Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 332 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Sir. 21 und Triller mögen für andere musikalische Veranstaltungen gespart bleiben; in den Vorträgen Sulzer'scher Gesänge werden sie besser vermieden. Eine klassische Bestätigung dieser Ansicht ward am Festabend selbst geboten, als ein Solist die Wirkung seines gelungenen Vortrages durch eine gelungene, aber nicht hineinpassende Roulade verunstaltete. Nur mit Bedauern ließ sich daraus erkennen, wie wenig der so sympathische, stimmbegabte Sänger es vermochte, die eigentliche Bedeutung der betreffenden Gesangsstelle zu erfassen. Es wird emsigen Restaurationsarbeitens und strenger Selbstzucht bedürfen, um dem seit 20 Jahren eingerissenen musikalischen Verfall zu steuern. Zum Schluffe sei noch darauf verwiesen, daß die über alles Lob erhabene Schulung des Knabenchores es dem Vorstande nahelegt, sür eine gleichmäßige Fortdauer dieser Leistungen Sorge zu tragen. Di. St . . . r. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgcschichte. (Das Selbstverständliche als Ereignis. — Konfessionelle Hetzereien. — Das Wort, das nicht überall gesprochen wird. — Etwas vom Schamgefühl und etwas Statistik.) Wenn Monarchen öffentlich Reden halten, — es kommt vor! — dann lassen sie es sich nach Tunlichkeit angelegen sein, ihre Friedensliebe ins richtige Licht zu setzen. Das liebe Publikum ist dann immer hocherfreut über die erfolgte Friedenskundgebung, die es ja erwartet und auf die es gerechnet hat. Die Kanzler der Monarchen gehen hin und tun desgleichen. Auch da ist die Erwartung immer eine gespannte, die Spannung auf das Selbstverständliche. Das Selbstverständliche wird Ereignis. Man braucht sich darob nicht zu verwundern. Das Friedensbedürfnis der modernen Gesellschaft ist ein so tiefes und so gerechtfertigtes, daß auch jede Selbstverständlichkeit, die ihm entgegenkommt, mit einem Aufatmen der Beftiedigung und der Erleichterung ausgenommen wird, während andererseits selbst das geringfügigste Symptom, das auf eine Trübung des Horizontes schließen lassen könnte, sofort eine internationale Nervofität erzeugt. So ward es auch Ereignis, als in diesen Tagen der deutsche Reichskanzler Graf Bülow im preußischen Herrenhause das Wort sprach: „Ich verurteile alle konfessionellen Hetzereien!" Selbstverständlich bis zur Banalität, aber man sage nichts gegen die Selbstverständlichkeiten. Sie sind zuweilen gesund und sie sind zuweilen sehr notwendig. „Nicht jedes Mädchen hält so rein!" In Deutschland ist trotz aller noch immer herrschenden Ungleichheit und Ungerechtigkeit der Antisemitismus als soziale Massenerscheinung überwunden, lediglich deshalb, weil gelegentlich von autoritativer Seite dem Volle, dem ganzen Volke und nicht nur den Irregeleiteten und dem Bedientenvolke, eine nützliche Selbstverständlichkeit zu Gemüte geführt worden ist. Ein Kaiser war es, der dem Antisemitismus das Brandmal auf die Stirne drückte, er sei die Schmach des Jahrhunderts. Das brannte wie Feuer, und Feuer reinigt. Dem sterbenden Kaiser haben sie in der Aufwallung ihrer schönen Seelen zu nachtschlafender Zeit Pasquille an das Tor und an die Bäume des Schloßparkes geheftet: „Kohn der Judenkaiser!" Half Alles nichts. Das Brand- und Schandmal brachten sie doch nicht w?g. Sie sind gezeichnet. Aus dem Geiste des gekrönten Menschenfteundes heraus sprach Gras Bülow sein Urteil über die konfessionellen Hetzereien. Es mag ja erstaunlich sein, daß man auch davon noch im zwanzigsten Jahrhundert sonderlich Aufhebens zu machen genötigt ist, aber die Dinge liegen einmal so. Nicht alle Großen dieser Welt, zumal nicht alle Kanzler und sonstigen Lenker der inneren und äußeren Politik der verschiedenen Reiche sehen sich veranlaßt, das zur richtigen Zeit und an richtiger Stelle auch auszusprechen, was eigentlich so furchtbar selbstverständlich ist. Im lieben Oesterreich wäre es gelegentlich recht angemessen gewesen. Unter allen Kulturstaaten ist Oesterreich noch der einzige, wo jene soziale Massenerscheinung noch nicht in Abschwellung begriffen ist und wo die gesellschaftliche Krankheit des Antisemitismus mit unverminderter Heftigkeit noch fortwütet. Ein einziges Wort von autoritativer Stelle hätte viel Segen stiften und viel Unheil verhüten können.. Dieses Wort ist niemals gesprochen worden. Darum sei unter den vielen Banalitäten des deutschen Kanzlers wenigstens die eine in Ehren gehalten. Nicht jedes Mädchen hält so rein. Damit ist dann auch das Diapason auf den richtigen Ton gestimmt. Der deutsche Kaiser verwirft das Begnadigungsgesuch der „Staatsbürgerzeitung", — das ist das „Deutsche Volksblatt" von Berlin, — die wegen frivoler Aufreizung wider die Juden verurteilt worden war, und er verwirft gleichzeitig achtunddreißig Begnadigungsgesuche antisemitischer Vereine in derselben Sache. Damit ward auch ein autoritatives Wort gesprochen, das sonst nicht überall zu vernehmen ist. So üppig floriert nach alledem die konfessionelle Hetzerei nirgends wie in Oesterreich. Das Entlegenste wird dem naheliegenden Zwecke dienstbar gemacht. Willkommenen Anlaß bietet noch immer — der ostasiatische Krieg. Neuestens wird in Statistik gearbeitet, um zu beweisen, daß die Juden am Untergang des russischen Reiches arbeiten, daß sie den Krieg vorbereitet haben, daß er mit ihrem Gelde gegen Rußland geführt wird, daß die russischen Juden sich dem Militärdienst entziehen und so fort in holder Abwechslung. Wir werden ja in der Lage sein, einige amtliche Daten der russischen Regierung anzuführen, die namentlich die letzte Beschuldigung illustrieren' werden, vorher sei nur der Geist der antisemitischen Polemik ein wenig aufs Korn genommen. Die „Reichspost" leitet einen Artikel über jüdische Statistik mit folgenden Zeilen ein: „In Berlin gibt es einen jüdischen Verein, den man als h ö ch st verdienstvoll anerkennen muß. Zwar macht er seinen Mitgliedern nicht das Harikiri zur Pflicht, aber er befaßt sich damit, authentisches Material über die Verbreitung der Semiten zu liefern." Die „Reichspost" ist das Organ des österreichischen Klerus und wird von österreichischen Klerikalen geschrieben. Von einem hohen Kleriker, einem Kardinal, stammt das schöne Wort: „Gebt mir eine geschriebene Zeile von einem Menschen und ich bringe ihn an den Galgen!" Hier ist es billiger zu machen. Ein einziges Wort bringt die „Reichspost" an den Pranger — jenes „zwar". Analysieren wir ein wenig. Der Sinn ist klar. Am verdienstvollsten würde der der Verein wirken, wenn er seinen Mitgliedern das Harikiri — die ostasiatische Methode des grausamen Selbstmordes durch Auffchlitzung des Bauches — zur Pflicht machte. Man könnte sich damit bescheiden: Schmock in ultramontaner Ausgabe. Aber damit ist's nicht abgetan. Das ist mehr als ein mißlungener, abgeschmackter Witz, das ist der Reflex einer Gesinnung, die das ganze Blatt und seine Getreuen, und diese wieder mit hoher Befriedigung erfüllt. Das sind die Diener des Herrn, die Verkünder der Religion der Liebe, die da gebietet, nicht nur den Nächsten sondern auch den Feind zu lieben! Es ist verdienstlich, die Juden zum Selbstmord zu treiben, verdienstlich, sie zu Tode, sie zu einer Sünde zu hetzen, die in Wahrheit eine Todsünde ist. Wir rechnen nicht auf das Schamgefühl der Herren, sie müssen aber gestatten, daß wir uns für sie schämen. Das macht die öffentliche Meinung, das trieft von Salbung und das verkündet dem gläubigen Volke seine Lehre! Was lehrt nun die jüdische Statistik? Wir halten uns, im Gegensatz zur „Reichspost", nicht an die von einem jüdischen Vereine, sondern von der russischen Regierung selbst beigebrachten Daten. Der „Regierungsbote" veröffentlicht einen Bericht des bekanntlich nicht philosemitisch angehauchten Ministers Plehwe an den Zaren über die im Jahre 1903 vorgenommenen Assentierungen. Danach hatten die Juden dem Prozentsätze der Bevölkerung nach 13.250 Mann zu stellen gehabt. Sie haben 17.941 gestellt. Unnötig zu sagen, daß auch das noch nicht genug war. Die Rechnungskünstler der russischen Regierung hatten herausgerechnet, daß von ftüheren Jahren her noch ein Rückstand von 1970 jüdischen Soldaten zu verzeichnen sei. Dafür gab es eine sehr glatte Abhilfe. Es wurde der Judenschaft einfach eine Steuer von je dreihundert Rubeln für jeden der angeblich fehlenden Rekruten auferlegt. Wir finden noch weitere beachtenswerte Daten in dem Berichte. Von den nicht-