Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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N-. 20 Dr. Bloch’s rrnrni Jahrgang Xll Centrslorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. Mi-«. 13. Mm 1804. -- Erscheint jeden Freitag. -■>— -H—-r- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berg gaffe SS. Telegramm-Adresse: Dloch's Wochenschrift, Wien. « - - —m K. k. Postsparensten-Amt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Lrdartton und Administration: Wir» IX l. Verggaffe Nr. 39. I'olspkon Nr. 14.847. ife- -- -- % » ■ -- - ---=* S-rngSPrri» für Srfterrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ansland: Halbjährig 10 Kronen. Banzjährig 20 . Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. « - - ■ -—^ =m Inhalt: Leitartikel: Das Gottesgericht im fernen Osten. — V o m Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Zur Kolonisation Palästinas. Die Konservenindnstrie Ein Ingenieur-Oberst in der Kriegsmarine. Ein jüdischer Korvettenkapitän. Lebenslauf des kürzlich verstorbenen französischen Generals See — Generalversammlung der Israelitischen Allianz zu Wien. — Korrespondenzen: Aus der öffentlichen Plenarsitzung des israelitischen Knltusvorstandes. Wien. Zur Naturgeschichte des Ariers. Die Wiener Juden und der russisch-japanische Krieg. Wien, Lemberg, Galizien. Die amtliche Judenhetze dauert fort. Jüdischer Grundbesitz in Russisch-Polen. Judaisierende Russen. London, Konstantinopel. — Vermischtes: Kranzablösnugsspenden zugunsten der Ehewra-Kadischa in Wien. Wien, Pisek, Prag, Dobrisch, Berlin, London, Philadelphia. — Feuilleton: Jüdische Kulturbilder. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Aufruf. — Inserate. Das Gottesgericht im fernen Osten. Nach dem Uebertritt des Kaisers Konstantin zum Christentum, als dieses schon die Heiden und Juden zu verfolgen begann, schrieb der Kirchenlehrer Lactantius, den man den christlichen Cicero nannte, im Vollgefühl des Triumphes sein Werk „I»s wortibn8 xerseeutorum". (Von den Todesarten der Verfolger.) „Die Feinde Gottes sind zu Boden geworfen, die Zerstörer des heiligen Tempels sind selbst zu Ruinen geworden, die, welche die Frommen folterten, haben unter den wohlverdienten Qualen und Leiden ihre schuldvollen Seelen ausgehaucht. Gott hat mit dem Strafen gezögert, um ein desto tvundervolleres und großartigeres Beispiel zu geben, damit die späteren Geschlechter einsehen, das; es nur einen Gott gibt, der die Stolzen itub Frevler und Verfolger mit dem verdienten Tode bestraft", sagt er am Eingänge seines Werkes und schildert dann, wie schändlich und qualvoll das Ende all der römischen Kaiser war, welche die Christen verfolgten. Dabei kann er jedoch seine Verwunderung darüber nicht verhehlen, daß trotz des abschreckenden Beispieles sich doch stets neue Verfolger gesunden haben. Ein reicheres Verzeichnis von Verfolgern und ihrer Bestrafung konnte die Geschichte der Juden liefern, schon zur Zeit des Lactantius, und noch viel mehr jetzt, beinahe sechzehn Jahrhunderte nach seinem Tode. Und auch da ließ die Strafe oft lange auf sich warten, denn „nicht jeden Wochenschluß macht Gott die Zeche". Und tausend Jahre sind bei ihm wie ein Tag. Manchmal aber folgt die Strafe der Sünde so schnell, wie der Donner dem Blitz. Es ist bereits in diesen Blättern darauf hingewiesen worden, daß die Katastrophe des russischen Admirals und seines kostbarsten, stärksten Schiffes genau ein Jahr nach den Greueltaten von Kischenew erfolgte. Und wie bedeutungsvoll ist es, daß dieses Schiff „Petropawlowsk" hieß, an die Apostel aus dem Judentum erinnernd, den Fischer Simon Petrus und den Schriftgelehrten Saul aus Tarsus! Der Untergang der spanischen Armada an den Küsten Englands erfolgte erst beinahe ein volles Jahrhundert nach der Vertreibung der Juden aus Spanien; aber fünf Jahre nach dieser ist der einzige Sohn König Ferdinands und Jsabellas der Katholischen gestorben, ein Jahr später die älteste Tochter, eine andere Tochter ist verrückt geworden. Den Untergang der spanischen Flotte betrachtete man damals in England und anderen protestantischen Ländern als gerechtes Strafgericht Gottes und Königin Elisabeth ließ Medaillen prägen mit der aus dem zweiten Buche Moses (XV. 10) gezogenen Inschrift: „Du hauchtest mir deiuem Odem, da bedeckte sie das Meer." Den Egypiern und Spaniern ist die Ehre widerfahren, umnittelbar von den Elementen, den Dienern Gottes, gezüchtigt zu werden, die orthodoxen Russen erhalten die Strafe, es erscheint fast wie zum Hohn — durch die „heidnischen" Japaner. Mancher Leser wird hier mißbilligend den Kopf schütteln ob unserer veralteten Geschichtsphilosophie, ob der Gott zugeschriebenen kaufmännischen Buchführung und selbst unsere Bernfung ans die Bibel wird er nicht gelten lassen wollen. DaS darf der moderne, wissenschaftlich gebildete Leser tun, obwohl wir auch für ihn eine hoffentlich befriedigende Antwort haben, die später folgen wird. Der orthodoxe Russe aber kann keinen anderen Standpunkt einnehmen, als den voit Lactantius und uns eingenommenen. Sehen wir doch jetzt, wie die Regierenden und Würdenträger Rußlands mit Gebeten, Wallfahrten und allerlei abergläubischen Zeremonien einen günstigen Ausgang des Krieges von Gott zu erbitten sich bemühen. Da werden berühmte Wallfahrtsorte besucht, öffentliche Gebete veranstaltet, die abziehenden Truppen gesegnet. Generale werden, bevor sie sich auf den Kriegsschauplatz begeben, mit geweihten Medaillen und Heiligenbildern beschenkt. Und zu diesen scheinen die russischen Helden fast noch mehr Zutrauen zu haben, als zu ihrer eigenen Kriegskunst, zu den so viele Millionen kostenden Panzerschiffen und Riesenkanonen. Sollten alle diese orthodoxen Generale, Minister und svttstige „Tschinowniks", die an ein direktes Eingreifen Gottes zu ihren Gunsten glauben, sich nicht die Frage vorlegen, ob sie auch seiner Hilfe würdig seien, ob sie nicht für ihre Bestechlichkeit und Vernachlässigung ihrer Pflichten, für die Ausbeutung und Unterdrückung des armen Volkes, für die Verfolgung und Entrechtung Andersgläubiger eher von Gott gestraft zu werden verdienen? Und zu diesen Verfolgten gehören nicht blos die Juden, sondern auch die katholischen Polen, die protestantischen Finnländer, ja selbst die Armenier, deren sich die russischen Staatsmänner so warm annehmen, tvenn sie mit Brandlegung und Dynamitbomben die — türkische Regierung bekämpfen.