Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Vlocb s MocbenscbrM. Seite 331 Und nicht nur jenen, denen Priester er. War Sulzer's Name von der Stunde teuer, Von nah und fern kam Fürst und Künstler her Und lauschten ihm mit der Begeist'rung Feuer. Ja, seine Stimme! Welche Zaubermacht War wohl gebannt in ihre süßen Klänge! Wie war am Passah sie voll stolzer Pracht, Sang sie der Freiheit frohe Siegessänge; Und wenn am Trauertag des neunten Ab Sie bitterlich um Zions Schönheit klagte. Da klangs, als ob an der Geliebten Grab Ein nie getröstet Gattenherz verzagte. Und wenn sie am Versöhnungstage sang, War eine Stille in den Tempelhallen, Daß eines Jeden Herz erbittert bang, Hört er ein Blättchen nur zu Boden fallen. Und alles lauschte, wenn dann flehentlich Voll Glut und Andacht ihre Töne kamen Und baten: „Gott mein Herr erhöre mich, Um mein Verdienst nicht, nur um Deinen Namen." Und als ein Schluchzen durch die Reihen klang, Und wie in Todesschauern alle beben, Da kam die Stimme wieder und sie sang: „O Vater, König, schreib uns ein zum Leben!" Die Wunderstimme! Jubeln konnte sie Und konnte klagen unser tiefstes Sehnen, Sie war nicht eines Herzens Melodie, Es sang das ganze Volk in ihren Tönen. Die alten Lieder, die des Volkes Gut Und deren Schönheit künstlich übermalt, Hier klangen sie voll Feuer und voll Glut In reiner und ursprünglicher Gestalt. „Schir Zion" gab er uns, und was die Kehle An Wohllaut auch dem Hörer einst bot dar, In diesem Werke ruht des Meisters Seele, Die heut noch schluchzt und jubelt am Altar. Was uns sein liederreicher Mund gesungen, Da er als Priester stand am Hochaltäre, Es ist mit seiner Stimme nicht verklungen, Wie Arons Stab, so blüht es durch die Jahre. Und durch die Jahre wird es uns geleiten Und wird an frohen und an schweren Tagen Mit seinen Wundertönen uns begleiten Und unser Herz zu Gottes Himmeln tragen. D'rum wäre Undank jedes Wort der Klage. Nur stolz und froh so wollen wir gedenken Des großen Sängers am Erinn'rungstage Und für sein Lied ihm unsre Liebe schenken; Der uns so viel, so Herrliches gegeben, Er lebt mit uns und er wird ewig leben! .Noch unter dem tiefen Eindrücke der von der „Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst-und h isto ri s ch en D e nkm älern desJudentums" veranstalteten musikalischen Gedenkfeier zur Erinnerung an die hundertste Wiederkehr der Geburt Salomon Sulzer's und voller Begeisterung von den unübertrefflichen Leistungen des Chores erlaube ich mir als schwaches Zeichen meiner Dankbarkeit für den unvergeßlichen Genuß den bescheidenen Betrag von zehn Kronen zu widmen, der bestimmten und zuversichtlichen Erwartung Raum gebend, daß alle diejenigen, welche der einzig dastehenden Produktion angewohnt, nach Kräften einen Beitrag zum Ehrensolde für die wackere Sängerschar, die ihr bestes Können für das Gelingen der Sulzer-Feier eingesetzt hat, leisten werden. Eduard Beer. Was uns die Sulzer-Feier lehrt. Die Sulzer-Feier im Musikvereinssaale hat überzeugend dargetan, welche Fülle von musikalischer und religiöser Erbauung in Sulzer's Gesängen enthalten ist. Von den etwa zweitausend Anwesenden dürfte keiner gewesen sein, der sich wenigstens an diesem Abend nicht der Bedeutung des Synagogengesanges bewußt worden wäre. Dies ist zunächst der ausgezeichneten Leitung der Chöre und deren erstaunlich präzisen Aussührung zu danken, welche es ersehen ließ, wie viel daraus ankommt, daß Dirigent und Sänger die Absichten des Tondichters erfassen und zum Ausdruck bringen. Die Hörenden konnten den Unterschied nicht verkennen, der zwischen der seit Sulzer's Hingang rapid verfallenden Vortragsweise und jener besteht, welche am Festabend sich den Sulzer'schen Intentionen wieder vollständig anschloß. Dieser Umstand enthält eine wichtige Belehrung, die für den Kultusvorstand, sowie für die fungierenden _ Sänger (Vorbeter und Chormeister) nicht verloren gehen darf. Für den Vorstand sollte aus den Eindrücken des Festabends der Entschluß heranreifen, dem Synagogengesang nicht nur administrative, sondern auch fachliche Aufmerksamkeit zu widmen. Zuvörderst wäre ein Neudruck des aus dem Musikalienhandel verschwundenen Schir Zion zu veranstalten — eine Grundbedingung, falls es gewünscht wird, daß in unseren und in auswärtigen Gemeinden die Sülze r'schen Gesänge lebendig fortwirken. Ist doch der Wiener Kultusvorstand wahrhaftig dazu berufen, diese edlen Kunstschöpfungen dem Judentum zu erhalten. Sodann wäre dafür zu sorgen, daß diese musikalisch trefflichen und rituell bedeutsamen Gesänge auch im Geiste ihres Schöpfers zum Vortrag kommen. Wie wenig dies in den Wiener Synagogen geschieht, ist durch die einwandfteie Vortragsweise bei der Sulzerfeier so recht zur. Klarheit gelangt. Sache des Vorstandes ist es, eine restitutio in integrum herbeizuführen. Doch glaube man nicht, daß dies mittelst einfacher Instruktionen bewirkt werden könne. Vielmehr bedarf es wenigstens anfänglich einer intensiven und verständnisvollen Tätigkeit, einer dauernden Belehrung der einzelnen Organe vom Vorbeter bis zum letzten Chorknaben und einer wohlmeinenden, aber unerbittlich waltenden Kontrolle. Ohne Reform an Haupt und Gliedern wird der Synagogengesang auf der seit 20 Jahren eingeschlagenen schiefen Ebene unaufhaltsam niedergleiten. Ein ferneres Ergebnis der Feier im Mufikvereine liegt in der Einsicht, daß die vielfach gepriesene Instrumentalbegleitung als ganz nebensächlich ersehen wurde. Der musikalische Leiter des Festabends hat die Orgel allerdings, wenn auch nur sparsam, angewendet, und zwar mit Diskretion und wahrem Verständnisse. Für den gewaltigen Raum waren die 50 Stimmen der Chöre zu schwach, und so konnte er es nicht vermeiden, gewisse Akkorde durch die Orgel unterstützen zu lassen. Doch für den größten Teil der Vorträge reichten die Stimmen der Sänger aus; sie befriedigten in jeder Hinsicht das Ohr und den Geschmack. Daß die Orgel und zugleich sei es gesagt, daß die weibliche Stimme kein Bedürfnis für unsere Synagogen sei, ward im Mufikvereinssaale unverkennbar erwiesen. Nächst dem Vorstande sollen auch unsere Vorbeter aus den Erfahrungen des Festabends Belehrung ziehen. Sie waren mittätig bei der Wiederbelebung der Sülze r'schen Vortragsweise, welche sich jeder Künstelei und opernhaften Verzierung enthält und durch einfache Mittel aus das Gemüt zu wirken vermag. Darin liegt nicht gesuchte Stylifierung, auch nicht Prinzipienreiterei, welche die Freiheit des im Vorbeter waltenden künstlerischen Geistes ungebührlich beschränken will, sondern verständige Selbstbeherrschung, welche die Kunst als dem höheren Zwecke des Gebetes dienend behandelt. Die Synagogenmufik ist nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zur Erhebung des Gemütes, zur Erbauung des Hörers. Dies kann nur durch einen einfachen, der Schnörkel und Zierraten entkleideten Gesang erreicht werden, wie dies auf anderem Gebiete das Quos ego des neuen Papstes durchzusetzen bestimmt ist. Die Rouladen, Koloraturen, Läufe