Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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t£2ä3ZMtZi2i9äm 3SHQ*5X«8 Nr. 20 Dr. 3ßlocb s MocbenscbrM. Seite 327 Die Sache kam vor den Rabbi. Dieser berief sein Rabbinatskolleginm, zitierte den Geklagten, aber auch hier beharrte er bei seinem Leugnen und machte sich sogar erbötig, seine Behailptung durch einen Eid zu bekräftigen. Der Rabbi aber war in seinem Innern überzeugt, daß der Mensch einen Meineid schwören würde, — Zeugen waren keine da und dennoch sollte die Wahrheit ans Tageslicht gebracht werden; aber wie? Da rief der Rabbi seinen Diener herbei und sagte, indem er sich von seinem Sitze erhob, in feierlicher Weise: „Du, Fawesch, hör' zu, was ich dir heiß': Geh' hinaus auf das bo88 hachajim (Friedhof) zum Ivewer (Grab) von Jtzig Leib und sog' ihm, der Rebbe laßt ihn zum Bessdiii (Gerichtshof) rufen, und du bist der Lebliaell b688<iin (Gerichtsbote), er soll augenblicklich kommen." Fawesch, der Gerichtsbote, fest überzeugt von dem unausbleiblichen Erfolge feines Auftrages, den ihm der heilige Rebbe erteilt hat, nahm seinen Stock und machte sich auf den Weg. A b e r a u ch I a n k e l zweifelte keinen Moment, daß der Rebbe die Macht habe, den Toten zu zitieren und daß bald der tote Jtzig Leib, in Sterbek l e i d e r n ge h ü l l.t, v o r i h n h i n t r e t e n und feine Forderung geltend machen werde, und da ergriff ihn ein Schüttelfrost, daß seine Zähne klapperten und seine Knie schlotterten, und mit verzerrten Zügen und bleichen, bebenden Lippen gestand er seine Schuld! Fawesch wurde auf halbem Wege zurückgeholt. Wo Tausende mit ihren Anliegen zu ihm kamen, ist es nur natürlich, daß ein Goldregen ihm ins Haus kam; aber was er erhielt, gab er zmn größten Teil den A r m e n, denen er reichliches Wochengeld a n s s e tz t e. Bezeichnend ist folgende nette Geschichte, die man von ihm erzählte. Eines Tages kam die Rcbbezen ganz entrüstet vom Marktplatz nach Hause und lief ins Zimmer des Rabbi, um eine Klage vorzubringen. „Rebbe, M o i s ch e l e B o r h a n d, der von „u n s" acht Gulden Wochengeld bekommt, hat mir einen Hindek (Indian, Truthahn) ausgekauft. Der Schnorrer nmß Hindekes essen! Und noch dazu für unser Geld!" „Wart' nur, mein Weib" sagte der Rabbi ruhig, „ich werd' ihm schon meine Meinung sagen; er wird Dir keine Hindekes mehr auskaufen." Er schickte sofort um Moschele. Dieser kam zitternd und zögernd vor Angst und Bangen, seiner schweren Schuld sich bewußt. Und da stand er in „feines Nichts durchbohrenden Gefühle" vor dem Heiligen, dem Allgewaltigen, gewärtig der Dinge, die da kommen sollten. Und der Rabbi begann erregt und streng: „Moischele, ich hör', Du bedarfft (hast das Bedürfnis) Hindekes zu essen. Nun, da kannst Du ja mit acht Gulden die Woche nicht auskommen. Bon nun ab bekommst Du zehn Gulden die Woche, und jetzt geh! Eines aber sage ich Dir, mit der R e b b e z i n fang nicht an!" * * * Dieser Mann hatte auf der Durchreise nach Ofen ins Kaiserbad in Gyöngyös Rast gehalten. Zehn Personen, die zur Abhaltung des Gottesdienstes nötige Anzahl, bildeten seine Suite. Die Kunde von seiner Ankunft verbreitete sich rasch, und unser Rabbi beeilte sich, ihm einen Besuch zu machen. Noch jetzt schwebt mir das interessante Bild vor Augen. Da saß der „Sanser", ein kleines, schwächliches Männchen, der seit seiner Geburt an einem Fuße lahmte. Ein langer, schneeweißer Bart floß ihm bis auf die Brust herab: eine hohe, gedankenschwere Stirne wölbte sich über die buschigen Augenbrauen, unter denen sanfte, blaue Augen leuchteten. Ich habe solche Augen in meinem Leben nicht gesehen; ein ganzer Himmel lag in ihnen, ein Himmel voll Glauben und Güte; sie blickten so schwärmerisch, so verklärt und dennoch auch durchdringend, wenn sie aus den sich richteten, mit dem er sprach. Ihm gegenüber faß unser Rabbi, bleich von innerer Erregung. Er fühlte es, er stand vor einen! Höher», einem Geistesgewaltigen, vor dem er nun angesichts seiner Schüler und der Gemeinde das Examen ablegen sollte. Da überkam auch uns Jünger ein heiliger Schauer vor diesem kleinen, großen Mann; denn wir sahen unseren Rabbi, den wir bisher für den Größten gehalten hatten, zittern und in Ehrfurcht das Haupt beugen. Der Rabbiner begann damit, daß er eine auf jene Randglossen bezügliche Bemerkung machte, welche von dem Sand ecer Rabbiner zu dem Werke seines Schwiegervaters Fränkel erschienen waren. Darüber entspann sich eine lebhafte Debatte, sie sprachen in Andeutungen und Hinweisen, welche nur die beiden Männer verstanden! Sichtbar befriedigt entließ der „Sanser" unfern Rabbi, der nun mit erhobenem Haupte nach Hause eilte, um den Gegenbesuch des illustren Gastes zu erwarten, den dieser ihm in Aussicht gestellt. Während meine Kollegen der Reihe nach sich vom „Rebbe" b e n s ch e n (segnen) ließen, der an einen derselben, dem schon ein Bart gewachsen war, die vorwurfsvolle Frage richtete, warum er denn nicht schon der religiösen Vorschrift gemäß geheiratet habe, — als wenn das einem armen Bochur so leicht wäre — begleitete ich den Rabbi nach Hause, dessen erste Arbeit es war, die deutschen Biicher, die auf dem Kasten in Reih' und Glied standen, in d e n H i n t ergrün d zu s ch i e b e n, so daß man die Buchstaben aus den Einbandrücken nicht lesen konnte — eine löbliche Rücksicht und kluge Vorsicht. Bald darauf kam der Rabbi mit feiner Suite vorgefahren: der Rabbi mit seiner langen Meerschaumpfeife in der Hand, für die ein eigener Mann bestellt war, der sie anzündete, was jeden Augenblick geschah, da sie, kaum angezündet, während des Sprechens sofort wieder erlosch. Der Rabbi nahm Platz und sogleich „packte" er eine „K a f ch e" (talmudische Streitfrage) aus, an der unser Rabbi zu rütteln versuchte; aber der „Sanser" ließ sich nicht unterkriegen, und da die Begleitung nach kurzem Aufenthalt zum Aufbruch drängte, so dürfte die Frage heute noch auf — den Propheten Elijahn warten, der bekanntlich auf alle Fragen einst die richtige Antwort erteilen wird. Dieser Besuch machte mit einem Schlage alle Anwürfe gegen unseren Rabbi verstummen; „kein Hund reckte mehr seine Zunge", umsomehr, als es bekannt wurde, daß der Sandecer Rabbiner, als man ihn fragte, was er von den ungarischen Rabbinen halte, ausweichend antwortete: - „Der Gyöngyöser ist ein „G o d a u l" (Große r). Und auch auf uns Schüler wirkte dieser Besuch, der das Haupt unseres Rabbi mit einem Ruhmesglanz umgab, von dem auch auf uns, seine Schüler, ein Schimmer fiel, anregend und aneifernd. Wir horchten nun aufmerksamer auf jedes seiner Worte und lernten fleißiger. Was mich betrifft, war ich gleichsam moralisch dazu gezwungen, weil die Fenster meiner Wohnung gegenüber dem Studierzimmer des Rabbi lagen und ich in der Nacht das Licht nicht früher auslöschen konnte als er, was nie vor Mitternacht geschah. Auch setzte ich privat meine Gymnafialstudien fort und so habe ich redlich meine Pflicht erfüllt, bis ich im Jänner 1857 zur Stellungspflicht heimberufen wurde. So verließ ich nach vierjährigem Aufenthalte in Gyöngyös, wo ich viel Gutes und Liebes genossen, geehrt durch das „M orenu-Diplo m", den väterlichen Lehrer und Meister mit tränenden Augen, um ins geliebte Vaterhaus heimzukehren, und zwar nicht mehr nach Hunsdorf, sondern nach K e s m a r k, wo der Vater als Religionslehrer am achtklassigen Gymnasium angestellt war und eine behördlich konzessionierte Schule leitete. (Fortsetzung wlgt.)