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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-05-06 · 19 (6.5.1904) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
19 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 19 Dr. Dlocb's Mocbenscbrltt. Seite 311 Mähren und Böhmen gar viele Gläubige hatte, die man „Schäbfen" nannte. Dieser Anklage gab Emden in einem Sendschreiben an die Gemeinden und Rabbinate die weiteste Verbreitung und die Folgen blieben nicht aus, Die Rabbiner von Venedig, Metz, Amsterdam und Frankfurt am Main erklärten sich gegen Eibenschütz, während die Rabbiner und die Gemeinden Galiziens und Mährens sich um ihn scharten und über alle seine Feinde den Bann aussprachen. Der Kamps brannte lichterloh. Da trat ein junger, unbekannter Kämpe auf den Plan. Der Rabbiner in I a m p l e, einem kleinen Dorfe Russisch- Polens, versuchte es, in einem sehr umfangreichen, in einem schönen, fließenden hebräisch verfaßten Schreiben vermittelnd einzugreifen und dem im Judentume wütenden Kampfe Einhalt zu tun. Er schonte Eibenschütz nicht und warf ihm vor, daß er durch seine Mystik Grund zu Verdächtigungen gegeben, schwang aber mit kräftiger Hand die Geißel gegen dessen Feinde, indem er auf die titanenhafte Größe R. Jonathans und seine intern* fechtbar strenge Frömmigkeit himvies, und mahnte schließlich beide Parteien in eindringlichen Worten zum Frieden. Dieser junge Rabbiner aus Jainple, der mit einem Sprunge in die vorderste Reihe der Großen gelangte, war kein anderer als — Ezechiel Landau, der durch dieses meisterhafte Sendschreiben die allgemeine Aufmerksamkeit aus sich gelenkt hatte und infolge dessen noch in demselben Jahre der Oberrabbiner Prags, der ältesten, bedeutendsten und an talmudischen Kapazitäten reichsten Gemeinde Oesterreichs wurde. Nun war Eibenschütz gestorben und — da mögen wohl in der Seele des Altmeisters, der ein Feind aller Mystik, demnach auch des Chassidismus war, schwache Zweifel an die religiöse Richtung des Rabbi Jonathan herausgezogen sein, und nach dem talmudischen Grundsätze „Unterlassen ist besser", schob er die Gedenkrede hinaus, und niemand wagte es, dem Ehrfurcht gebietenden Rabbi darüber Vorstellungen zu machen. Seine Frau aber, „Liebe" hieß sie, die der Rabbi in jeder Vorrede zu seinen Werken preist, kannte die Verehrung der Prager für ihren einstigen gefeierten Prediger; sie wußte auch, welch dunklen Schatten es auf das Andenken des Verewigten werfen würde, wenn in Prag, der einstigen Berufsstütte desselben, die Totenfeier unterblieb, und sie — wagte einen Staatsstreich. Eines Tages am Morgen ließ sie den Rabbinatsdiener holen und gab ihm den Auftrag im Namen des Rabbi, daß er die Abhaltung einer Trauerfeier in üblicher Weise in den Gassen kundmache. Bald darauf hörte der Rabbi vor seinem Hause laut ausrufen: „Adonenu, morenu werabbenu (unser Herr, Lehrer und Meister) läßt verkünden und zu wissen tun, daß er heute nachmittags um 3 Uhr in der Altneuschul einen „Hesped" über den großen „Gaon“ Rabbi Jonatan Eibenschütz, das Andenken des Frommen sei zum Segen, abhalten wird." Der Rabbi erriet sofort, wer ihm diesen Streich gespielt und er fügte sich willig. Von dieser klugen, ihrer Würde sich bewußten Rabbinern wird erzählt, daß sie einmal folgende interessante Bemerkung ihrem Gatten gegenüber machte: „Rebbe", — die Rabbinerinnen der alten Zeit hatten einen solchen Respekt vor dem Träger der Thora, daß sie selbst dem Gatten den ihm gebührenden Titel nicht versagten — „sieht der Rebbe den Feiwel Wasserträger da unten stehen, diesen verkriippelten, schmutzigen, blöden Menschen, und der sagt jeden Tag das Dankgebet: Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, schelo nszani iscliu, daß Du mich nicht als Weib geschaffen hast; — ich bin Prager Rebbezen und dieser Feiwel dankt Gott, daß er nicht ist, was ich bin! Ist das recht?" „Aber, Liebe, wie kannst Du nur so reden?" antwortete ihr der Rabbi. „Kennst Du denn Feiwels Weib? Meinst Du nicht, daß sie noch verkommener, schmutziger, blöder ist als er? Nun, j e d e r M a n n sagt d e n S e g e n s s p r u ch, daß er nicht als Weib geschaffen wurde, in Beziehung auf sein eigenes Weib. Feiwel dankt Gott, gewiß mit Recht, daß er nicht ist, wie sein Weib." Solche Energie, mit Weisheit gepaart, wie sie Frau Liebe ihrem Rabbi gegenüber bekundet, findet sich nicht oft. An Energie und Selbstbewußtsein fehlte es wohl selten einer Rabbinerin — der alten Zeit. Als Gattin des Ersten in der Gemeinde, der das Recht hat, das Wort Gottes zu lehren und im Namen Gottes die Sünden des Volkes mit aller Schärfe zu geißeln, fühlte sie sich als erste Frau in der Gemeinde, das umsomehr, als sie den Alaun, dessen unbestrittene Domäne die Kanzel ist, auch gar oft — abkanzelt und ihm den Text liest, den sie weder aus der Bibel, noch aus Talmud und Midrasch sich holt! Und wenn sie auch dritten Personen gegenüber nicht von ihrem „Manne", sondern in tiefster Reverenz von km „Rebbe" spricht, so schrumpft innerhalb der vier Mauern diese Größe gar klüglich zusammen. Denn, wie es für den Kammerdiener bekanntlich keinen großen Mann gibt, so gibt es noch viel weniger einen solchen für die Rabbinerin. Was Wunder, daß sie auch unter den Frauen den ersten Rang prätendirte, was nicht immer, und auch nur widerwillig zugestanden wurde. Dazu kam, daß sie im Bewußtsein ihrer Würde auch äußerlich „standesgemäß" erscheinen und in der Toilette mit den reichsten und vornehmsten Damen den Wettkampf aufnehmen wollte, was natürlich das Budget des Rabbiners verhältnißmäßig schwer belastete und zum Schuldenmachen führte, wodurch der Kredit und das Ansehen des Rabbiners untergraben wurde, hauptsächlich aber den Neid und die Mißgunst der Frauen weckte. „Die Rebbezen hat schon wieder ein neues K eid! Und der teuere Hut mit den „schreienden" Blumen! Wie können „wir" das aushalten? Unsere Männer müssen arbeiten und sich Plagen, damit sie sich aufputze und uns in den Schatten stelle! Schickt sich das für eine Rebbezen?" Solche Bemerkungen während des Sabbath- Gottesdienstes mehr oder minder laut unter einander ausgetauscht, waren nicht geeignet, Stimmung für den Rabbiner zu machen, der doch unter diesem Wettkamps, den zu verhindern er nicht die Macht hat, am meisten gelitten hat. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Es geht uns das erste Heft des „Jüdischen Studenten", der Vierteljahresschrift der Vereine Jüdischer Studenten (im B. I. C.) zu. Wie aus dem Geleitwort hervorgeht, beabsichtigt sie, die produktiven Geister des in der jüdischen Studentenschaft Deutschlands eine so hervorragende Rolle spielenden Bundes Jüdischer Korporationen, welche zum Teil schon heute zu den hervorragendsten Vertretern der jüdischen Schriftstellerwelt gehören, unter gemeinsamer Flagge zu gemeinsamer Tätigkeit zu einen. Die Zeitschrift, an welcher also nur Vereine jüdischer Studierender Mitarbeiten werden, will, weit entfernt von jeder Propagierung irgend einer Tendenz, in wissenschaftlichen und sachlichen Aufsätzen in erster Linie die das moderne jüdische Leben bewegenden Fragen erörtern, doch soll auch das literarische belletristische Element nicht vernachläffigt werden. Zu den jüdischen Tagesfragen wird sie nicht Stellung nehmen, oder nur insofern, als wissenschaftliche Prinzipien dabei in Frage kommen. Das uns jetzt vorliegende Heft (38 Seiten) enthält eine Reihe hochinteressanter Artikel. An der Spitze steht eine philosophische Studie des Herausgebers Dr. Emil Cohn, in welcher, so viel wir wissen, zum erstenmale eine psychologisch-entwicklungsgeschichtliche Analyse des nationalen Bewußtseins versucht wird. Es folgen interessante Beiträge von Arnold Kutzinski (zur jüdischen Rassenfrage), Fritz Schnürer (Kahal, Chewra und der jüdische Arbeiterbund), Martin Friedländer (Gedichte), Eugen Mayer (Kritik Heijermans'scher Werke), schließlich eine umfangreiche historischstatistische Tabelle über die Juden in Rumänien, ebenfalls von dem Herausgeber. Das zweite Heft, das im Juni erscheint, verspricht unter anderem einen Aufsatz von Dr. Theodor Zlocisti, sowie eine nationalökonomische Arbeit über das Jüdische Proletariat in England und Amerika. Die Vierteljahresschrift erscheint in Kommission des „Jüdischen Verlages, Berlin, Großbeerenstraße 75. Ter außerordentlich billige Abonnementspreis beträgt jährlich Mark 2.—. Preis des Einzelheftes Mark 0*50.

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