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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-05-27 · 22 (27.5.1904) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 350 Dr. Blocb’s Vlllocbenscbrttr. Ar. 22 Geduld ich, was Deines Denkens ist, selbe aushielt: aber mein innigstes Gebet war nur immer um Geduld und der gütige Vater beschenkte mich auch reichlich damit. Ich bitte Dich daher, mein teueres Kind, nach meinem Tode Dich nicht zu grämen und wenig zu weinen. Du weißt, daß Du sehr schwach bist auf Deinen Kopf und Deine Augen; Du würdest Dich dadurch bald kränklich machen und es führt zu nichts. Was die Vorsehung beschließt, ist unabänderlich beichloffen und es ist gewiß gut. Einmal muß man sterben. Weim man also kränklich ist, in Schmerzen sich und seine Umgebung zur Last sein soll, so ist es ja eine Wohltat, eher zu sterben. Danke umsomehr Gott, daß er Euch von diesem mich so langsam dahinstcrben zu sehen, wo Ihr mir mit Eurem Blute gerne geholfen, so auch befreit hättet, erlöst hat. Führe Dich nur immer brav auf und befolge alles, was ich anbcfehle, so wird sich meine Seele freuen: aber mit vielem Weinen bringst Du nichts zum Zwecke als wie gesagt nur Schaden. Fünftens. Wenn Dir Dein Vater eine Mutter bringt, io sehe sie als Deine eigene Mutter an: laß das Wort Stiefmutter nicht hören, sei ihr gutes Kind und sie wird Dir Deine gute Mutter sein. Sei ihr gehorsam, trachte jeden ihrer Winke schnell zu befolgen und sei ihr überhaupt in allem Möglichen zuvorkommend, besonders, wenn sie Dich zurechtweist. Wenn es auch mit harten Ausdrücken wäre, so nimm es, ohne nur eine Silbe zu antworten, an: denn ich hoffe zu Gott, er wird Dir eine gute Mutter geben, die Dich zu allem Guten führen und Dich im Häuslichen, in Handarbeiten und überhaupt in Allem, was ein Frauenzimmer kennen muß, unterrichten oder unterrichten lassen wird. Du aber meine Fanni mußt sie lieben und ehren, so wie mich, kein Unterschied; lasse Dich nicht von Leuten oerhetzen und erinnere Dich stets, was ich Dir von der Tante Modry zu erzählen pflegte. Noch einmal trage ich Dir auf, Deinen treuen, guten Pater hoch zu ehren und auf feine Gesundheit aufmerksanr zu sein, seinen Worten stets gehorsam zu sein, als sei es ein Gebot Gottes und Dein Vertrauen keinem andern als ihm zu schenken. Uebrigens trage ich Dir auf, dieses Schreiben oft durchzulefen und so es auch gut aufzubewahren. So lebe denn :oohl, mein teueres Kind und vergiß nicht, daß Du eine treue, zärtliche Mutter hattest, die Dich mit der ganzen Kraft ihres Herzens liebte, wenn ich cs Dir auch nicht zeigte; sei nur brav und tugendhaft, so wird sich meine Seele, die Dich wie Dein Schutzgeist umschweben wird, freuen. Lebe ewig wohl! Gott, der Allmächtige, lasse es Dir lange Wohlergehen und erhalte Dir Deinen treuen Vater. Das ist der herzlichste Wunsch von Deiner Dich küssenden Mutter Therese Landauer. P., 9. April 1845. Ein Wort über Samuel Smiles. Vor wenigen Wochen starb im hochbetagten Alter der schottländische Schriftsteller Samuel Smiles, dessen „Selbsthilfe" in mehreren 100.000 Exemplaren verbreitet ist. Auch seine „Pflicht" und fein „Charakter" sind in den weitesten Kreisen bekannt geworden. Was mich bei Smiles besonders freute, ist seine Vorurteilslosigkeit, die er auch dem Judeutume gegenüber an den Tag legt. So bemerkt er in feinem „Charakter": „Um wirklich groß zu fein, bedarf ein Volk nicht einer bedeutenden Ausbreitung, obwohl man häufig die beiden Begriffe mit einander verwechselt. Eine Nation kann ein weites Landgebiet und eine dichte Bevölkerung besitzen und dennoch aller wahren Größe ermangeln. Das Volk Israel war äußerlich klein; aber was für ein großartiges Leben hat es entfaltet, und welch' einen gewaltigen Einfluß hat es auf die Geschichte der Menschen ausgeübt!" (S. 2H.) In seiner „Pflicht" setzt er in Bezug auf Tapferkeit Inda Makkabi dem Spartaner Leonidas zur Seite. iS. 108.) In demselben Werke (S. 81) erzählt er, wie der Grund zu dem Vermögen des Hauses Rothschild durch die Redlichkeit seines Stifters, Mayer Amschel, gelegt wurde. Interessant ist auch ebendaselbst (S. 81) eine Bemerkung Smiles' über Rumänien und Bulgarien. „Nachdem die Bewohner dieser Länder sich selbst befreit, fahren sie fort, die Juden zu knechten, die noch mit Leiden und Kummer belastet sind. Die Rumänen und Bulgaren verdienen kaum ihre Freiheit; sie haben Macht erlangt, besitzen aber kein Gerechtigkeitsgef ü h l. Ihre Ungerechtigkeit wird an ihnen heimgesucht werden; denn „Flüche kehren wie die Hühner zur heimatlichen Wiege zurück". Brüx. Dr. B i a ch. Biblische Klassiker. „Israels klassische Schriftsteller von Moses bis auf St.Johannes —das sind die religiösen Klassiker aller Völker und Zeiten" „Was heißt das? — Es heißt: Fort mit Pinsel und Flederwisch — eine Wnrfschaufel her, um eine alte Tenne zu fegen — eine Geißel, um das pädagogische Heiligtum zu reinigen von den toten Werken katechetischer Gerechtigkeit und von allem, was sich an die Stelle der von Gott bestellten Volkslehrer gesetzt hat. Da sitzen die Kmdlein zu den Füßen pädagogischer Männlein, um sich von ihnen groß katechisieren zu lassen, während die M ä n n e r, welche der Geist des Herrn groß gezogen hat, bescheiden in der Ecke stehen müssen, vielleicht nur je und dann ein abgebrochenes Wort mitsprechen dürfen, falls sie überhaupt noch gewürdigt sind, die Schwelle des modernen Pädagogiums zu überschreiten. Klassiker sind Israels Schriftsteller — original und darum mustergiltig; zum Bessermachen geben sie Erlaubniß, aber nicht zum Verbessern. An Klassikern soll die Jugend nicht Kritik üben lernen — auch nicht, wenn Homer einmal geschlafen haben sollte — sondern original sehen, hören, denken, empfinden lernen und an diesen zumal: vertrauen, hoffen, lieben, leiden, wie sie getan, und vielleicht auch, um, wie sie, original davon zeugen zu können." (Aus der Schrift „Zur Methodik des Religionsunterrichtes" des evangelischen Schulmannes F. W. Dörpfeld.) Ein Ansspruch Gottfried Kellers. Das „Judentum in der Literatur" ist ein allbekanntes Steckenpferd der Herren Am isemiten und als Seitenstück zu Richard Wagner's „Judentum in der Musik" sehr beliebt. Minder bekannt und sehr wenig lieblich ist die Thatsache, daß selbst ein so feinsinniger und echter Dichter wie Theodor Storm in dieses unmelodische Horn bläst und sich durchaus nicht sonderlich vornehm in einem Briefe an den großen Schweizer Dichter Gottfried Keller, wie folgt, ausläßt: Es kann wohl fraglich sein, ob es richtig ist, selbst einmal ein Wort zur Sache zu sprechen, wenn ein von der Menge und seinen S t a m m g e n 0 s s e n, den Juden, auf den Thron gehobener (Georg Ebers) solche Dinge dem Publikum imprägniert; denn der Schaden ist ein sehr weitgreifender". Umso löblicher und beachtenswerter ist die höchstvornehme Sachlichkeit und Unparteilichkeit, mit welcher der unsterbliche Dichter der „Zürcher Novellen" auf diesen Ausfall gegen das Judentum antwortet. Nach Albert Köster, „Der Briefwechsel zwischen Theodor Storm und Gottfried Keller" (Berlin, Gebr. Pantel, 1904), erwidert nämlich Meister Gottfried mit ebenso feiner Ironie, als in durchaus zutreffender Weise: Uebrigens hat sein Judentum, was mir nubekannt ist, mit der Sache nichts zu schaffen. Herr von G 0 t t s ch a l l, ein u r g e r m a n i s ch e r C h r i st, hat schon ein Dutzendmal verkündigt, Roman und Novelle seien untergeordnete, unpoctiscke Formen und fielen nicht in die Theorie. Da niemand darauf hörte, fing er zuletzt selbst an.Auch Gustav Freytag, der ja sonst ein verständiger Mann ist, tat um die Zeit, wo er seine „Ahnen" im Schilde führte, den Ausspruch, die Zeit der kleinen Erzählung dürfte für immer vorüber sein; nach der schlechten Manier, die Gattung, die man nicht selber Pflegt, vor der Welt herunterzusetzen und die augenblickliche Tätigkeit als den einzig wahren Jakob hinzustellen. Hiezu braucht es keine Juden, sowie überhaupt meine Erfahrunaen und Beobachtungen dahin gehen, daß ich auf jeden vorlauten und schreienden Juden zwei dergleichen Christen, seien es Franzosen oder Deutsche, Schweizer inbegriffen, rechnen kann." — Wenn nur die antisemitischen Schreier zu belehren und zu bekehren wären! Gottfried Keller sollten aber diese schönen und gerechten Worte nie vergessen werden. Brünn. Leopold Schwarz.

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