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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-05-13 · 20 (13.5.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
20 (13.5.1904)
Date
1904-05-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 314 Dr. Blocb’s ‘ö&ocbenscbrift. Nr. 20 Und dabei sucht man noch dem Kriege gegen Japan einen religiösen Anstrich zu geben, ihn als einen Krieg des Christentums gegen das Heidentum darzustellen, um den Fanatismus des russischen Volkes anzufachen, wie man es früher, in Kriegen mit europäischen Staaten, gegen den „heidnischen Westen" zu fanatisieren suchte. Und wo man auf die religiöse Intoleranz nicht rechnen kann, greift man zu den bei Halbwissern so beliebten Schlagworten von Rasse und Nationalität. Da soll Rußland den Krieg für die Arier gegen die Turanier, für die weiße gegen die gelbe Rasse führen. Daß solche Verdunklung des wahren Sachverhaltes den Beifall und die Unterstützung unserer Christlich-Sozialen und Nationalitätsfanatikcr findet, ist leicht begreiflich, auffallend ist es aber, daß selbst liberale Zeitungen den Russen und ihren Gesinnungsgenossen auf den Leim gehen, von der „gelben Gefahr", gegen die die Europäer ihre heiligsten Güter zu schützen haben, faseln. Gewiß, die überaus fleißigen und genügsamen Chinesen, die ebenso genügsamen und viel geschickteren Japanesen können gefährliche Konkurrenten der europäischen Industriellen werden, und diese werden vielleicht noch einmal den Staatsmännern fluchen, welche sich mit Kanonen und Missionären die Reiche des fernen Ostens zugänglich machten, „offene Türen" und einen „Platz an der Sonne" erzwangen, von wo einst Europa mit erstaunlich billigen Jndustrieprodukten überschwemmt werden dürfte. Mit Kanonen und Torpedos läßt sich freilich eine solche Konkurrenz ebensowenig bekämpfen, als dem Handwerker durch drakonische Gewerbeordnungen und Hausiererausrottung geholfen werden kann. Wird man vielleicht erst in ferner Zukunft die europäischen Staatsmänner für diese gefährliche Konkurrenz verantwortlich machen, so trifft sie schon jetzt die Verantwortung für den gegenwärtigen Krieg. Sie haben ihn heraufbeschworen, als sie vor einigen Jahren dem gegen China siegreichen Japan in den Arm fielen. Es geschah dies angeblich, um die Integrität Chinas zu wahren. Dann nahmen sich europäische Mächte Teile des chinesischen Reiches, am meisten Rußland, das, bevor es noch die Mandschurei verschlungen hatte, mit seinem gierigen Rachen schon nach Korea schnappte. Da mußte Japan beizeiten zu den Waffen greifen, wenn es sich nicht damit begnügen wollte, zuletzt verspefft zu werden. Und nun tritt dieses „friedliebende" Rußland als Verteidiger Europas, der Zivilisation und des Christentums auf, während es weder sriedensliebend, noch europäisch oder zivilisiert, ja kaum noch christlich ist. Der Dieb oder der Räuber, der nach meiner Brieftasche oder Uhr greift, ist eigentlich ein ebenso friedliebender als Brieftaschen liebender Mann. Er hat gar nicht die Absicht, mich zu verletzen oder gar zu töten; wenn ich ihm aber das mir oder meinem Freunde gehörige Gut nicht gutwillig abtreten will, wenn ich gar Miene mache, ihn zur Polizei zu schleppen, dann ist er meiner Frechheit gegenüber genötigt, von Dolch oder Revolver Gebrauch zu machen. Rußland hat sich in der friedlichsten Weise die Mandschurei aneignen wollen, ganz ohne Blutvergießen, man hat nur ein paar Tausend Chinesen in den Amur getrieben. Daß sie darin ertranken, war nur ihre Schuld; wie sollte der Tschinownik, der sie hineintreiben ließ, wissen, daß sie nicht schwimmen können? Und nun kommt dieses kecke Japan und will den Gendarmen spielen, stört das heilige Rußland in seiner zivilisatorischen Mission. Sieht man da nicht deutlich, daß es provoziert, daß es kriegslustig ist? Nicht besser als mit der Friedensliebe sieht es mit der Zivilisation und dem Europäertum Rußlands aus, wie ja auch moderne russische Politiker und Staatsmänner seinen Gegensatz zu Europa eifrig betont und gepriesen haben. Seit dem Tode Alexander 1!. bestreben sich die „echten Russen", alles, was seit Peter dem Großen von europäischer Zivilisation eingeführt wurde, auszurotten und durch echtrussisches zu ersetzen. Dieses Russentum, das ja auch seine guten Seiten hat, ist aber weder rein slavisch, noch originell russisch. Dieses Rußland, das schon zwei Monate nach Ausbruch des Krieges Geld borgen und beinahe sechs Perzent Zinsen zahlen muß, während Oesterreich zu vier Perzent so viel Geld haben kann als cs will; dieses Rußland hat stets von Anlehen bei Europa gelebt, nicht bloß in finanzieller Beziehung und nicht bloß seit Peter dem Großen. Die Russen fiub überhaupt kein schöpferisches Volk, haben keine originalen Ideen, sie haben der Welt nichts Neues geboten, stets nur von anderen Völkern entlehnt und nachgeahmt: Kultur, Religion, Regierungssystem. Sie sind auch, trotz des von der herrschenden Clique eifrig geförderten Panslavismus, keine reinen Slaven, ja nicht einmal reine „Arier". Sehr früh schon haben sich die russischen Slaven mit Finnen, Bulgaren, Mongolen und andern „Turaniern" vermischt. Sie, die jetzt so gern die Verteidiger der Griechen gegen die Türken spielen, tragen im Verein mit den Bulgaren einen großen Teil der Schuld an der Zerstörung des griechisch-christlichen Kaiserreichs, das sie mit ihren unaufhörlichen räuberischen Einfällen geschwächt haben. Ein russischer Historiker, dessen Werk 1837 in Petersburg mit Bewilligung der Zensur erschienen ist, erzählt, wie sie im Jahre 941 in der Umgebung von Konstantinopel drei Monate lang gehaust haben. Sie schlugen die gefangenen Griechen ans Kreuz oder brachen ihnen die Glieder, andere benutzten sie als Zielscheibe für ihre Bogenschützen oder schlugen ihnen Nägel in den Kopf — wie jetzt, nach zehnthalb Jahrhunderten, den Juden in Kischenew! Von den Griechen nahm der Großfürst Wladimir die christliche Religion an und auf seinen Befehl das ganze Volk, — nicht aus Ueberzeugung und Verständnis, sondern von der Pracht und dem Zeremoniel des Gottesdienstes gelockt und, wie es scheint, auch mit politischen Nebenabsichten. Hatte das byzantinische Christentum damals schon viel von seiner ursprünglichen Reinheit verloren, so nahm es in Rußland noch unreinere Elemente in sich auf, ward in den Händen der Herrscher in Gstalt des Cäsaropapismus zum Regierungsinstrument, im niedern Volke zum Bilderdienst und jeder höheren Idee baren Aberglauben. Dann kamen Land und Volk auf mehr als zwei Jahrhunderte unter die Herrschaft der Mongolen. Diese standen auf keiner niedrigeren Zivilisationsstuse als die Russen, und diese hatten überhaupt an Zivilisation nicht viel zu verlieren. Aber für sie war das bleibende Resultat dieser Abhängigkeit der Despotismus der Herrscher und der Sklavengeist des Volkes. Vor den Mongolenchanen, ihren Weibern und Dienern demütigten sich die russischen Großfürsten sklavisch, zahlten Tribut und schlugen mit der Stirn ans den Boden, um ein Stück Landes oder einen Titel zu erlangen, einen Konkurrenten zu verdrängen. Denn selbst unter der Mongolenherrschaft hörten die Streitigkeiten und Kämpfe innerhalb der regierenden Familie nicht auf. Und diese Familie war eine fremde, skandinavische! Mit Recht kann man aus diese Großfürsten das Wort Burke's anwenden: They serve an apprenticeship of servitude to qualify them for the trade of tyranny. (Sie waren Lehrlinge der Sklaverei, um die Befähigung zum Handwerk der Tyrannei zu erwerben.) Vorzüglich den Zerwürfnissen und Teilungen der Mongolenfürsten hatten die Russen die Befreiung von ihrem Joche zu verdanken, aber dessen Nachwirkungen haben nicht aufgehört. Gerade in den Jahrhunderten, in denen in Europa das Rittertum blühte, standen die Russen unter der Herrschaft der Mongolen. Gewiß, das Rittertum und das Feudalwesen hatten nicht wenig Nachteile und Fehler, das Volk wurde von den Feudalherren und Raubrittern ausgebeutet und bedrückt; aber es war doch eine gute Vorschule für die Selbstregierung des Volkes, für die Repräsentativverfassung. Dies hat sich auch bei der raschen Umbildung Japans zu einem konstitutionellen Staat gezeigt. Was sich Rußland nach der Befreiung von der Mongolenherrschaft, seit Ende des 15. Jahrhunderts bis zu Peter dem Großen, von europäischer Zivilisation aneignete, diente vorzüglich zur Beftiedigung materieller Bedürfnisse in Krieg, Industrie, Bauwesen u. dgl., den geistigen Elementen des westlichen Europas gewährte es sehr geringen Einfluß. Wie Ritterwesen und Katholizismus, so blieb ihm auch die Reformation des 16. Jahrhunderts fremd.

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