Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 306 Dr. Mocb's Mlocbenscbrm. Nr. 19 Karlsbad einführen will, befördert wird. Besser wäre es freilich, wenn nach derartigen Umständen der polizeiliche Apparat unserer Stadt einer gründlichen Revision unterzogen wird, und daß, wie in anderen Städten, polizeiliche Bestrafungen und Berfügungcn in Zukunft ausschließlich von einer Person vorgcnommen werden, die eine vollständige juridische Ausbildung genossen hat. Es ist eine alte Erfahrung im Polizeiwesen, daß Beamte für Untersuchungen ganz wohl geeignet sein können; allein zur Fällung von Urteilen, Verfügungen und Entschließungen juridischen Charakters ist besonders in einer Stadt, wie sie Karlsbad ist, nur ein absolvierter Jurist besser geeignet. Daß ein Junge, der aus Versehen den Kops zerstochen erhält, daß er ihm zugenäht werden muß, noch dafür bestraft wird, steht in den Annalen der Justiz einzig da, und es wäre schon deshalb empfehlenswert gewesen, daß die Polizeibehörde in dieser Sache genauer vorgegangen wäre, nachdem der Vater des jugendlichen Täters einen amtlichen Charakter hat, der ihn mit der Polizei in häufige Verbindung bringt. Oderberg. Es wird von den russischen Sektyrern und von der Vorliebe mancher Sekten zum Alten Testament so oft gesprochen, daß es für die geschätzten Leser der „Oesterr. Wochenschrift" nicht ohne Interesse sein dürfte, von der Existenz einer ähnlichen Geheimsekte in unserem Reiche in Kenntnis gesetzt zu werden. Im letzten Dezennium hat sich unter der polnischen Arbeiterschaft und unter der Intelligenz Schlesiens eine Geheimsekte gebildet, welche dadurch interessant ist, daß, trotzdem sie von inniger Religiosität erfüllt, dennoch der katholischen und protestantischen Kirche feindlich gegenüberstehe. Deren Anhänger werden auch von der Geistlichkeit beider Kirchen aufs äußerste verfolgt, von den Kanzeln als Ketzer verdammt und ist den Gläubigen jeder Umgang mit ihnen aufs strengste untersagt. Mit desto größerer Liebe und Verehrung sprechen sie vom Alten Testamente und einige Intelligentere dieser Geheimsekte studieren die Bibel im Urtexte und haben mir gegenüber den Wunsch geäußert, sobald sie sich größere Kenntnis im Hebräischen ängeeignet haben, wären sie geneigt, öffentlich zum Judentume überzutreten. Auf meine Einwendung, dem Geiste des Judentums liege die Proselytenmacherei ferne, erhielt ich zur Antwort, die Vertreter der Religion der Liebe haben beim Direktor einer Fabrik die Entlassung einiger Arbeiter nur aus diesem Grunde gefordert, weil die feine Spürnase einiger katholischer Geistlicher sie verdächtigte, sie hielten mit der Geheimsekte gemeinsame Sache. Die christliche Kirche stelle den Gott des Alten Testamentes fälschlich als einen Rachegott dar, die Vertreter der Religion der Liebe wären in ihrem Leben und Wirken ungeeignete Zeugen für religiöse Wahrheiten. Benjamin Silberschütz. Klattau. Bekanntlich sind die Verhältnisse der israelitischen Lehrer und Religionslehrer in Böhmen nicht überall beneidenswert, insbesondere ist die Zukunft trist. Man sollte mit der liebevollen Tochter sagen: „Muttchen, du darfft nicht alt werden!" Der Pensionsfond ist trotz der Jahre seines Bestandes, der hohen Zahlung, die der Lehrer dazu leistet, noch jung, schwach und klein und erhält der Pensionsberechtigte heute nach den statistischen Ausweisen nach 40jähr. Dienstzeit eine Pension von 40'''V von dem Maximalbezug per 600 Gulden, das ist 240 Gulden oder um es respektvoller zu gestalten, 480 Kronen, macht monatlich 20 Gulden 40 Kronen. Dieser Betrag reicht ja kaum für ein halbwegs anständiges Quartier. Da bleibt fürs Leben — noch so einfach und schlecht — eine große, große Null. Es gibt in Böhmen mehrere ehrenwerte Gemeinden, die aus eigenen Mitteln die Pension ihrer gewesenen Lehrer und Erzieher ihrer Kinder auf 1200 Kronen ergänzen; aber viele, viele dieser Korporationen tun dies eben nicht; einerseits, weil es ihnen an Mitteln fehlt, andererseits — aus Engherzigkeit. „Wir haben auch kein Pension", hört man solche Größen sagen, „und warum spart denn der Lehrer nicht?" Mein Gott! wovon sollen denn die meisten israelitischen Lehrer auf dem flachen Lande sparen? Es reicht ja ihr Einkommen kaum dazu, um die Familie anständig zu kleiden, um ihr die nötige Nahrung zu verschaffen, um die Kinder unterrichten zu lassen. Wenn der Lehrer der Schule entwachsen, wenn seine Kräfte zu schwinden beginnen, wenn die Folgen des Alters sich einstellen, was soll er — die ausgedrückte Zitrone — anfangen? Zu einem ernährenden Geschäfte reichen die Barmittel nicht hin,- denn gewöhnlich hat er nichts, auch mangeln die Kenntnisse zu einem Gewerbe, was also tun? Es bleibt nur eines — und dies bleibe unausgesprochen!-Obgleich die hochachtbare Gemeinde Klattau ein ziemlich hohes Jahresbudget hat — eine Rabbinerswitwenpension und einen Ruhegehalt für den dienstunfähig gewordenen Gemeindediener zahlt — trägt sie doch jährlich einen gewissen Betrag zum Pensionsfonde der israelitischen Lehrer in Böhmen bei, die bestehenden Vereine leisten gleichfalls, wie in den früheren Nummern dieses geschätzten Blattes veröffentlicht wurde, ihr Scherflein; außerdem wird bei freudigen und traurigen Anlässen für diesen Fond gesammelt — trotz alldem hat sich in jüngster Zeit daselbst ein Damenkomitee gebildet, mit der Aufgabe, den Pensionsfond zu fördern. Wie ernst dieses Damenkomitee seine edle Aufgabe nimmt, geht daraus hervor, daß es bereits 69 Mitglieder geworben und einen ziemlich hohen Betrag an die Pensionskasse abgeliefert hat. An der Spitze dieser Damenkomitees steht Frau Jenny Brummel; das liebenswürdige Fräulein Gretel Brummel unterzog sich der Mühe, die einzelnen Kronen einzusammeln. Darum: Klattau's israelitische Damen hoch! —a.— Serajewo. Für die Landeshauptstadt und ihre Bevölkerung war der gestrige Tag ein Festtag im vollsten Sinne des Wortes. Die trüben Regenwolken, welche in den letzten Tagen den Himmel verhängten, hatten sich verzogen und so lachte die Frühlingssonne über den bunten Farben der zahllosen Fahnen und Flaggen, mit denen die Landeshauptstadt den obersten Chef der Verwaltung dieser Länder bei seinem Einzuge begrüßte. In den Straßen, durch welche der Einzug erfolgte, drängte sich die Bevölkerung, alle Klassen und Schichten sah man hier vertreten: ganz Serajewo war auf den Beinen, um Zeuge der Ankunft Seiner Exzellenz des gemeinsamen Finanzministers Baron Burian zu sein und ihm, dem Seine Majestät der Kaiser und König die oberste Verwaltung dieser Länder anvertraut, ihre Sympathie und Verehrung zum Ausdruck zu bringen. Um 10 Uhr vormittags empfing Seine Exzellenz in Anwesenheit Ihrer Exzellenzen des Herrn kommandierenden Generals und Landeschefs FZM. Baron Albori und des Ziviladlatus Baron Kutschera Deputationen. Unter diesen befand sich auch eine Deputation der österreichisch-ungarischen israelitischen Kultusgemeinde unter Führung des Herrn Rabbiners Dr. Weszel und des Präsidenten Dr. Roth köpf. Herr Dr. Weszel hielt an Seine Exzellenz eine Ansprache, in welcher er um Schutz und Förderung der Interessen der Gemeinde bat und das brüderliche Einvernehmen unter den Bekennern aller Konfessionen betonte. Seine Exzellenz erklärte, unter dem Szepter Seiner Majestät unseres allergnädigsten Herrschers sei die unparteiische schützende Förderung aller Religionen eine selbstverständliche Sache, auch die österreichisch-ungarische israelitische Gemeinde könne auf die gleiche Behandlung rechnen, wie alle übrigen Konfessionen. Berlin. Der bekannte deutsch-amerikanische Tagesschriststeller und ehemalige deutsch-amerikanische Theaterdirektor Max Mansfeld erzählte jüngst im Architektenhause allerhand aus seinen reichen Erinnerungen und Erfahrungen. Er brachte eine Stunde lang in fesselndem freien Vortrage, vom Hundertsten ins Tausendste gehend, Anekdotisches und Allgemeines vor aus der Politik, der Kunst, dem öffentlichen und häuslichen Leben von jenseits des großen Wassers. Hiebei kam er auch auf die dortigen Theaterverhältnisse zu sprechen und bemerkte u. a.: Das einzige Element, welches das Theater heutzutage unterstütze, seien die Israeliten. Ein Graf Pückler wäre in Nordamerika unmöglich. Rektor Ahlwardt hatte es einmal versucht, dort festen Fuß zu fassen, allein er sei nicht lange dort geblieben. Das Judentum in Amerika steht in hohem Ansehen. Roosevelt selbst ist ein großer Judenfreund, sein Privatsekretär ist Jude, viele Juden befinden sich in hohen Richterstellungen und während des Bürgerkrieges haben es die Juden bis zu Generälen gebracht. Während der letzten 4—5 Jahre sind mehrere jüdische Zeitungen entstanden, von denen jede eine bedeutende Auflage hat.