Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 22 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 348 Sr. Llocb's ‘üüJocbenscbntt. Nr. 22 All umfaßt und dessen Blick stets auf das Ganze, auf das Wohl der Gesamtheit gerichtet ist. Die Rechtssatzungen gehören mit zu den Gesetzen, von welchen die Bibel sagt: „So gebot uns der Ewige, alle diese Gesetze zu üben ... zu unserem Heile, um uns lebend zu erhalten"; (Das. 6, 24) sie gehören zu den Geboten, die die Menschen beobachten sollen, „damit es ihnen und ihren Nachkommen auf ewig wohlergehe." (Das. 5, 26.) Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Gleiche Verurteilung — ungleiche Partie. — Dr. Lueger's verpaßte Gelegenheit. — Christlichsoziale Versammlung in Linz und. Provinz- G a st s p i e l.) Die ausgleichende Gerechtigkeit hat ihres Amtes gewaltet. Nachdem der Magistratssekretär Demel für sein christlich-soziales Husarenstücklein vom Richter verdonnert war, ist nun auch der Mann abgestrast worden, der in seiner Erregung mit dem Kraftwort „Antisemitischer Lump!" sich eine ebenso kurze, wie nach seiner Meinung treffende persönliche Charakteristik des nunmehr genügend gekennzeichneten Exzedenten vergönnen zu dürfen vermeint hatte. Auch ihm ist sein Recht geworden. Nicht etwa daß wir darauf Hinweisen wollten, daß die Preisgebung von Amtsgeheimnissen unter allen Umständen sträflich sei, genau so sträflich wie unter gewissen Modalitäten die Mitteilungen aus dem Privatleben — auch wenn sie wahr sind. Es ist nicht das. Was dagegen zu betonen wäre, ist das, daß das Schimpfen im allgemeinen weder nützlich noch rätlich ist. Eingegangen wären also beide, aber deshalb steht die Partie zwischen ihnen doch noch lange nicht gleich. Herr Löbl hat durch seinen Exzeß und durch seine Verurteilung nicht die wohlwollende Aufmerksamkeit der Machthaber auf sich gelenkt und dadurch auch nicht für seine Zukunft gesorgt. Er wird deshalb nicht avanzieren und hat damit in keiner Weise Anspruch gewonnen auf reichlichere Bezüge und höheres Gehalt. Er hat damit auch nicht den Befähigungsnachweis erbracht und so das eigentliche und richtige passive Wahlrecht erworben für den Gemeinderat, den Landtag und selbst den Reichstag. Er darf einfach Strafe zahlen und damit ist die Sache für ihn abgetan. Es ist in einem Rechtsstaate nämlich von ganz erheblichem Belang, ob der Exzedent ein Jude ist oder nicht. Der Bürgermeister hätte eine sehr schöne Gelegenheit gehabt, sich wenigstens den Anschein jener Objektivität zu geben, von der er ja nicht müde wird, zu behaupten, daß sie seine ganze Amtsführung durchdringe. Er hat es vorgezogen, von dieser Gelegenheit keinen Gebrauch zu machen, obschon sie sich ihm noch ein zweitesmal darbot. Erst stellte er es rundweg und auf gut Glück in Abrede, daß die Sache sich so verhalte, wie sie von den Zeitungen dargestellt worden sei, und als dann auf seine fechterische Finte das richterliche Urteil a tempo und scharf ripostierte, da brachte er auch nicht das bischen Loyalität auf, um ehrlich Touche einzubekennen, sondern suchte unentwegt nach neuen Ausflüchten. Auch da wäre es noch für den Vater der Stadt, für den Herrn von Wien an der Zeit gewesen, wenigstens durch ein Wort zu markieren, daß es seines Amtes sei, für die Gerechtigkeit einzutreten und wenigstens so zu tun, als liege ihm das gute Einvernehmen zwischen den Bewohnern dieser Stadt am Herzen. Es wäre ihm keine Perle aus der Krone gefallen, wenn er durch ein Wort der Rüge und der Mißbilligung zu verstehen gegeben hätte, daß, wenn nicht alle Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung erschüttert werden sollen, wenigstens die Amtspersonen sich aller ordinären und brutalen Hetzereien zu enthalten hätten. Kein Wort der Rüge oder der Mißbilligung ist gefallen. Im Gegenteil. Der Bürgermeister zeigte nicht übel Lust, die Sache des abgesttaften Exzedenten zu seiner eigenen zu machen. Er versprach, Nachforschungen anstellen zu lassen, nicht etwa über seinen Untergegebenen, dessen Ausschreitungen den ganzen Beamtenstand in Mißkredit zu bringen geeignet sind, sondern — über dessen Ankläger. Nun lagen gerichtliche Feststellungen vor, nach welchen der in solcher Weise das Beaintendekorum lvahrende Magistratssekretär auch dann nicht zu exkulpieren gewesen wäre, wenn der Kläger einmal selbst einen Raubmord begangen haben sollte. Da wäre also wieder einmal jegliches Gerechtigkeitsgefühl erstickt worden durch die Rücksicht auf die Gunst der Partei. Die Partei hätte es sehr übel vermerkt, wen man einen so strammen und vielversprechenden Parteimann fallen gelassen hätte, und wenn an der Sache selbst auch nichts mehr geändert werden kann, so wird es doch ungemein wohltuend wirken, das Opfer des Exzesses — es ist ja doch nur ein Jude! — zu verfolgen, sich an ihm zu rächen und, wenn man Glück hat, aus seinem Vorleben Tatsachen auszuschnüffeln, durch deren Veröffentlichung er zu Grunde gerichtet werden könnte. Das löbliche Vorhaben wird ja nun wohl nicht gelingen, aber die Methode, mit der hier vom Bürgermeister und von amtswegen eine derartige Angelegenheit behandelt wird, ist eine symptomatische und sie beleuchtet mit einem grellen Lichte die ganze Unhaltbarkeit, aber auch die völlige Trostlosigkeit der herrschenden Zustände. Im übrigen wurden in Wien auch in Sachen der öffentlichen Judenhetze Pfingstferien gehalten, und somit hatten die Größen in der Provinz Gelegenheit, zu Worte zu kommen. In Linz gab es eine christlich-soziale Versanimlung, und in dieser führte ein Herr Professor Binder das große Wort. Der Eigenbericht des „Deutschen Volksblatt" gibt den geistigen Inhalt seiner Rede wie folgt wieder: Er wies geschichtlich nach, daß der Antisemitismus kein Ereignis der Neuzeit ist, denn schon im Altertume war diese antijüdische Bewegung an der Tagesordnung. welche sich im Mittelalter fortpflanzte bis auf unsere heutige neue Zeit. Will man nach den Gründen der heutigen Bewegung fragen, so braucht man nur die Geschichte des Altertumes oder Mittelalters nachzuschlagen über die damaligen antijüdischen Bewegungen, sie sind die gleichen wie heute. Die geduldete Gastfreundschaft, die man den Juden gewährt, wurde von diesen mißbraucht, dieselben erwiesen sich ihren Gastvölkern gegenüber undankbar, denn Dankbarkeit kennt der Jude nicht. Der Redner bewies weiter, wie schädlich die Juden dem Bauernstände, den Gewerbetreibenden und den anderen Ständen sind und wie sie sich der Literatur und des Zeitungswesens bemächtigten, er besprach auch die erschreckend große Zahl der jüdischen Hoch- und Mittelschüler usw. und kam dann auf den Antisemitismus bei den anderen Parteien zu sprechen. Besonders warf er der Deutschen Volkspartei ihren plötzlichen Abfall vom Antisemitismus vor und bewies klipp und klar, daß heute nur mehr die christlich-soziale Partei noch den rechten Antisemitismus zu Nutz und Frommen der Völker betreibe. Nach all dem warf er die Frage auf, ob der Antisemitismus notwendig sei. Er bejahte die Frage auf das Bestimmteste, denn er ist bei uns bereits zur Notwehr geworden. Er bat am Schlüsse seiner vortrefflichen Ausführungen, treu, christlich und deutsch zu bleiben, welche Worte die Fahne der Christlich-Sozialen schmücken. (Stürmischer Beifall.) Es ist nicht anzunehmen, daß das „Deutsche Volksblatt" die Absicht gehabt habe, die geistige Leistung eines verehrten Gesinnungsgenossen böswillig herabzusetzen, man darf also ruhig glauben, daß der Mann wirklich so gesprochen hat. Die Tatsache, daß die Welt mtt sehr wenig Verstand regiert wird, ist im Allgemeinen ja bekannt, das hindert aber nicht, daß man doch immer wieder förmlich verblüfft wird durch die ausnehmende Dummheit der christlichsozialen Wortführer. Was das für ein Kreuzköpfel ist, der da die Entdeckung macht, daß der Antisemitismus kein Ereignis der Neuzeit sei, und der sich auf das Altertum und auf das Mittelalter bezieht, nicht etwa um über die eigene Rückständigkeit zu erröten, sondern um sich geradezu noch etwas darauf zugute zu tun, daß sein geistiger Horizont noch immer der des Mittelalters ist. Ach ja, man hat die Juden auch im Mittelalter erschlagen und verbrannt, und die einzige Lehre, die der illustte Redner daraus zieht, ist die, daß man das auch heute noch tun muß. Treu, christlich und deutsch, das sind die Worte, die die Fahne der Christlich-Sozialen schmücken.