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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-05-13 · 20 (13.5.1904) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
20 (13.5.1904)
Date
1904-05-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 316 Dr. Dlocb's Mocvenscvnn. r»l. 2ü Vom Zabrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Christlich-soziale E e re ch t i g k e i,t. — Ein höherer Magistratsbeamter. — Das Hochgericht über Gregorig Apostat a.) Weß wir den Herrn von Wien und seine ergebene Prätorianerschar anklagen und sie anzuklagen nicht ermüden werden, insolange der Anlaß dazu in so reichlicher Fülle dargeboten wird, das ist, daß sie das Recht mit doppeltem Maaße messen. Recht darf nicht nur das sein, was Vorteil bringt. Im Reichsrate ist es zur Sprache gebracht worden, wie man Wahlen macht. Es ist nur, daß man davon spricht; nützen tut es ja doch nichts. Wie das Recht verteilt wird, wenn es einmal gilt, zu entscheiden zwischen einem Juden und einem Nichtjuden, der zudem noch zu allem Ueberfluß am Ende gar ein notorischer Anhänger der christlich-sozialen Partei ist, darüber braucht kein Wort mehr verloren zu werden. Ein jüdischer Geschäftsmann braucht es nur zu versuchen, vom Wiener Magistrat eine Begünstigung zu erlangen, die Straße auf, Straße ab allen seinen Konkurrenten ohneweiters zugestanden wird, und er wird seine Wunder erleben über die bei Ariern gang und gäbe gewordene gleiche Verteilung des Rechtes und über die bei uns maßgebend gewordenen Vorstellungen von Gerechtigkeit. Ein höherer Magistratsbeamter begeht einen antisemitischen Exzeß brutaler und ordinärer Art. Zum Schauplatze desselben wählt er sich die Ausstellung im Prater. Das internationale Publikum soll erfahren, was alles wir in Wien auszustellen haben. Der Bürgermeister als der Chef des Exzedenten wird in öffentlicher Gemeinderatssitzung über den unwürdigen Vorfall interpelliert. Es wäre so nahe gelegen, den öffentlichen Skandal mit einem Worte zu rügen. Das Oberhaupt der Stadt hätte sich damit wahrhaftig nichts vergeben und deshalb wäre noch keine Perle aus seiner Krone gefallen. Denn schließlich wäre zu erwarten gewesen, daß der Bürgermeister etwas darauf halte, daß von seinen Beamten die Sitte nicht verletzt und die öffentliche Ordnung gewahrt werde. Wer darauf rechnete, hatte zu viel erwartet. Der Bürgermeister fand keinen Anlaß, irgend etwas zu verfügen. Die Sache sei gar nicht so, sondern anders gewesen, und die Zeitungen hätten nur wieder einmal entstellt und übertrieben. Und schon Tags darauf wurde gerichtsordnungsmäßig erwiesen, daß die Sache wirklich so und nicht anders war und daß die Zeitungen nicht entstellt und nicht übertrieben hatten. Der Magistratsbeamte, zu dessen Obliegenheiten, nebenbei gesagt, auch die Leitung von Wahlakten gehört und der dabei mit unparteiischer Gerechtigkeit walten soll, wurde verurteilt und nicht zu einer Geldstrafe, sondern zu Arrest, und außerdem wurden die Akten der der Staatsanwaltschaft überwiesen, damit sie entscheide, ob da nicht noch ein weit ernsteres Delikt vorliege, als über welches abzuurteilen der Richter die Kompetenz hatte. Bürgermeister Dr. Lueger hat seine Ansicht, daß die ganze Sache nichts auf sich habe, noch nicht modifiziert. Vielleicht zürnt er noch gar dem Gerichte, wie er ja das schon oft genug getan hat, wenn ein Urteilsspruch nicht nach seinem Sinne ausgefallen ist. Die Welt sollte es doch schon längst wissen, die österreichischen Gerichte verstehen nichts von der Gerechtigkeit und die wahre Gerechtigkeit wird nur bei der christlich-sozialen Partei verzapft. So hält diese Partei jetzt Gericht über Gregorig Apostata. Es war sehr vergnüglich, zu lesen, wie kein Geringerer als Landesausschuß Regierungsrat Dr. Geßmann — er hat noch einige andere Titel und Würden; man kommt doch hübsch vorwärts in der christlich-sozialen Partei! — höchst persönlich den Stab brach über den überwundenen Gregorig. Gerade er hätte das vielleicht Anderen überlassen sollen. Denn ihm ward Gregorig geopfert und über seine Leiche schritt er zu seinem Sitze im Parlamente. Man hatte noch schandenhalber die Fiktion aufrechterhalten, daß Gregorig damals freiwillig zurückgetreten sei und sich selbst geopfert habe im Interesse der rühmlichst bekannten „guten Sache", und nun ist es Geßmann selbst, der die Indiskretion begeht, es laut hinauszurufen, daß Gregorig zurücktreten mußte und es nichts weniger als freiwillig getan habe. In der Fabel versetzt der Esel dem todten Löwen noch einen Fußtritt. Hier ist die Sache gar nicht fabelhaft und darum klappt sie auch nicht recht. So viel ist sicher, ein Löwe ist Herr Gregorig in seinem ganzen Leben nicht gewesen. Interessant ist die Art jedenfalls, wie über Gregorig Gericht gehalten wurde. Dr. Geßmann rief pathetisch aus: „Wenn Gregorig sagt, daß keine besonderen Vorteile für das christliche Volk errungen werden, weil das Gas- und das elektrische Licht Christen und Juden leuchtet, daß die Parkanlagen Christen mtd Juden erfreuen u. s. w., so sind das Anschauungen, die als pathologische bezeichnet werden müssen und die viel eher Mitleid denn irgend Unmut oder Verbitterung Hervorrufen können." (Stürmischer Beifall.) Es ist wahr, Gregorig hat derlei gesagt, und wir erinnern uns dessen mit heiterem Behagen, es ist weiters wahr und vorläufig unbestritten, daß Herr Gregorig von der den ersten Tenören nicht minder als den Notabilitäten der christlich-sozialen Partei willig eingeräumten Nachsicht hinsichtlich besonderer Geistesschärfe einen umfassenden, um nicht zu sagen unbescheidenen Gebrauch gemacht hat, aber deshalb war es doch nicht an Geßmann, ihm das nun in solcher Weise vorzuhalten und zu Gemüte zu führen. Wir nehmen von diesem idyllischen Intermezzo vornehmlich deshalb Notiz, weil es in recht drastischer Art die christlichsoziale Gerechtigkeitsliebe illustriert. Natürlich ist das urdumm, was da von Geßmann aus dem Schatze kommunaler Weisheit eines früheren Parteigenossen zitiert worden ist, aber wo ist denn die Urteilsfähigkeit, die jetzt das strenge, aber vollkommen begründete Urteil fällt, früher gewesen? Als jene denkwürdigen Albernheiten gesprochen wurden, da hat sich Herrn Dr. Geßmann's geläutertes und reifes Urteil in keiner Weise geltend gemacht. Gewiß, Herr Dr. Geßmann war sich schon damals vollkommen im Klaren darüber, daß der moderne Kleon der Gerber, der große Politiker, der sich mit zu den Parteiführern zählte und von der begeisterten Menge ihnen willig zugezählt wurde, mit eigentlich unerlaubter Geistesschwäche behaftet sei, aber damals, als er seine denkwürdigen Albernheiten mit der ernsten Miene des denkenden Politikers und der großen Geste des wahren Volksmannes in die Welt warf und förmlich für die Weltgeschichte festnagelte, da erhob sich weder Herr Doktor Geßmann, noch eine andere Parteigröße, um die offenbare Stupidität von sich und der Partei abzuschütteln. Damals paßte ihnen die Geschichte in den Kram, wie ihnen jede Dummheit hineinpaßt, sofern sie nur in den erhebenden Ruf ausklingt: „Nieder mit die Juden!" Sind denn Bielohlawek's staatsmännische Reden anders geartet und steckt mehr Verstand hinter den blutrünstigen rhetorischen Grimassen, die ein Mechaniker Schneider schneidet? Nicht im mindesten, und sie werden genau so durchschaut, wie man nun das Pathologische und Mitleiderregende in der Geistesverfassung eines frondierenden Malkontenten durchschaut. Die Perfidie besteht eben darin, daß man sich jede Torheit, jeden Wahnwitz gefallen läßt, sie wohlgefällig belächelt, sie als Argument gelten läßt, wenn sie nur aufreizt wider die Juden, sie aber enthüllt und in ihrem Widersinn bloßstellt, wenn es gilt, einem Fallenden noch einen Stoß zu geben und einem Stolpernden noch ein Bein zu stellen. Man duldet alles erst, wenn es noch so aberwitzig ist, weil man sich davon eine gute Wirkung auf die urteilslose Menge verspricht, die derlei nachplappert und unter Umständen sogar zum Feldgeschrei erhebt. Das Gerechtigkeitsgefühl hat Herrn Dr. Geßmann veranlaßt, jetzt gegen Gregorig loszugehen und das Pathologische an ihm aufzudecken. Ach, wenn Gregorig nur nicht aus dem unbedingten Anhänger ein lästiger Querulant geworden wäre, niemals hätte die Welt von autoritativer christlich-sozialer Seite erfahren, wie blödsinnig seine Art zu denken sei und wie sehr man Mitleid haben müsse mit seinen angebornen geistigen Defekten. Daß nun so Gericht über ihn gehalten wird, das ist auch ein Stück christlich-sozialer Gerechtigkeit, und zwar ein starkes Stück. Whig.

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