Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 330 Dr. Llocbs MlocbenscbrM. Rr. 21 Und die Schlußfolgerung? Sie ist sehr einfach! Die wilden Rosse der Steppe lehren sie uns, die sich im Kreise zusammenschareu und mit den Hufen ausschlagen, wenn sie angegriffen werden. Wir können nur bestehen, wenn das bis heute unwahr gebliebene Wort von der „jüdischen Solidarität" zur Wahrheit wird, wenn der große jüdische Volkskörper jedes einzelne feiner Glieder schützt und stützt. Unser jüdischer Mittelstand und unsere reichen Juden müssen lernen, jüdische Handwerker, jüdische Geschäftsleute, Mische Aerzte und Advokaten zu beschäftigen, ihnen Ersatz zu bieten für den Schaden, den sie durch die Boykottbewegung erleiden. Das uralte Rezept, das für alle Völker Geltung hatte, die sich gegen übermächtige Feinde zu wehren hatten, hat auch für Euch Juden Geltung. Alle für Einen und Einer für Alle! Me Sulzer-Feier im großen Mustkvrrriuslaalc. Die Wiener Festlichkeiten anläßlich der hundertsten Wiederkehr des Geburtstages Salomon Sulzers fanden ihren Höhepunkt und grandiosen Abschluß in der vorigen Donnerstag seitens des Kuratoriums der „Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums" veranstalteten musikalischen Gedenffeier. Ursprünglich war diese Feier auf den 5. Mai anberaumt und hätte im Kleinen Musikoereinssaale stattfinden sollen, mußte jedoch mit Rücksicht auf den enormen Andrang des Publikums in den Großen Musikvcreinssaal verlegt werden, der denn auch dermaßen überfüllt war, daß hunderte von Einlaßbegehrenden abgewiesen werden mußten. Das reichhaltige und geistvoll zusammengestellte Programm des Konzertes, dessen artistische Leitung dem genialen Sohne des verewigten Meisters, Hosmusiker Prof. Joseph Sulz er anvertraut war, begann mit dem unübertrefflichzum Vortrüge gebrachten Psalm 111 (Hallelujeh; komp. im Jahre 1850 und seit jener Zeit gelegentlich des.Geburtsfestes des Landesfürsten in Wien und in den größeren Synagogen des In- und Auslandes zur Aufführung gebracht). Nachdem der Jubel, den dieses pompöse Werk mit seinen mächtigen Chor-, Orgel- und Harfenklängen erregte, verrauscht war, betrat Hofschauspieler Konrad Löwe das Podium und deklamirte mit tieffter Empfindung ein Festgedicht aus der Feder der Frau Lisa Tarlau in Hamburg (einer Tochter des Herausgebers der „Oesterreichischen Wochenschrift"), welches in begeisterten Worten den unvergleichlichen Gesang Salomon Sulzer's und dessen überwältigende Wirkung schildert. Schier endlosen Beifall fanden sowohl das Gedicht als der meisterhafte Vortrag des Künstlers. Hierauf rechte sich Perle an Perle aus dem unerschöpflichen Schatze der Meisterwerke Salomon Sulzer's und es wäre schwer zu sagen, welche der Tondichtungen intensiver wirkte, ob das auf uralte Sangesweisen aufgebaute, alles jüdische Fühlen aufrüttelnde b'roseli baseüonob oder die uns lieb und teuer gewordenen Hochzeitsgesänge, unter deren Klängen Großellern und Ellern getraut wurden. Großem Interesse begegnete die ungemein präzise und effektvolle Erstaufführung des Psalms (töw rhödös) von Franz Schub ert(komp. 1827,als Beitrag für Sulzer's Schir Zion). So große und zahlreiche Schönheiten diese Komposition des Liederfürsten auch enthüll, so erbrachte sie doch anderseits den Beweis, wie fremd und kühl der unsterbliche Meister unserem Tempelgesange gegenüberstand und wie unersetzlich die. schlichte, innige Melodie des töw l’hödos von Salomon Sulzer ist, die uns Frellag abend beim Gottesdienste erbaut und zur Andacht stimmt. Nichtsdestoweniger verdient die Ausführung des Schuber t'schen Psalms dankbarste Anerkennung, da dieses Werk ein kunschistorisches Denkmal repräsentiert und außerdem beweist, wie sehr Salomon Sulzer, dem die Komposition in dankbarer Anerkennung seines unvergleichlichen Vortrages Schuber t'scher Lieder gewidmet ist, auch seitens der größten Meister geschätzt wurde. Um das Gelingen der überaus genußreichen musikalischen Gedenkfeier machte sich in erster Linie Hofmusiker Prof. Joseph Sulzer verdient. Es ist ja begreiflich, wenn dieser geniale Musiker den Intentionen seines unvergeßlichen Vaters vollauf gerecht zu werden imstande ist; daß er in die tiefsten Mysterien der Sulzer'schen Meisterwerke eingedrungen ist und wie kein Zweiter durch deren vollendete Wiedergabe Wirkungen von förmlich hypnotisierender Gewalt auszuüben vermag. Wer zu beurteilen in der Lage ist, welch enorme Schwierigkeiten es bereitet, Knabenstimmen gefügig und edlem, künstlerisch ausdrucksvollem Gesänge dienstbar zu machen, der wird die wahrhaft großartige Leistung Joseph Sülze r's umso höher zu schätzen wissen. Kraft seines Willens und durch die magische Gewalt seines Taktierstabes förderte er das höchste Können aus jedem Einzelnen seiner Sänger zu Tage und vereinigte es zu einer unvergleichlichen Gesamtleistung. Das Publikum bereitete ihm denn auch rauschende Ovationen, die Professor Sulzer jedoch in künstlerischer Bescheidenheit ablehnte, indem er auf die Büste seines großen Vaters weisend andeutete, wem die begeisterte Anerkennung zu gelten habe. Eine prächtige, nachahmenswerte Idee des Dirigenten war es, der Orgelbegleitung einiger Gesänge eine Harfe zuzugesellen, wodurch eine erhöhte Klangwirkung erzielt und zugleich der kirchliche Charakter der Orgel verdeckt wurde. Um das herrliche Gelingen der musikalischen Gedenkfeier machten sich außerdem die Herren Oberkantor Bela Guttmann, I. Kantor Don Fuchs und die vereinigten Chöre der beiden Hauptsynagogen mit ihren Anführern Josef Z e l l n i k und Julius Heimann in'hervorragender Weise verdient. Oberkantor Guttmann, der sich. in Folge seines ausgezeichneten kantoralen Wirkens einer außerordentlichen Popularität seitens der Tempelbesucher zu erfreuen hat, bot auch im Konzertsaale eine künstlerisch vollendete Leistung. Wie herrlich klang sein sonorer, überaus sympathischer Baryton, den er zur größten Kraft zu entfalten und zum leisesten, noch immer deutlich vernehmbaren Pianissimo abzudämpfen vermag. Oberkanror Guttmann fand denn auch außerordentlichen, wohlverdienten Beifall. Herr Don Fuchs, der über einen weichen, in allen Lagen klangvollen, lyrischen Tenor verfügt, kann nicht minder mit hoher Genugtuung auf seinen großen Erfolg blicken. Er fand reichen Beifall und mußte das Adon olam wiederholen. Volles, uneingeschränktes Lob gebührt den unübertrefflichen Darbietungen des Chores. Wie weich und voll klangen die Knaben- und Tenorstimmen, wie mächtig dröhnten stellenweise die Bässe. Es war eine Freude, zu sehen, mit welcher Begeisterung sie jedem Winke, jedem Blicke Joseph Sulzer's Folge leisteten. Wahrlich, die Braven verdienten, wenngleich ihnen das schöne Bewußtsein, einem derartig hochkünstlerischen Ereignisse wie die Sulzer-Feier assistiert und zum Gelingen verholfen zu haben, gewiß wertvoll sein mag, gleichwohl eine besondere Belohnung. Wärmster Dank sei dem Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde, wie dem tatkräftigen, vornehm künstlerisch veranlagten Präsidenten der jüdischen Museumgesellschaft Baurat Wilhelm Stiaßny und den Mitgliedern des Kuratoriums für die Veranstaltung der Sulzer-Feier ausgesprochen, welche den Tausenden von Zuhörern wohl unvergeßlich bleiben wird. Prolog zum lOO. Geburtstage Salomon Sulzer's. Von Lisa Tarlau in Hamburg. Vorgetragen von Herrn Konrad Loewe, k. u. k. Hofschauspieler. Als nach der langen Winterleidensnacht Die Völker all ein junger Frühling grüßte, Da hörten wir zuerst der Stimme Pracht, Die uns'rer Andacht Stunden uns versüßte. Da sang sie uns das helle Jubellied, Daß nun vorbei der Knechtschaft Angst und Schrecken Und daß der Lenz, der durch die Lande zieht, Auch Judas Volk zum Leben will erwecken. Welch' eine Feier war das! Wie gebannt So standen Tausende in jener Stunde Und riefen jauchzend dann durchs weite Land Von dieses Sängers Genius die Kunde.