Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr- Bloch’s Jahrgang XX1 Crntralorgsn für die gesammtrn Interessen des Iudenthums. B. ft. pnpTparraflTen-Bmt Clearing-Verkehr Ar. 810.976. Ardartion und Bdministrntton: wir« IX/l, Vrrggaflr Nr. 89. Telephon Nr. 14.847. *= -H— *= Wir«. SO. Mai 1004. .fr- Lrsch eint jeden Freitag. -"H > »■{»- Brief-Adresse: Wien, IX/l, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. SexugsPrri» für Se st erreich.- Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 56 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , A «zeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Die wirtschaftliche Hetze. — Die Sulzer-Feier im Großen Musikvereinssaale. — B oni Jahr in arkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Das mosaische Gesetz. Hippolyt über de.l Antichrist. Jüdische Offiziere. Die Kant'sche Philosophie und das biblisch-talmudische Moralprinzip. — Korrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Organisation der jüdischen Statistik in Oesterreich. Ein neuer Verein zur Kolonisation Palästinas. Brünn, Prag. Die Konitzer Mordaffaire. Breslau. Das Fremdengesetz in England. Ein Brief des Premiers Balfour. Großfürst Sergius und der jüngste Judenerlaß Plehwe's. New-Iork. Aus Montreal. — Vermischtes: Wien. Ein Jonrnalistenjnbiläum. Olmütz, Triest. — Feuilleton: Jüdische Kulturbilder. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Wo wirtschaftliche Hetze. Es gibt Optimisten, die beobachtet haben wollen, daß die antisemitische Bewegung langsam abflaue. Sie berufen sich darauf, daß der Wiener Bürgermeister sich mit Juden an einen Tisch gesetzt habe, daß Herr Gregorig und dessen engere Kumpane, welche die schärfere Tonart, oder besser gesagt: die Tonart des Skandals und brutalen Schimpfens repräsentieren, in Ungnade gefallen seien, und daß das letzte Osterfest vorüberging, ohne daß ein besonderer sinnreich erfundener Ritualmordfall die Welt erschüttert hätte. Aber die braven Leute, die all diese interessanten Feststellungen gemacht haben, haften doch gar zu sehr an der Oberfläche der Dinge. Der antisemitischen Bewegung gegenüber hat das Sprichwort, daß der Ton die Musik mache, nicht die mindeste Geltung. In Wahrheit hat sie an Intensität gewonnen, was sie an Extensität eingebüßt zu haben scheint, und sowohl die christlich-sozialen wie die deutschnatioualen Judenhasser haben das Beispiel ihrer Polnischen Gesinnungsgenossen nachzuahmen begonnen, die nicht erst die Pathetische Forderung nach Ausnahmsgesetzen für die Juden erhoben, dafür aber mit kalter Berechnung wirtschaftlich und sozial einen tatsächlichen Ausnahmszustand geschaffen haben. Sagen wir es mit Einem Worte: aus dem' mindergefährlichen Politischen Antisemitismus hat sich nach galizischem Muster bereits der weitaus gefährlichere ökonomische Antisemitismus entwickelt — eine fortschreitende Hinausdrängung und Ausschließung der Juden aus allen Gebieten des Erwerbslebens. Mit den kleinen Leuten, den Hausierern, den Dienstmännern, hat man den Anfang gemacht, dann ist man zu den Agenten, den Geschäftsreisenden, den Zwischenhändlern übergegangen, die durch gewerbegesetzliche Beschränkungen schwer betroffen wurden, und heute ist der Krieg auch gegen die gebildeten Stände, gegen die Mischen Aerzte und Advokaten, die jüdischen Lehrer und Professoren, die jüdischen Beamten und Techniker in vollem Gange. Wer da behauptet, es sei besser geworden, den verweisen wir auf die vorzeitige Pensionierung der verdientesten jüdischen Magistratsbeamten, auf die fortdauernde Präterierung der jüdischen Kommunallehrer — Tatsachen, die gewiß deutlicher sprechen als die liebenswürdigen Mienen, mit denen Herr Dr. Lueger in neuester W»Zeit die Annäherung dieses oder 8 Exzeptionsjuden quittiert hat. jenes versöhnungslustigen Mau ruft.nicht mehr nach gesetzlicher Entrechtung der Juden, aber man entrechtet sie minder auffällig im Wege der Verwaltung. Im ganzen Reiche blüht die geschriebene und gesprochene Aufreizung zur Boykottierung unserer Glaubensgenossen üppig und ungehindert. Man lese nur die Provinzblätter, deutsche und czechische, slovenische und italienische, polnische und rutheuische. In allen kehrt der einzige Refrain wieder: Drehen wir den Juden das Genick ab. Die Staatsanwälte sind blind und taub, für sie existiert weder der § 302 Str.-G., noch die oberstgerichtlichen Entscheidungen, welche den Boykott, die Aufforderung zur konfessionellen Scheidung auf wirtschaftlichem Gebiete unter Strafsanktion stellen. Straflos darf ein deutsches Hetzblatt in Eger und ein solches in Zwittau ganze Proskriptionslisten jüdischer Geschäftsleute veröffentlichen, straflos darf ein italienisches Hetzblatt in Triest schreiben, daß die Juden nur eine Passion haben: den Wucher, und nur ein Gefchäftsprinzip: den Betrug. Ihr alle, die ihr euch schon glücklich Preiset, wenn Herr Schneider nicht jeden Tag eine neue Blutabzapfung entdeckt undPrinz Liechtenstein seine Wühlereien in ein geschichts-philosophisches Mäntelchen kleidet, geht hinaus in unsere mährischen und böhmischen Judengemeinden und fragt dort die jüdischen Kaufleute, die jüdischen Aerzte und Advokaten, was sie unter dieser stillschweigend geduldeten Boykottbewegung zu leiden haben, um wie viel schwieriger täglich die Erwerbsverhältnisfe werden und wie sie förmlich im Feindesland leben. Und spüren unsere Glaubensgenossen in den großen Städten diese Abgrabung der Existenz nicht schon in allen Gliedern? Die kleineren Judengemeinden schmelzen zusammen und ein gewaltiger Strom Hilfesuchender und Hilfsbedürftiger ergießt sich in die größeren Gemeinden. Auch ohne beschränkende Gesetze gelangen wir allmählich zu russischen Zuständen, zu einer Massenanhäufung jüdischproletarischer Existenzen in einzelnen wenigen Städten und zu einer Massenflucht vom flachen Lande. Wem der Blick nicht durch die Scheuleder des Egoismus eingeengt ist oder wer nicht absichtlich die Augen schließt, der lege sich einmal die Frage vor, zu welchem Ende diese „Besserung der Lage" führen muß.