Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Llocb's MoebenscbrM. Seite 341 im „Religionsunterrichte" erreichten Resultate dem katholischen Seelsorger vorzeigen sollte. Daß die Kinder den ganzen Pentateuch und den Propheten Jesaias gut übersetzten, hebräische Grammatik perfekt wußten — damit konnte er doch vor dem Pfarrer ni.lt brillieren, und auf den jüdischen Katechismus, dieses leere Frage- und Antwortspiel, mit dem man wohl eine glänzende Schauprüfung, dem Kinde aber sehr wenig innere Religiosität geben kann, hatte der Vater keine Zeit verwendet. ,>Was mache ich da, wenn er kommt?", fragte der Vater niedergeschlagen. „Sei unbesorgt!", entgegnete ich, „laß' mich nur machen, ich werde die Kinder schon präparieren." Und so war es auch. In wenigen Stunden kannten die Kinder die Eigenschaften Gottes, die Pflichtenlehre und alles, was dran und drum' ist: als Staffage ließ ich jeden der besseren Kinder ein Lesestück religiösen Inhalts einlernen und so erwarteten wir in aller Seelenruhe den hohen Besuch. Es ging alles flott, wie am Schnürt. Ich stellte die Fragen, wie so viele Lehrer bei öffentlichen Prüfungen zu fragen pflegen, so, daß in der Frage schon die Antwort enthalten ist, und die Kinder antworteten wunderbar. Höchst komisch war die Antwort eines Kindes, die mir noch im Gedächtnis geblieben. Diesem Kinde war die Aufgabe zugefallen, das Gedicht „Wo wohnt der liebe Gott!" aufzusagen. Ich forderte es dazu auf mit den Worten: „Nun sage, wo wohnt der liebe Gott?" „Numero 8 3" war die Antwort. Das war nämlich die Zahl dieses Lesestückes im Buche. Wir lachten alle herzlich, wie genau der Junge die Hausnummer der himmlischen Gotteswohnung kennt. Der Pfarrer lachte am lautesten, und da wir den Lacher auf unserer Seite hatten, hatten wir gewonnenes Spiel. In überaus schmeichelhaften Worten sprach der Schulinspektor dem Vater seine Anerkennung aus über die erzielten Resultate in allen Lehrgegenständen, „besonders aber über den ausgezeichneten Unterricht im Katechismus". Als ich nachhause kam, hatte ich erwartet, daß man mich, wie es sonst üblich ist, mit der Abhaltung einer Predigt beehren werde. Ich hatte eine solche in meinem Koffer fertig mitgebracht; aber ich ward dieser Ehre nicht teilhaftig. Der „Vorsteher" fand, daß ich einen Etiquettefehler begangen; ich hatte es unterlassen, ihm sofort nach meiner Ankunft meine Aufwartung zu machen, und so nahm er von meiner Existenz offiziell keine Notiz. Um aber meine so wohleinstudierte Rede doch vom Stapel zu lassen — meine Begeisterung für dieselbe drohte mir die Brust zu sprengen — hielt ich meine Predigt nach dem Sabbatgottesdienste in unserer Wohnung, wohin die ganze Gemeinde mich begleitete. Mein Debüt als Redner fiel recht gut aus. Ich sah die Wirkung der ergreifenden Stellen, wo ich der opferwilligen Liebe der Eltern gedachte, in den tränenfeuchten Augen meiner Hörer. Die gute Mutter aber weinte Freudentränen; war doch ihr Herzenswunsch in Erfüllung gegangen, sie hat ihren Sohn „darschenen" (predigen) gehört. Nur der Vorsteher hatte in starrer Konsequenz sich ferngehalten. Zwei Monate später aber hat er seine Unterlassungssünde mir gegenüber doch gut zu machen gesucht,' indem er mich für den zweiten Tag des Pessachfestes mit der Abhaltung einer Predigt in der Synagoge beehrte. Freilich hatte er dabei die Bosheit, mir diese Ehre erst am Rü st tage des Festes nachmittags ankündigen zu lassen! Ich nahm an, weil eine heilige Begeisterung mich für das Predigen erfüllte und die siegte! Ich konnte des Feiertages wegen meine Predigt nicht niederschreiben, aber vielleicht eben deshalb hat diese meine erste Synagogenrede so reichlichen Beifall gefunden, weil die Worte ungesucht mir von den Lippen flössen und mit der Macht der Unmittelbarkeit auf die Zuhörer wirkten. Nun trat der Gedanke an meine Zukunft und mit ihm die bange Sorge an mich heran. — Was nun? . . . Ich hatte den Wunsch, in das Breslauer Rabbiner- Seminar einzutreten, aber meine Mutter jammerte. „Du wirst ins Ausland gehen, wirst dort heiraten und bist dann für mich verloren." Alle meine Bitten und Versprechungen halfen nichts, und da kam, — ihr gerade zu höchst gelegener Zeit — der Vorsteher mit einem Heiratsantrag für mich — die Tochter seines Cousins, des Rabbi Mendel K i r z, des RabbinatsassessorS aus L i p t 6 - S z e n t - M i k l 6 s, sechshundert Gulden C.-M. (1260 Kronen) Mitgift — und drei Jahre „Kost". Meinen Eltern schien dies das höchste Glück; würde ich doch im Lande bleiben und redlich — genährt werde n, und ich, der zwanzigjährige Jüngling — nun, xd) hörte, daß der dortige Prediger L ö w e n st e i n, der zum Rabbiner in Butschowitz in Mähren gewählt wurde, am ..Sabbat-Naehmu" seine Abschiedspredigt halten werde, und d e n w o l l t e i ch hören und so nebenbei, den Eltern zuliebe, zur „B e s ch a u" gehen. Freitag nachmittags angekommen, war mein erster Weg zum Prediger Löwenstein, dem doch fast ausschließlich meine Reise gegolten hat. Bernhard Löwe n st e i n, aus Preußisch-Polen gebürtig, wurde im Jahre 1845 von Berlin aus im Alter von vierundzwanzig Jahren als Oberlehrer und Prediger nach Miklös berufen, und ihm fiel die dankbare Mission zu, die eben ins Leben getretene vierklassige Gemeindeschule zu organisieren, welche noch heute, ihrer rühmlichen Vergangenheit würdig, auf der Höhe ihres Berufes steht. Diese Schule hat im Norden Ungarns eine wahrhafte Kulturmission erfüllt, da sie die e r st e und lange Zeit hindurch einzige, moderne, allen Ansprüchen der Pädagogik genügende, jüdische Lehranstalt war, wohin von weit und breit nicht nur jüdische, sondern auch ch r i st l i ch e Eltern ihre Kinder schickten, weil ihnen die primitiven slavischen Schulen nicht genügten. A u ch heute noch frequentieren daselbst ch r i st liche Kinder die jüdische Schule. An den Namen Löwenstein knüpft sich aber auch das kulturhistorische Moment, daß er der E r st e war, der im n ö r dl i ch e n Teile Ungarns auf einer jüdischen Kanzel das Gotteswort in reinem klassischen Deutsch verkündete. Die Gelegenheit hiezu bot die am 5. August 1846 vollzogene Einweihung der neuen prachtvollen Synagoge. Die Wirkung seiner Predigt war eine zündende, umsomehr als die Behörden und der Adel des Komitates von der formvollendeten Rede, dergleichen sie noch nie gehört hatten, ganz hingerissen waren. Nach zweiundzwanzigjährigem segensreichen Wirken zog er zum lebhaften Bedauern der Gemeinde nach Butschowitz und einige Jahre darauf nach L e m b e r g, wo er als Nachfolger des unglücklichen Abraham K o h n zum Prediger der Fortschrittsgemeinde gewählt wurde. Dort wußte er nicht nur die Liebe und Verehrung seiner Gemeinde sich zu erringen, sondern infolge seiner eminenten Lebensklugheit, seiner geschmeidigen, gewinnenden Umgangsformen und wahrhafter Menschenliebe die schroffen Gegensätze der religiösen Parteien zu überbrücken. Es gelang ihm, die Freundschaft des Oberrabbiners E t tl i n g e r zu erwerben und ihn dazu zu vermögen, daß derselbe an der Gründung humanitärer Institutionen mit ihm sich betätige, wodurch er die Prosperität dieser seiner Schöpfungen sich sicherte. Aber auch auf die politische Stellung der Juden Galiziens nahm L ö w e n st e i n bedeutenden Einfluß. So begegnete ich ihm im Jahre 1892 in Wien, wo er mit dem Lantagsabgeord neten Mayer Kalir im Interesse der galizischen Juden in Audienz beim Kaiser war. Das ist in Kurzem der Lebenslauf dieses interessanten Mannes, dem mein erster Gang in Miklös gegolten. Löwenstein war eine schöne, imposante Erscheinung, liebens würdig im Umgänge. Er nahm mich sehr freundlich auf, aber ich bemerkte bald, daß ich zu ungelegener Zeit gekommen bin.