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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-05-13 · 20 (13.5.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
20 (13.5.1904)
Date
1904-05-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 Dagegen hat sich seine herrschende Dynastie sehr schnell europäisirt. Wahrend Japan seine uralte einheimische Dynastie besitzt, stand Rußland, seitdem es überhaupt als selbständiges Staatsgebilde erscheint, unter nichtrussischen Herrschern. Die Dynastie Rurik's, welche bis zum Ende des 16. Jahrhunderts herrschte, war eine skandinavische. Sie mag sich wähl im Lause von sieben Jahrhunderten russifiziert haben, und etwas mehr russisches Blut hatten die Romanow, zu denen sich auch die jetzt regierende Familie zählt. Aber seit Peter dem Großen hat eine so starke Infiltration westeuropäischen Blutes stattgesunden, daß eine genaue Berechnung zeigt, wie das in den Adern des Kaiser Nikolaus II. fließende, nur zum 124., sage hundertvierundzwanzigsten Teile russisch ist: Kaiserin Katharina I., Gemahlin Peter des Großen, war eine Schwedin oder Litthauerin, ihre Tochter Anna hatte daher nur zur Hälfte russisches Blut, deren Gatte, Karl Friedrich von Holstein-Gottorp, war ein Deutscher, ihr Sohn Peter II!. war daher schon nur zu einem Viertel russisch. Er heiratete Prinzessin Sophia Augusta von Anhalt-Zerbst, als Kaiserin Katharina II. genannt, deren Sohn Kaiser Paul, schon nur zu einem Achtel russisch war. Pauls Gattin war Prinzessin Wilhelmine von Darmstadt, die seines Sohnes Alexander I. eine württembergische Prinzessin, die des Kaiser Nikolaus I. eine preußische, die Alexanders II. eine hessische Prinzessin und die Mutter des jetzt regierenden Kaisers ist Prinzessin Dagmar von Dänemark. So gelangen wir, stets das fremde Blut zur Hälfte in Anschlag bringend, zu einem 124stel russischen Blutes. Daß alle diese Prinzessinnen russischen Glauben und russische Namen angenommen haben, ändert nichts an der physiologischen Tatsache. Und jetzt vertreibt man die seit Jahrhunderten in Rußland wohnenden Juden, weil sie Fremde sind. Als Königin Elisabeth von Spanien, eine Italienerin, von ihrem> Gatten Philipp V. aus dem Hause Bourbon die Austreibung aller Franzosen verlangte, antwortete der König, da müßte er gleich seine Koffer packen lassen. Die Bedrückung der Juden und Beschränkung ihrer Rechte findet aber nicht blos im eigentlichen Rußland statt, sondern wird auf alle Länder ausgedehnt, welche die Russen erobern und wo sic selbst im vollsten Sinne des Wortes Fremde sind. Und welch ungeheuere Ländermasse hat sich nicht Rußland, von früheren Jahrhunderten abgesehen, in den letzten fünfzig Jahren unterworfen: Kaukasus, Chiwa, Buchara, Kars, Batum, Merw, das Amurgebiet, Liaotung u. s. w. Wenn jetzt Japan für die Befreiung der Mandschurei kämpft, wo sich vielleicht gar keine Juden befinden, so hat es doch für diese manche gute Folgen. Greueltaten wie in Kischenew wird man jetzt nicht organisieren. Ja, man gewährt während des Krieges den Juden eine gewisse Schonzeit — vielleicht nur, um sie zu reichlichen patriotischen Gaben zu bewegen. Ein bischen Zwang, ja vielleicht mehr als ein Bischen, ist wohl auch dabei. Und nun will ich das dem wissenschaftlich gebildeten Leser, der an das direkte Eingreifen der göttlichen Vorsehung, an die prompte himmlische Justiz nicht glauben kann, gegebene Versprechen einlösen. Ich will ihm zugeben, daß Spanien nicht zur Strafe für die Austreibung der Juden von seiner hohen gebietenden Weltmachtstellung zu einem armen ohnmächtigen Staat vierten Ranges herabgesunken ist, ich will ihm zugeben, daß die Verluste der russischen Flotte, der Untergang des „Petropawlowsk" mit dem Admiral und mit den zwölf Millionen Rubeln nicht die Strafe für die Judenverfolgungen, für die hinterlistige Politik des Herrn Plehwe sind: — aber dieser vernünftige Leser wird mir zugeben, daß gleiche Ursachen gleiche Wirkungen Hervorbringen. Der vollständige Verfall Spaniens, das jetzt zutage tretende Morsche und Faule im russischen Staatswesen sind eben Wirkungen derselben Ursachen und diese liegen auch der Mißhandlung der Inden zugrunde. Indolenz, Mangel an Pflichtgefühl, Sucht, sich ohne viele Mühe zu bereichern, hochmütiger Stolz auf die eigene Religion, Aberglauben und Intoleranz haben in dem despotischen Regierungssystem Spaniens und Rußlands Nahrung und Förderung gefunden. Die regierenden Klassen beider Staaten strebten Seite 315 stets nach Eroberungen und Einfluß auf die Nachbarstaaten, dabei das Volk ausbeutend und unterdrückend, im Innern die Korruption gewähren lassend oder fördernd, den Fremdenhaß nährend. Die Folgen solcher Mißwirtschaft, Korruption und Intoleranz äußern sich in allen Zweigen der Verwaltung und des Kriegswesens, und in letzterem besonders bei der Flotte; denn gerade diese erfordert besondere Intelligenz, Pünktlichkeit und Ehrlichkeit. Man weiß, wie viele Millionen die russische Flotte dem Staate gekostet hat, aber nicht wieviel davon wirklich verwendet, wie viel in Privattaschen geflossen ist. Merkwürdigerweise hat Admiral Makarow seine ganze Kasse, zwölf Millionen, miteingeschifft, anstatt sie in dem sicheren „uneinnehmbaren" Port Arthur zurückzulassen. Er hat vielleicht gefürchtet, sie könnten ihm dort gestohlen werden. Und nun sind sie mit dem Panzerschiff in die Luft geflogen, dann „fuhren sie hinunter in die Tiefen gleichwie ein Stein". Unwillkürlich erinnert man sich da an manche russische Regierungsmagazine, die zufälligerweise einen Tag vor Ankunft der Revisionskommission abbrannten. Die russische Landmacht wird vielleicht noch Siege erringen : dazu bedarf es nicht jener seltenen Eigenschaften, die der Seekrieg erfordert. Auch die spanischen Landtruppen haben Erfolge errungen, als schon ihre Seemacht im Niedergange war. Der Untergang der großen, 1588 gegen England ausgeschickten Flotte, der Verlust der Schlacht bei Trafalgar und der letzte Krieg mit den Vereinigten Staaten sind die Stationen dieses absteigenden Weges der spanischen Flotte, eines Weges, den nun die russische betreten zu haben scheint. Und dabei hat Spanien noch manches vor Rußland voraus. Länger als dieses stand es unter fremder Herrschaft, aber die Araber waren ein edles, viel hoher gebildetes Volk als die Mongolen, die übrigens zivilisierter gewesen zu sein scheinen als die ihnen unterworfenen Russen. Spanien hat im Altertum römisch-griechische Bildung ausgenommen, im Mittelalter noch keinen Despotismus gekannt. Dem übertriebenen Ehrbegriff der Spanier steht ein nur sehr schwaches Ehrgefühl bei den russischen Tschinowniks gegenüber. Ein russischer Politiker hat als die drei Grundpfeiler des russischen Reiches, als seine höchste und kostbarste Zierden Autokratie, Orthodoxie und Nationalität bezeichnet. Was steckt in Wahrheit hinter diesen schönklingenden Worten? Die russische „Rechtglüubigkeit" ist eine durchaus äußerliche Confession, ein christlich überfirnißter Aberglaube, mit ihrer unwissenden niedcrn Geistlichkeit dem Katholizismus und Protestantismus weit nachstehend. Die Nationalität ist ein Mischvolk von Russen und Nachkommen asiatischer Nomadenvölker, das über eine Majorität anderer Völker mittelst einer fremden Dynastie herrscht. So bleibt nur die Autokratie, oder, wie ein geistreicher Franzose gesagt hat, 1s ckesxottsms temperö pur Io rsAieicks. Minister Plehwe hat den Juden Fiustenmord und revolutionäre Umtriebe vorgeworfen. Wir fragen ihn: waren etwa Juden die Mörder Peters III.? Waren die Grafen Subow, Pahlen und Genossen, welche Paul I. ermordeten, Juden? Waren nicht die Offiziere, welche 1825 die Fahne des Aufstandes gegen Nikolaus I. erhoben, alle echte rechtgläubige Russen? — Heber die Leichen seiner gut christlichen Gardeoffiziere mußte er sich den Weg zum Throne bahnen. Deshalb darf auch in Rußland und Preußen kein Jude Offizier werden. — — Den russischen Revolutionären in Uniform steht die ritterliche Vasallentreue der Japaner gegenüber, wie dem russischen Despotismus und der Stagnation der Freiheits- und Fortschrittsgeist der Japaner. Wir Juden können da nicht tätig eingreifen: wir brauchen auch nicht um den Sieg der japanischen Waffen zu beten. Früher oder später wird Rußland das Schicksal Spaniens erreichen. Denn unwandelbar wirken die ewigen Gesetze, mag man sie Gottes oder der Natur nennen, im Völkerlcben so gut wie in dem des einzelnen Menschen. Und die Weltgeschichte ist das Weltgericht. L. Dr Mocb's Mlocbenscbritt.

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