Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 834 Dr. Vlocb's Mocbenscbrttt. Nr. 21 freundlich mit allen Deinen Kameraden, geselle Dich aber nicht zu Spieler oder zu Sauf- und Raufbolde; politisiere mit Niemanden, denn der Soldat vom Gemeinen bis zum Generaliffimus darf sich des Wortes Willkür oder eigener Gedankenmeinungen gar nicht bedienen, denn Soldat muß strenge Disziplin und blinder Gehorsam mit kindlicher Liebe an seine Fahne und an seinen Vorgesetzten so anschließen, daß er sie mit seinen letzten Blutstropfen verteidigen soll und muß. Wenn das Los unseres Landes Krieg erheischen sollte und Du dazu berufen bist, sei nicht zaghaft oder feige, sondern ereifere Dich zum Mut, Du mußt Dir gleich gesetzliche Hingebung für das Wohl des Landcsvaters und Vaterlandes angeloben. Feigheit benimmt die Ehre, und bester Ehre ohne Leben, als Leben ohne Ehre. Wirst Du zu einem Streifzuge beordert, laste Dich nicht verleiten, unwehrbare Menschen anzufallen, wie die Räuber, wie es schon leider in Kriegszeiten der Fall ist, daß die Streifziigler ohne Vorwissen des Kommandanten ganze Dörfer ins Unglück stürzen, so auch wenn Du mitbestimmt wirst, zu plündern, geize nicht nach Beute, sehe vielmehr die Unschuld zu schützen, denn selten wird ein Ort der Plünderung preisgegeben, wo alle seine Bewohner es verdienen, und Dir doch bekannt ist, wie unser Urvater Abraham für Sodom und seine Umgebung gebetet hat: „Wenn nur 16 solide Männer in den fünf Städten sind, alle zu retten". Erbeutetes Geld bringt weder Glück noch Segen, und besser als ein armer Körperkrüppel, wie als reicher Seelenkrüppel nach Hause zu kommen. Vergeude Deine Jugendkräfte nicht, dann kannst Du, wenn Du vom Milttärdienst austretest, eine Gattin glücklich machen und ein ehrbarer Bürger werden. Mache Dir zu Deiner Devise und zu Deinem steten Wahlspruche die paar Worte des Weisen Salomon: Mein Sohn, ehrfürchte Gott und König, wirst Du Dich auch nie mit Empörern einlassen." Denke stets an Gott, an Landesvater, an Deine Eltern und an Vaterland und an Deine Dir angeborene Religion, sie zu lieben und zu verehren, wirst Du wo immer sein, wirst stets geschützt sein, wie es Dir herzlich wünscht Dein Dich liebender Onkel Leb Königsberger. Mögen die diversen Antisemiten in Wien und Berlin — die noch unlängst die Behauptung aufstellten, daß der Jude zum Dienste ungeeignet ist — gefälligst zur Kenntnis nehmen, daß dieser Jude, der als einfacher Soldat eingetreten ist, nach kurzer Dienstzeit zum Feldwebel befördert wurde und nach der Schlacht bei Custozza 1866 vor der Front von Sr. Kais. Königl Hoheit Erzherzog Alb recht belobt wurde für die wichtigen Dienste, die er dem Vaterlande geleistet und sofort zum Lieutenant des Infanterie-Regimentes von Paumgarten Nr. 77 befördert wurde. Einige Tage darauf erhielt Leopold Kronfeld folgendes Schreiben von Sr. Majestät: „Seine Kaiserl. Königl. Apo st ol. Majestäthaben mitdemAllerhöch st en B e f e h l s ch r e i b e n vom 18. Juli 1866 dem Herrn Lieutenantsür Ihre hervorragenden Leistungen in der Schlacht bei Custozza am 24. Juni 1866 die Allerhöchste belobendeAnerkennungausz u s P r e ch e n geruht." In den drei darauffolgenden Jahren ist er zum Oberlieutenant befördert worden. Leider mußte er als Oberlieutenant, trotzdem ihm seine Beförderung zum Hauptmanne bevorstand, den Dienst verlassen, da seine untergrabene Gesundheit ihm es nicht gestattete, als aktiver Offizier im Heere zu verbleiben. Seine hervorragenden Dienste, die er bei Custozza geleistet, hat er mit seiner Gesundheit bezahlt. Am 22. März 1902 hat Leopold Kronfeld, k. u. k. Oberlieutenant i. R., Besitzer der Tapferkeits-, Jubiläumsmedaille rc., das Zeitliche gesegnet. Rabb. Dr. Phil. Brett holz, Triest. Die Kantsche Philosophie und das biblischtalmudische Moralprinzip. Es sei mir gestattet, auf die Notiz des Herrn Dr. Rubin zu diesem Gegenstände in Nr. 18 dieses geschätzten Blattes dieses einemat zurückzukommen. Das göttliche, sowie auch das Nützlichkeitsprinzip in Bibel und Talmud lassen sich als vollkommen identisch mit den betreffenden Kant'schen Theorien Nachweisen. Die Gottheit selbst ergründen zu wollen, wäre nach Bibel und Talmud ebenso vermessen als vergeblich ) Aber ein deutlicher Abglanz ihrer Herrlichkeit ist uns in der mens chl i ch e n Liebe und Barmherzigkeit beschieden. Diese bildet einen Wiederschein d r göttlichen Liebe und Güte. Das ist es ja, was die biblischtalmudische Ethik so auszeichnet, daß nach ihrer Anschauung der Men ich das ewig absolute, unbedingte Wesen trotz seiner Bildlosigkeit verehren kann; und zwar als das höchste Prinzip aller Sittlichkeit. Unter unzählig vielen, hiefür bezeichnenden Aussprüchen des Talmud lesen wir daselbst: „Was bedeutet der Vers: „Dem Ewigen, Eurem Gotte sollt Ihr nachgehen"?) Ist es denn möglich, Gott nachzugehen? Heißt es doch bereits: „Denn der Ewige, Dem Gott ist ein verzehrendes Feuer"?) Allein Du sollst nachgehen den Eigenschaften Gottes: So wie er die Dürftigen kleidet, so sollst auch Du Dürftige kleiden. Gott besucht die Kranken, so besuche auch Du Kranke. Gott tröstet die Trauernden, so tröste auch Du Trauernde. Gott bestattet die Toten, so bestatte auch Du die Toten"?) Also diese Gottesanschauung, die ebenso weit entfernt ist vom rohen Fetischismus wie von abstrakter Schwärmerei, sie beruht nicht bloß aus einer dogmatischen Vorstellung von Gott allein und ausschließlich, nein, sie ist auf auf dem Wesen der Sittlichkeit gegründet, „die nahe ist Deinem Munde und Deinem Herzen, um sie auszuüben". Kantisch gesprochen heißt das: Nicht htteronom, sonder autonom ist Dir Dein Sittengesetz. Es ist hier nicht der Ort, diese Parallele konsequent durchzuführen; aber im Bilde mag sie kurz illustriert werden: Ich kann sehr gut ein treuer Patriot bleiben, obgleich ich niemals im Leben die gekrönte.Majestät vor Augen gesehen. Daher vielleicht gerade deshalb, weil ich in derselben die Gewähr aller bürgerlichen, rechtlichen und und moralischen Sicherheit betrachten, wenn auch nicht erblicken kann. Genau dieser Gedanke ist es aber, der auch bei Kant hinsichtlich der Autonomie des Sittengesetzes zum Ausdruck gelangt: „Wir sind zwar gesetzgebende Glieder eines durch Freiheit möglichen, durch praktische Vernunft uns zur Achtung vorgestellten Reichs der Sitten; aber doch zugleich Untertanen, nicht das Oberhaupt desselben" . . s) Das moralische Gesetz führt zur „Religion, d. i. zur Erkenntnis aller Pflichten als göttlicher Gebote, nicht als Sanktionen d. i. w i l lk ü r l i ch e r, für sich selbst zufälliger Verordnungen eines fremden Willens, sondern als wesentlicher Gesetze eines jeden freien Willens für sich selbst, die aber dennoch als Gebote des höchsten Wesens angesehen werden müssen"?) Kant will also offenbar das Moralprinzip nicht als den Ausfluß einer fremden Despotie, sondern der e i g e n e n sittlichen Autonomie des Subjektes betrachtet wissen. Die Einwendung: „8ic volo, sic jnbeo, sagt man eben dort, wo es kein „Weil" geben kann", stimmt daher vollauf; aber nur für die — Despotie, die fremde Macht, die mit Willkür gebietet. Im Kant'schen Moralprinzip jedoch handelt es sich um die eigene sittliche Autonomie des Subjektes, die das Gute, ja das höchste Gut fordert. Hier bedeutet das „Weil" nicht etwa eine objektive Begründung der zu erfüllenden Sittlichkeit, sondern eine subjektive Erklärung der sittlichen Macht, die Solches zu fordern imstande ist. Darum glaubten wir mit Recht im Kant'schen und im biblisch-talmudischen Sinne sagen zu dürfen: „ . . Weil das Moralgesetz autonom ist, deshalb vernimmt das Subjekt jenes sie volo, sie jubeo in seinem Innern". Denn wie könnte sonst Kant selbst ans demselben Blatt, wo von tiefem sic volo die Rede ist, den Satz aufstellen : „Das moralische Gesetz ist daher ein Imperativ, der kategorisch gebietet, weil das Gesetz unbedingt ist?"* 3 4 * 6 7) Der kategorische Imperativ so aufgefaßt als höchste sittliche Autonomie wie als höchstes Gut, führt uns soniit unmittelbar zum Utilitätsprinzip. Denn die autonome Sittlichkeit als Abglanz der göttlichen Güte kann doch nur ihr Bestes wollen. Für diesen kategorischen Imperativ schwärme ich, der trotz seines Purismus, seiner sittlichen Strenge menschlich erreichbar und ausführbar ist, der als die Bedingung der einzelnen und allgemeinen sozialen Wohlfahrt betrachtet werden kann, nicht für Jenen, der ein bloßes Phantasiegebilde, eine Chimäre ist und der nicht blos von Wundt, Paulsen und Gizycki als überwunden und altersschwach längst aufgegeben ist, sondern von Kant selbst gleichfalls konform mit der biblisch-talmudischen Ethik''), wenn auch unabhängig von ihr — zugegeben, daß es zu dieser Stufe moralisch!r Gesinnung niemals ein Geschöpf bringen kann?) Dann aber ist es befremdlich, warum ich für den kategorischen Imperativ nicht schwärmen soll. Wie sollte ich nicht? Ist doch die ganze Geschichte unseres Stammes ein einziger kategorischer Imperativ, geschrieben mit zahllosen Tränen seiner Söhne. Bildet loch seine ganze Lehre einen einzigen Verstandes- und Erfahrungsbeweis, der für denselben lautes Zeugnis ablegt. Was den ersteren betrifft, so genügt es. ans folgende klassische Stelle des Talmud hinzuweisen: „ . . . Uebe die Gesetze um ihrer selbst willen, sprich von ihnen um ihrer selbst willen mache sie nicht zu einer Krone, mit ihr zu glänzen, nicht zu einem Spaten, mit ihm zu graben.'"") Freilich gibt er auch Beweise für Nützlichkeitstheorien in der biblisch-talmudischen Ethik. Aber hier hat Lazarus das richtige -) 5. B. M. 13. 5. 3) 5. B. M. 4, 24. 4) Sotah lta; vgl. Sifre, 5. B. M. II, 22. b) Kritik der praktischen Vernunft, Ausgabe Reclam, S. 100. 6) Kritik der praktischen Vernunft, S. 155. ') Kritik der praktischen Vernunft. S. 38. b) Lo nituoh Tauroh l’malache haschores. °) Kritik der praktischen Vernunft S. 102. ,u) Kedarim 62a; vgl. Der. Er. Suta II. B’iachoth 17a. :. d. V. 2,2; 4,2. ') 4. B. M. 4, 12; B'rachoth 10 a.