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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-05-20 · 21 (20.5.1904) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
21 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 338 Dr. Dlocb's Mlocbenscbrm. Nr. 31 Die an den Erhebungen beteiligten polizeilichen und richterlichen Organe hatten von vornherein angesichts der Fülle von Bekundungen, die von diesem einen Hause ausgingen, ihre besonderen Gedanken, doch fehlte es lange Zeit an einer Bestätigung der Vermutungen, die man hegte. Erst nach und nach gelang es, die vorstehend erwähnten Tatsachen zu erkunden; sie bilden einen Teil des bereits erwähnten, eventuell zu ührenden Indizienbeweises. Wesentlich ist auch, daß zum mindesten ein Mitglied der Familie Gelegenheit hatte, sich völlig unauffällig in dem Plath'schen Hause, aus dem. wie erinnerlich, die als Hülle der Leichenteile verwendete Pappe stammte, zu bewegen. Breslau. Vor kurzem hatte unser Glaubensgenosse, der Weltmeisterschaftsschwimmer Leo Ledermann vom kaiserlich russischen Marineamt den telegraphischen Auftrag erhalten, seinen von ihm erfundenen und in Breslau bereits erprobten Schwimmapparat „Flotte" in Petersburg persönlich vorzuführen. Herr Ledermann wandte sich darauf an den russischen Konsul in Breslau mit dem Ersuchen um das erforderliche Paßvisum. Dieses verweigerte aber der Konsul, weil Ledermann Jude ist. Ledermann begab sich darauf am Samstag nach Kattowitz, und von da aus reiste er, der „Kattowitzer Zeitung" zufolge, auf den Rat von Freunden ohne Paßvisum weiter nach Sosnowice. Dort hielt man ihn aber an und verbot ihm sowohl die Weiterreise, wie auch die Rückkehr. Nachdem Ledermann die Depesche des Ministers vorgewiesen hatte, nahm die Behörde in Sasnowice Anlaß, bei dem russischen Marineminister um telegraphischen Verhaltungsbefehl nachzusuchen. Hierauf traf eine direkte Depesche des Zaren ein, mit dem Befehl, Herrn Ledermann paßfrei nach Petersburg fahren zu lassen und auf dessen Apparate keinen Zoll zu erheben. Nunmehr setzte der Erfinder mittels Kurierzuges die Reise nach Petersburg zum Zaren fort. Paris. Die Niederlage der Antisemiten bei den Gemeindewahlen war eine so vollständige, daß selbst die „Libre Parole", welche sonst den Mund so voll zu nehmen pflegte, diesmal den Rückgang des Antisemitismus in Frankreich trauernd zugibt. Nicht nur haben die Nationalisten in Paris 10 Sitze verloren, sie mußten es sogar erleben, daß an ihrer Stelle vielfach — Juden gewählt wurden. So ist in Paris selbst'Mr. Fribourg, ein sozialistischer Republikaner, mit großer Majorität gewählt worden. Ebenso zahlreiche Juden in Algier .. In manchen französischen Gemeinden sind Juden sogar zu Bürgermeistern gewählt worden. So Mr. Guggcnhein in Chaumont und Leon Dreyfus in Lourches. Letzterer, ein Schwiegersohn des vor kurzem verstorbenen General See, wurde gewählt, trotzdem die Bergbaugesellschaft von Lourches, deren Verwaltungsrat aus lauter Jesuiten besteht, mit aller Macht gegen ihn gekämpft hat. In Algier haben die Republikaner fast überall triumphiert. In der Hauptstadt selbst hat „der schöne Max" (Regis) eine schwere Niederlage erlitten. Von den Juden wurden gewählt: In Batna, Guelma, Hamma und Khenchela je einer, in M'Sila und Tebes je 2 und in Setif 3. In Constantine sind die Antisemiten so tief gesunken, daß sie bei den Juden um Stimmen betteln mußten. Sie versprachen ihnen goldene Berge, schmeichelten ihnen und bettelten so lange, bis diese sich wirklich betören ließen und ihre ehemaligen Schlächter selber wählten. Der verflossene Deputierte Morinaud besuchte sogar den Purimball der rein jüdischen „Union Scolaire", feierte mit den Juden die Niederlage Hamans, während seine Frau mit den „jüdischen Jünglingen" bis zur Erschöpfung tanzen durfte. Durch solche und ähnliche Kniffe gelang es, die Juden soweit „rumzukriegen", daß 150 von ihnen direkt für die Morinaud'sche Liste sttmmten, während 180 sich der Stimmenabgabe enthielten. Auch in Oran ist es den Antisemiten infolge der unglaublichen Nachlässigkeit ihrer Gegner gelungen, sich noch einmal in das Stadthaus einzuschleichen. Am Wahltage fanden Unruhen statt, in deren Verlauf ein Jude ermordet wurde. Wie sehr der Antisemitismus in Frankreich auf den Hund gekommen ist, beweist die Tatsache, daß nur wenige Antisemiten es bei den jüngsten Wahlen gewagt haben, sich offen und unumwunden als solche zu bekennen. Judenfeindliche Plakate kamen selten zum Vorschein und die Dreysusafsaire scheint für die Judenfteffer nicht mehr zu existieren. Das Fremdengesetz in England. Aus Berlin erhalten wir folgende Zuschrift: Verehrliche Redaktion! Sie brachten in Ihrer letzten Nummer Notizen über einen Briefwechsel zwischen Dr. Gaster und Major Evans Gordon; meiner Ansicht nach hat Dr. Gaster weit übers Ziel geschossen. Major Gordon ist kein rumänischer Bojare, sondern ein englischer Gentlemen. Dr. Gaster hat daher nicht das Recht, den Sympathie-Erklärungen Major Gordon's für die Juden und seiner Stellung zum Fremdengesetz andere Motive unterzustellen, als er selbst angibt. Ich bemerke, daß ich die wesentlichsten Bestimmungen des Gesetzes selbst für richtig halte und daß nach einer Notiz, die ich in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" finde, von 10 jüdischen Abgeordneten 3 für das Gesetz gestimmt haben und 2 dagegen, während 5 sich der Abstimmung enthielten. Nach dem Ergebnis dieser Abstimmung ist es sicherlich nicht angängig, das Gesetz als ein gegen die Juden gerichtetes zu bezeichnen. Wir dürften zufrieden sein und die Zahl der hier lebenden auswärtigen Juden würde sich zweifellos stark vermehren können, wenn das englische Fremdengesetz bei uns Anwendung hätte. Hochachtungsvoll 0. Ein Brief des Premiers Balfour. London. Der Premierminister Balfour hat folgenden Brief geschrieben und veröffentlichen lassen: „Ich glaube, es ist ganz unwahr, daß England, um mit einem mir vorgelegten Zeitungsausschnitte zu reden, von der Epidemie angesteckt wird, die überall anderwärts gegen die Juden grassiert. Das Fremdengesetz ist bestimmt, das Land zu schützen nicht gegen den Juden, sondern gegen den lästigen Fremden ganz ohne Rücksicht auf Nationalität oder Religion. Ich würde in dem Entstehen und Anwachsen jeweder antisemitischen Gesinnung in England ein äußerst ernstes nationales Unglück erblicken." London. (Empfang einer jüdischen Deputat i o n.) Der englische Minister des Innern Herr Ackers- Douglas hat den Vertretern des jüdischen Board of Deputies, bekanntlich der einzigen von der englischen Regierung anerkannten offiziellen Vertretung des englischen Judentums, eine Audienz bewilligt. Der Board will bei der Regierung wegen Abänderung der Fremdenbill vorstellig werden, was durch eine Deputation von 10 Mitgliedern geschehen soll. Die Deputation wird vom Lord Rothschild geführt werden und wird bestehen aus den Herren: Lord Rothschild, Leopold de Rothschild, Sir Samuel Montague, Chieftabbi Adler, Chacham Gaster, Alexander, dem Unterhausmitglied Benjamin L. Cohen, F. D.'D. Mocatta, Claude Montefiore und dem Sekretär des Boards, Mr. Emanuel. Großfürst Sergius und der jüngste Jndenerlaß Plehwe s. Durch den jüngsten Judenerlaß des russischen Ministers v. Plehwe wurden bekanntlich die Gouverneure und Polizeichefs im Reiche angewiesen, mit Rücksicht auf den Krieg in Ostasien die angeordnete Ausweisung der Juden aus jenen Ortschaflen, in denen ihnen der Aufenthalt nicht gestattet ist, bis auf weiteres einzustellen. Großfürst Sergius, der Generalgouverneur von Moskau, richtete hierauf an Minister v. Plehwe die schriftliche Anfrage, ob die von ihm verfügte Einstellung der Judenausweisungen sich auf Moskau beziehe, wo der Aufenthalt von Juden von Alexander III. nicht geduldet wurde. Auf diese Anfrage ist nun, wie die „Oßwoboschdenje" meldet, folgende charakteristische Antwort des Ministers v. Plehwe, Zahl 935, eingetroffen: „In der Frage der temporären Sistierung der Judenausweisungen beehre ich mich, Eurer kaiserlichen Hoheit zu melden, daß diese Verfügung in den Grenzen des Moskauer Generalgouvernements bloß in dem Umfange durchgeführt werden darf, in welchem es auf Grund der Weisungen zulässig erscheint, welche Eure Hoheit dem Gouverneur und dem Oberpolizeimeister aus Moskau zukommen lassen." Die Judenausweisungen aus Moskau haben nun auch begonnen.

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