Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021569--13609-3038270- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Berthold Feiwel 1× ep/1020654
- Béla Guttmann 1× ep/1003857
- Carl Maria von Weber 1× ep/1025741
- Franz Schubert 1× ep/1025587
- Holešov 1× ep/1047950
- Joseph Sulzer 1× ep/1024218
- Kroměříž 1× ep/1047991
- Lipník nad Bečvou 1× ep/1047631
- Morris Rosenfeld 1× ep/1006219
- Robert Schumann 1× ep/1025591
- Salomon Sulzer 1× ep/1026557
OCR text
iwii nm Nr. 21 Dr Wlocb's MocbenscbrM. Leite 337 L der er die Originalität dieser Ausstellung, welche sie von allen anderen Expositionen unterscheidet, heivorhob und die Behauptung, daß der Jude der körperlichen Arbeit aus dem Wege gehe, zurückwies. Mit einem begeistert aufgenommcnen Hoch auf den Kaiser wurde sodann vom Herrn Dr. A. Rosenbacher die Ausstellung eröffnet. Dann fand eine Besichtigung der exponierten Gegenstände statt, bei der der Direktor der Ausstellung, Herr Hartmann aus Wien, die Führung übernahm. Mit großem Interesse besichtigten die Gäste die landwirtschaftlichen und industriellen Erzeugnisse der Kolonien und ließen sich über die Herstellung der einzelnen Produkte Erläuterungen geben. Sonntag wurde die Ausstellung den weiteren Kreisen des Publikums zugänglich gemacht und erfreut sich dieselbe, wie zu erwarten, eures starken.und regelmäßigen Besuches. Montag nachmittag beehrte Seine Durchlaucht Herr Fürst Ferdinand Lobkowitz samt seinen Söhnen und Töchtern die Ausstellung mit seinem Besuche. Seine Durchlaucht nahm die exponierten Gegenstände mit großem Interesse in Augenschein und kostete die von der Karmelgesellschaft importierten Palästinaweine, deren Qualität die volle Anerkennung Seiner Durchlaucht fand. Von den Olivenholzschnitzereien kaufte der Fürst einige Gegenstände als Andenken. Die Ausstellung hat den Zweck, die Möglichkeit. Palästina mit Erfolg zu kolonisieren, darzutun In den Kolonien, die von der „.Tewish Colonisation Association" geleitet werden, beginnen sich langsam gewisse Zweige der Kunstindustrie zu entwickeln. Beweis dafür liefern die reichlich ausgestellten kostbaren Webereien und Holzschnitzereien. Dieselben sprechen auch für den Fleiß und die Tüchtigkeit der Kolonisten und entkräften die Behauptung, daß der Jude für die Arbeit nicht geschaffen sei. Die ausgestellten Früchte der Kolonien, mit deren Gründung erst vor 25 Jahren begonnen wurde, beweisen die außerordentliche Fruchtbarkeit des heiligen Landes, sowie auch die Worte der Bibel, Palästina sei ein Land, wo Milch und Honig fließt. Da die Ausstellung nur bis zum 18. Mai in Prag verbleibt und dann ins Ausland geht, empfiehlt es sich allen denjenigen, die der Sache Interesse entgegenbringen, dieselbe zu besuchen. Brünn. (S u l z e r - F e i e r.) Am 8. Mai veranstaltete der mährische Kantorenverein — noch vorheriger Abhaltung einer Generalversammlung. in welcher Herr Landessanitäts-Jnspektor Regierungsrat Dr. Salomon Spitzer einstimmig zum Ehrenmitgliede ernannt wurde — eine solenne Sulzer-Gedenkfeier, welche um 5 Uhr nachmittags im Sitz ingssaale der isr. Kultusgemeinde begonnen hat. Za derselben hatten sich eingefunden in Vertretung der Kultusgemeinde Brünn Herr Vizepräsident Fabrikant Leopold Bauer, Herr Landessanitäts-Jnspektor Regierungsrat Dr. S. Spitzer, die Herren k. k. Professoren Dr. Max Grünfeld, Dr. Nathan Steinhart, Dr. H, Redisch, Professor Nascher, Wien, Wilhelm Sonderling, Obmann des Verbandes „Zion" und Vorsteher der orthod. Gemeinde Brünn, Dr. Berthold Feiwel, Schriftsteller, Berlin, Dr. M. Löwensohn, Lanoesadvokat Trebitsch, Max Hickel, Redakteur, Brünn, Oberkantor Salomon Gruschka, Prag-Weinberge, L. Schwarz, Redakteur, Brünn u. v. a. Ihr Fernbleiben haben schriftlich und telegraphisch entschuldigt die Herren: Dr. H. Fialla, Präsident der Kultusgemeinde Brünn, der zur Zeit in Karlsbad zur Kur weilt, Präsidium des jüdischen Museums, Baurat W. Stiaßny, Wien, Chorverein „Schir-Zion", Obmann G. Hellmann, Jglau, Präsidium des österr.-ung. Kantorenvereines, Oberkantor Singer und Oberkantor Bauer, f. k. Hofmusiker Professor Joseph Sulzer, Wien, Oberkantor Bela Guttmann, Wien, Emil Jellinek, Wien, ferner die Oberkantoren Weiß, Jglau, Reichard, Kremsier, Weiß, Tobitschau, Lamberg. Kolin, Schön, Tachau, Stößl, Leipnik, Schulz, Bisenz, Braunfeld, Holleschau, Blümel, Jamnitz, Michalovsky, Holleschan, u. v. a. Nach herzlicher Begrüßung der Festteilnehmer durch den Präsidenten des Vereines Herrn Oberkantor Josef Heller leitete derselbe seine Gedenk- und Festrede mit folgenden Worten ein. Die Genie-Epoche der Tonkunst des 18. Jahrhunderts ragt hinüber in das 19. Jahrhundert durch das-größte Genie des polithematischen Stils und größten Symphonikers Ludwig von Beethoven. Und so beginnt denn im Anfang des 19. Jahrhunderts die Epoche der großen Talente der Tonkunst, wie Franz Schubert, Karl Maria von Weber, Ludwig Spohr, Mayerbeer, Felix Mendelssohn und Robert Schumann. Aus dieser Zeit-Epoche ging für uns Kantoren und die ganze gebildete jüdische Welt ein Genie hervor, es ist Oberkantor Professor Salomon Sulzer, der Pfadfinder und Reformator des jüdischen Tempelgesanges. Und so schildert der Redner in längerer gediegener Ausführung das Leben und Wirken des unsterblichen Altmeisters, und zum Schluffe wies derselbe noch darauf hin, daß Sulzer das Kantorat Meafeloh, Lioroh von der Dunkelheit zur Hellen Harmonie geführt, denn Li mizijjön tezeh Thoroh, aus dem Schir-Zion ist uns die Lehre hervorgegangen, und müssen wir dieses Vermächtnis als unschätzbares und unvergängliches Gut hoch in Ehren halten, wie wir im gestrigen Wochenabschnitt gelesen haben: „TJw’choI erez achusaschem geuloh tituuAuf der ganzen Erde wurde Euch dieses Erbgut als erlösendes Geschenk gegeben, „Keulas ülom tid'jeü lal'wijjim“ ein erlösendes Werk, möge es für ewige Zeiten sein, für die Lewithen. Nach den meisterhaften Ausführungen des Redners, welche auf alle Anwesenden eine mächtige Wirkung ausübten, wurde von sämtlichen Kantoren der Psalm 111, — eine großangelegte Piece, von Herrn Oberkantor Heller — nach Motiven der beiden Teile Schir-Zion meisterhaft zusammengestellt und für Männerchor bearbeitet, — in hervorragender Weise zu Gehör gebracht. Diese wahrhaft erhebende Feier übte auf alle Zuhörer einen mächtigen Eindruck aus. Abends 8 Uhr fand das Festkonzert statt, wo lange vor Beginn sämtliche Lokalitäten von einem distinguierten eleganten Publikum überfüllt waren, so daß die vielen später Kommenden keinen Einlaß mehr finden konnten. Das Programm wurde mit dem großen Festchor eingeleitet, nachher das große Mendelssohn-Konzert G - moll op 25 von Frl. Elsa Heller, welche durch ihr meisterhaftes Spiel, nicht nur durch hervorragende Technik, sondern auch durch ihren außerordentlich empfindungsreichen, fein nuancierten Vortrag, die Zuhörer begeisterte. Herr Hermann Eisner, Mitglied des B ünner Stadttheaters. der als Prolog ein — von Herrn Kantor Wilkowitsch- Eibenschitz — verfaßtes Gedicht, betitelt Phantasie an Sulzer, dann „Sturm" und „Der Mai" von Morris Rosenfeld mit seltenem Ausdruck und künstlerischem Empfinden vorgetragen, fand stürmischen Beifall. Als vierte Programmnummer zeichnete sich die Opernsängerin Frl. Dora Feldern durch ihre sehr sympathische schöne Stimme und ausgezeichnete Vortragsweise der Lieder, insbesondere Hallelujah von Hummel, aus. Frl. Feldern wurde großer Beifall und Anerkennung zuteil Zuletzt sang Herr Oberkantor S. Gruschka, Prag-Weinberge, ein italienisches Lied zur allgemeinen Zufriedenheit. Es müssen noch die ausgezeichneten Tischreden der Herren: Professor Dr. Max Grünfeld, Professor Nascher, Wien, Regierungsrat Dr. S. Spitzer und Vereinspräsidenten Oberkantor Heller besonders hervorgehoben werden. Die animierte Gesellschaft blieb bis zum Morgengrauen bei einander und schied nur ungern nach der so gelungenen musikalischen und anregenden Unterhaltung, und wird allen Teilnehmern unvergeßlich bleiben. Der mährische Kantorenverein kann mit Stolz und Befriedigung auf seine außerordentliche Tätigkeit zurückblicken, und gebührt der wackeren Vereinsleitung, insbesonders dem rührigen und unermüdlichen Präsidenten Herrn Oberkantor Heller besonderer Dank und Anerkennung. Die Konitzer Mordaffaire» Berlin. Ans Könitz wird der „Preußischen Korrespondenz" berichtet: Die rätselhafte Ermordung des Gymnasiasten Ernst Winter, welche bekanntlich den Antisemiten Anlaß zu einer wüsten Ritualmordhetze gegeben hat, wird nun, wie es scheint, endlich ihre Aufklärung finden. Die Untersuchungen der Behörden, welche im Stillen fortgedauert haben, sollen zu Resultaten geführt haben, welche einen ziemlich abgeschlossenen Indizienbeweis ermöglichen. Wenn die Behörden bisher mit der Erhebung der Anklage gezögert haben, so liegt dies wohl daran, daß sie es für nötig halten, den von antisemitischen Wahnvorstellungen beherrschten Konitzer Geschwornen ganz handgreifliche Tatsachen vorzulegen, um eine Verurteilung herbeizuführen. Ueber die Resultate der Untersuchung werden folgende Einzelheiten erzählt. Als seinerzeit die Papphülle der im Mönchsee gefundenen Lerchenteile durch den Berliner Gerichtschemiker Dr. Bischofs einer Untersuchung unterzogen wurde, entdeckte dieser an ihr einige merkwürdige kurze, gelbe, borstenartige Haare. Die Wahrnehmung des Berliner Sachverständigen ist in einem der im Zusammenhänge mit dem Verbrechen angestrengten Prozesse öffentlich erwähnt worden, ohne daß damals nähere Aufklärung über die eigentliche Beschaffenheit dieser Haare gegeben wurde; in Wirklichkeit wußte man bereits zu jener Zeit, daß sie vom Fell einer gelblich gefleckten Katze stammten. Nachträglich ist dann zur Kenntnis der Behörden gekommen, daß bald nach dem Tode Winter's eine junge Konitzer Arbeiterfrau mit einem verdeckten Kinderwagen in einer entlegenen Gegend des Stadtwaldes, nahe der späteren Fundstelle des Kopfes, gesehen worden war. Auf Befragen erklärte die Frau, sie habe sich damals auf dem Wege nach dem Nachbarorte Klein-Konitz befunden, wohin sie in dem Wagen irgend einen gleichgiltigen Gegenstand transportiert habe. Darüber, weshalb sie trotz der ungünstigen Jahreszeit und trotz des nassen Wetters sich zu deni Umweg durch den Wald veranlaßt gesehen, konnte sie eine befriedigende Aufklärung nicht geben. Es wurde nunmehr zu einer Hausdurchsuchung in ihrer Wohnung geschritten; dabei fanden sich im Kinderwagen dieselben gelben Haare vor, wie sie an der aus dem Mönchsee gezogenen Pappe entdeckt worden waren. Es ergab sich ferner, daß die Frau von ihrem Manne am Tage des Verschwindens Winters, und zwar in den Nachmittagsstunden, aus unbekanntem Anlaß körperlich schwer mißhandelt worden war. Auffällig war, daß eine Verwandte der Frau bald nach dem Tode Ernst Winter's eine detaillierte und zutreffende Beschreibung der Uhrkette des Getöteten, die sie im Levy'schen Hause gesehen haben wollte, geben konnte; noch auffälliger war, daß die gesamten Mitglieder ihrer Familie sich gleichzeitig nach Kräften bemühten, den Verdacht, Winter ermordet zu haben, auf die Juden im allgemeinen und Levy im besonderen zu lenken. Die Beobachtungen, die in dieser Richtung von den Verwandten der Arbeiterfrau gemacht worden sein sollen, haben viel zur Erhöhung der Aufregung in Könitz beigetragen, obgleich es außerordentlich leicht war, sie als unhaltbar und als Erfindung darzutun. Es dauerte indessen lange, bis das Publikum begann, sich über den wahren Wert dieser Anssagen klar zu werden; und auch heute noch führt es sie ausschließlich auf Selbsttäuschung und Wichtigtuerei zurück, vielleicht auch auf den Wunsch, sich die auf Aufklärung des Verbrechens ausgesetzte Prämie zu verdienen, und nicht auf das Bedürfnis, das eigenen Angehörigen drohende Verhängnis auf Fremde abzulenken. Bei allen ihren Bekundungen vergaßen die Leute, zu erwähnen, daß, wie sich später ergab, Winter in ihrem eigenen Hause ein- und ausgegangen war. f x ‘U