geschaffen: auch wurden Subventionen für Heizung, Schulgelder u. s. w. bewilligt. Gegen die falsche 'Anklage des Ritualmordes zu kämpfen, ist das Zentralkomitee stets bestrebt, und dank der Vermittlung seiner Vertreter gelang es ihm, namentlich in Egypten im Lause des Jahres 1903 zwei dieser ungeheuerlichen Anschuldigungen zu Nichte zu machen. Die Verhältnisse der Juden in Marokko waren besonders mißlich, unb die Allianz mußte den von Räuberbanden ins Elend gestürzten Juden, namentlich m Stat, Demnat. Sessron, ihre moralische und materielle Hilfe angedeihen lassen. Weiter berichtete Herr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.