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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-05-20 · 21 (20.5.1904) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
21 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 342 Dr. Mocb's Mlocbenscbrm. Nr. 21 Da standen Kisten und Kästen und Möbelstücke bunt durcheinander, bereit für die lange Reife, die sie schon Sonntag, natürlich per Wagen, antreten sollten; es fand sich kaum ein Sessel, mich niederzulassen. Ich eilte rasch von dannen, und da ich nichts Besseres zu tun hatte, ging ich in die Synagoge. Dort war außer dem Tempeldiener nur noch ein einziger Mann, dem man es ansah, daß er zur Gilde der jüdischen Gelehrten gehöre; denn er trug einen langen, schwarzen Rock, ein weißes Halstuch und ein Zylinderhut war seine Kopfbedeckung. Er stand und rezitierte Schir-haschirim, „das Lied der Lieder", diese kostbarste Perle hebräischer Lyrik, die nur deshalb als „Allerheiligstes" dem Canon einverleibt und so vor dem Schicksal des Verschollenwerdens bewahrt wurde, weil dieses Hohelied der Liebe als ein Hymnus auf die treue Anhänglichkeit des göttlichen Hirten an seine erkorene Braut Israel erklärt tourbe. Das Hohelied wird von frommen Juden vor Eingang des Sabbats deshalb rezitiert, weil er symbolisch als die sehnsuchtsvoll erwartete Braut von dem Bräutigam Israel begrüßt wird. Nach dieser mystischen Anschauung hätte Israel seine Rolle gewechselt — aus der Braut Gottes ist ein Bräutigam des Sabbats geworden; aber poetisch schön ist beides. Der fromme Mann, von dem ich spreche, scheint aber an all das nicht gedacht zu haben, auch an die herrliche, formschöne Dichtung nicht. Er sagte Zesiir-Laseliirim, weil er es seit seiner frühesten Kindheit sagte. Ich fragte den Tempeldiener, wer der Mann sei. Dieser schaute mich halb verwundert, halb mitleidig an, als wäre es eme unverzeihliche Sünde, den Mann nicht zu kennen. „Das ist unser R e b M e n d e l e." Sprachs, und wendete sich ab, als wollte er einem Menschen, der „seinen Reb Mendele" nicht kennt, nicht weiter Rede stehen. Am Ende, dachte ich, ist das der Mann, dessen Tochter zu freien ich hergeschickt wurde. Ich faßte ihn daher genauer ins Auge. Es war das ein wahrer Studienkopf, ein langer, brauner Bart bedeckte die breite Brust, eine hohe Denkerstirne, eine edelgebogene Nase, ein offener, freundlicher Blick aus glänzenden, braunen Augen, und auf dem rosig angehauchten Gesichte lag ein Zug rührender Demut, als würde er jedermann um Entschuldigung bitten, daß auch er es wagt, die Luft einzuatmen und einen Raum einzunehmen im Universum! Der Diener begann die Kerzen anzuzünden und sofort schloß R. Mendel K i r z — denn er war es — das Buch und stieg ebenfalls auf die Bänke, um demDiener zu helfen! Ich staunte darüber, daß in Miklos das Lichtanzünden im Tempel auch zu den Agenden eines Rabbinats- Assessors gehört, aber meine Verwunderung steigerte sich noch, als ich sah, daß er einige vom Diener bereits angebrannte Kerzen auslöschte und dieselben sofort wieder anzündete. Erst später erfuhr ich, daß R. Mendel es als ein ftommes Werk betrachtete, eine besttmmte Anzahl Sabbatlichter anzuzünden, und darum mußte er, um diese Zahl voll zu machen, die beretts angezündeten Kerzen auslöschen. Bald füllte sich das Gotteshaus, nur der Rabbiner fehlte. Wie? Sollte er, der alte „Zaddik", seiner Zeit vorangeeilt sein, jener Zeit, wo der Rabbiner einer derjenigen ist, die am s p ätesten zum Gottesdienste kommen? Ach nein! Wie ich mich später überzeugt habe, kam er Freitag regelmäßig zwei Stunden vor Beginn des Sabbats in die Synagoge, damit er — wie er das motivierte — seiner Rebbezen kein Geld mehr zu geben brauche! Heute aber fehlte der Rabbiner, weil er abgereist war! Er hatte, um den Ovationen, welche die Gemeinde dem scheidenden Prediger zu beretten für ihre angenehme Pflicht hielt, aus dem Wege zu gehen, es für gut befunden, sich zu absentieren und für diesen Sabbat eine benachbatte Filialgemeinde zu besuchen, was er sonst nie zu tun pflegte. Das warf ein grelles Licht auf das Verhältnis zwischen ihm und Löwenstein. Des andern Tages strömte Alles, Jung und Alt, in die Synagoge zur Abschiedspredigt. Löwenstein war eine schöne Kanzelerscheinung und ein eleganter Redner — aber ich war von Samson Rafael Hirsch her an eine kräftigere Kost gewöhnt. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Esra und seine reformatorischen Bestrebungen. Von Dr. S. Gelbhaus. Rabbiner und Prediger in Wien, Lektor am Wiener Bethamidrasch. Die Zeit, die sich von Esra und Nehemia bis auf die Makkabäererhebung erstreckt, ist noch heute in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt, und doch fallen in dieselbe die mächtigsten politischen, sozialen und religiösen Umwälzungen, die durch die Großtaten des gewaltigen Makedoniers herbeigeführt wurden und die auch in Palästina die tiefsten Erschütterungen und folgereichsten Umwertungen geistiger Werte erzeugt haben. Ueber alles das, so glaubt man, schweigen jedoch die jüdischen Quellen, und cs hat den Anschein, als ob das Judentum jener langen und denkwürdigen Epoche einen langen und dumpfen Winterschlaf gehalten hätte. Man denke nur, seit der Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil hat sich bis auf die Zeit der Makkabäererhebung in Palästina soviel wie nichts zugetragen! Und doch finden wir in der Makkabäerzeit das Gros des Judentums hellenisiert! Eine solche hochbedeutsame Umgestaltung eines Volkes konnte doch nicht über Nacht erfolgt sein! Und doch wissen wir hierüber nicht mehr, als was uns die Mukkabäerbücher überliefern! Vor dem Exil grassierte der krasseste Götzendienst in Israel; nach dem Exil keine Spur davon! Wann, wo und wie hat sich dieser großartige Läuterungsprozeß vollzogen? Aber selbst über die Zeit und Wirksamkeit Esras gehen noch heute die Ansichten himmelweit auseinander. Sein Bild schwebt zwischen der Parteien Haß und Gunst. Da aus jener Zeit, wie man allgemein annimmt, keine anderen als jene Berichte vorhanden sind, die Esra und Nehemia selbst abgefaßt, in denen also von einer objektiven Berichterstattung keine Rede sein könne, so ist den Vermutungen und Hypothesen der freieste Spielraum gewährt, und das Bild Esras und seiner Zeit wird uns je nach der Parteistellung der Verfasser bald durch helle, bald durch dunkle Gläser gezeigt. Gibt es aber in Wahrheit keine anderen Quellen über den Mann und seine Zeit, als diejenigen sind, die er selbst und Nehemia hinterlassen? Gelbhaus, der nach Kräften bemüht ist, Licht in dieses Dunkel zu bringen, und der in einer Vorarbeit, den Nehemiastudien, bereits Tüchtiges auf diesem noch chaotisch liegenden Gebiete geleistet hat, will dies durchaus nicht zugeben; er zeigt vielmehr, wie durch Heranziehung alter, und in unserem Falle, ältester, talmudischei Quellen manches Licht in das Dunkel, das über die in Rede stehende Zeit gebreitet ist, getragen werden kann. Freilich für die christlichen Gelehrten, die dank unserer eigenen Untätigkeit nnd unverzeihlichen Indifferenz auch auf dem Gebiete der Auslegung des Alten Testaments zur Herrschaft gelangt sind, haben diese Quellen keinen besonderen Wert, da sie zu denselben keinerlei Vertrauen zu haben vorgeben, obgleich sie sie, wo sie ihnen 'für ihre vorgefaßten Ansichten passen, doch wieder gern benützen. Sie berauben sich also der einzigen, aus uralten Zeiten fließenden Ueberlieferungen, die vielfach nicht nur verläßliche Zeugen sind, sondern auch den Geist jener Zeit noch wiederspiegeln und uns demgemäß dem Verständnis derselben näher zu bringen vermögen. So ist es gekommen, daß von diesen Gelehrten Esra zu den obskurantesten Dunkelmännern gezählt wird, der schnurstracks den tausende von Gesetzesbürden erzeugenden Pharisäismus in die Welt gesetzt habe, während dieser doch m Wirklichkeit er st drei Jahrhunderte später entstanden ist. Demgegenüber sieht Gelbhaus in Esra einen Regenerator und Reformator des Judentums. Soweit klaffen die Urteile über diese geschichtliche Persönlichkeit auseinander! Soweit sieht sich Gelbhaus nach links gerückt, dahin geführt durch die talmudischen, von der Gegenpartei so arg mißachteten Ueberlieferungen! Auf den ersten Blick frappiert uns in der Tat die Darstellung Gelbhaus', und man wäre versucht, zu urteilen, daß eine allzu große Vertrauensseligkeit den talmudischen Quellen gegenüber zu ähnlichen Absurditäten führe, wie deren Verwerfung in Bausch und Bogen; verfolgen wir aber ohne Voreingenommenheit und ohne Kopfschütteln, mit einiger Geduld die Ausführungen unseres Verfassers, die er, wie gesagt, zumeist an der Hand talmudischer Berichte darlegt, so wird uns in der von ihm gegebenen Beleuchtung manches heller, was bisher dunkel gewesen. Der Verfasser zeichnet zunächst den düsteren Hintergrund des vorexilischen und exilischen Judentums und läßt von diesem seinen Helden lichtvoll sich abheben. Er läßt das Milieu, aus dem Esra

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