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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-05-06 · 19 (6.5.1904) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
19 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Ar. 19 Dr. Blocb’s TKHocbenscbrtft. Seite 307 Ein Geheimerlaß des Herrn Lopnchin. Die christlichen Ostern sind für die russischen Juden glücklich vorüber, ohne daß der Ansiedelungsrayon mit dem Blute schuldloser Juden befleckt worden wäre. Jüdische Frauen und Mädchen sind nicht vergewaltigt worden und das jüdische Hab und Gut ist nicht unter den Schutz von Polizisten und Soldaten am hellen, lichten Tag geplündert und zerstört worden. Und dennoch hatte man in diesem Jahre weit mehr Grund als im vorigen Jahre, Krawalle zu befürchten Die aufhetzerischen Artikel der Menschikows und Stolipins, das wahnsinnige Geheul der „Snamja", sowie die Umtriebe einer ganzen wohlorganisierten Bande Verruchter, welche die unglaublichsten Anstrengungen machten, um an verschiedenen Orten Krawalle zu organisieren, haben die Masse der Unwissenden und Halbblöden,- welche die Träger eines jeden Judenkrawalls bilden, reichlich mit Elektrizität geladen. Kurz, die Judenkrawalle schwirrten in der Lust, namentlich als im gesamten Ansiedelungsrayon Gerüchte in Umlauf gesetzt wurden, die Juden sammeln für die Japaner Geld, schenken ihnen Panzerschiffe u. s. w. Und dennoch gab es diesmal nirgends einen Krawall. Ist ein Wunder geschehen, durch welches die ausgehetzte, aus einen grausamen Spaß mit den Juden erpichte Menge über Nacht in lammfromme friedliche Bürger verwandelt wurde? In der Wirklichkeit ist gar kein Wunder passiert und der Vorfall läßt sich ganz einfach durch das folgende, vom Polizei- Departement des Ministeriums des Innern sämtlichen Gouverneuren des Ansiedelungsrayons zugestellte, streng vertrauliche Zirkulär vom 16. März erklären. Dasselbe lautet: „Laut in dem Polizei-Departement einlaufenden Meldungen herrscht in Orten mit größerer jüdischer Bevölkerung ein scharfer Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden. Infolge dessen habe ich die Ehre, Euere Exzellenz zu ersuchen, alle Vorkehrungen zu treffen, um die auf Grund dieser Feindschaft entstehenden Unruhen im Keime zu ersticken. Jede Vergewaltigung des einen Teiles der Bevölkerung durch den anderen werde ich als Beweis mangelhafter oder unzweckmäßiger Ausführung der gewünschten Vorbeugungsmaßregeln anseh en." Man sieht, Herr Lopuchin kennt die Art, mit Gouverneuren umzugehen. Wenige Zeilen, hätten im vorigen Jahre genügt, um von Kischenew die blutige Tragödie abzuwenden. Aber Herr v. Plehwe hat diese Zeilen nicht geschrieben. Er tat es selbst dann nicht, als die Ereignisse von Kischenew in der gesamten Kulturwelt einen entrüsteten Widerhall fanden. Dazu war es erforderlich, daß Rußland in einen schweren Krieg verwickelt wurde. Bukarest. Am 23. d. M. starb in Bukarest der letzte und hervorragendste Sproß einer durch zwei Generationen bestandenen Kantorenfamilie, der berühmte Oberkantor der dortigen Kultusgemeinde Gerson Weiß. Derselbe war 1836 als der zweitälteste Sohn des damals in Miskolcz als Kantor der dortigen Orthodoxgemeinde funktionierenden Mayer Weiß geboren und zählte zu den hervorragendsten Vertretern seines Faches, lieber das Leichenbegängnis wird gemeldet: Der Sarg wurde in den Tempel getragen, der vollständig schwarz ausgeschlagen war. Anwesend -waren: Sämtliche Rabbiner der Hauptstadt, alle Vereine, die gesamte israelitische Elite, die israelitischen Schulkinder mit ihren Fahnen. Die Trauerrede hielt Herr Doktor- Beck rumänisch; er beschrieb den Lebenslauf des verewigten Oberkantors, besprach seine 38jährige Tätigkeit in dieser Gemeinde, erinnerte an die solenne Feier seines 25jährigen Amtsjubiläums und erwähnte, daß Weiß der würdige Nachfolger der großen Sutzer und Levandovski war. Zuletzt richtete Dr. Beck, in deutscher Sprache sortfahrend, Worte des Trostes an die Gattin, die Kinder und die Familie des Verewigten. Der Chor der Kantoren sang hieraus einen Trauer-Choral, worauf Herr Dr. Adolf Stern in seiner Eigenschaft als Ge¬ 1 meindepräses in ergreifender Weise sprach. Nach Beendigung des Trauergottesdienstes trugen die Mitglieder des heiligen Beerdigungs-Vereines den entseelten Körper aus Händen bis zum Leichenwagen, der mit 4 Rappen bespannt war. Die angesammelte Menschenmenge war so zahlreich, so daß der gesamte Verkehr in der Tempelstraße vollständig stockte. Während des Leichenbegängnisses waren sämtliche jüdische, aber auch ein großer Teil der christlichen Geschäfte gesperrt. In allen Gassen wurden Photographien des Verstorbenen, die reißenden Absatz fanden, seilgeboten. Auch in der evangelischen Schule wurde über sein Wirken und Walten den Schülern Vortrag gehalten. Die hiesige Judenschast beschloß, unter sich eine Sammlung zu veranstalten und dem geliebten Todten ein großartiges Denkmal zu setzen. Das Geld, das nach Bestreitung der Kosten übrig bleibt, soll für die Gründung einer Wohltätigkeitsstiftung verwendet werden, welche den Namen „Gerson Weiß" tragen wird. H* ‘i* * Das „B u k ar e st e r T a g b l a t t" vom 28. April 1904 enthält folgende Zuschrift: Unsere Abonnentin Frau Frederike Baum, welche als Nachbarin des verewigten Oberkantors des hiesigen Choraltempels, Gerson Weiß, in der Lage ist, über dessen Lebenswandel Genaues zu wissen, sendet uns folgende Zeilen, welche in ihrer Einfachheit ergreifend zu lesen sind: „Wenn ein wahrer Woltäter stirbt, so hört man erst nach seinem Tode von seinem Wirken und Taten. Ich wohnte in unmittelbarer Nähe des Verstorbenen und bin schon jahrelang mit der Familie, die ich hoch schätze, innig befreundet und hatte keine Ahnung, daß der Herr Weiß, dieser einfache schlichte Mann, der niemals ein Wort erwähnte, ein so großer Philanthrop sei. Schon Samstag, als sich in der Stadt das Gerücht verbreitete, Herr Oberkantor Weiß liege im Sterben, war ich ganz erstaunt, wie viele Menschen mit ängstlichen verstörten Mienen zur Familie Weiß kamen, um nachzusragen, ob sich das Gerücht bewahrheite. Während ich den letzten Sonntag bei der trauernden Familie saß, hörte ich eine Frau schluchzend erzählen: Sie sei vorigen Jahres Herrn Weiß auf der Straße begegnet und hätte ihm geklagt, ihr Mann sei soeben gestorben und fie mit ihrem Kinde sei hilflos ohne einen Centime geblieben. Sofort gab ihr Herr Weiß 20 Frcs. und versprach, für das Begräbnis und für sie weiter zu sorgen, was er auch getreulich hielt. Ein gut gekleideter Herr erzählte: Was Herr Weiß mir getan, werde ich ihm nie vergessen. Ich kam vor Jahren mit meiner Frau und meinen Kindern aus Ungarn nach Bukarest, um hier eine Stellung zu suchen. Ich wohnte im Hotel und da ich keinen Posten finden konnte, waren meine Hilfsmittel bald erschöpft und ich und meine Familie waren der bittersten Not preisgegeben. In meiner Verzweiflung wandte ich mich an Herrn Oberkantor Weiß und nicht vergebens. Schon den nächsten Tag kam er zu mir ins Hotel, bezahlte für mich 100 Frcs. Hotelschulden. Außerdem gab er mir für mich und meine Familie Reisegeld nach B. und eine Empfehlung an ein Haus, wo ich Stellung fand. Meine Existenz war gerettet. Noch viele ähnliche Geschichten erzählten mir Bekannte. Unzählige Arme standen im Hofe und auf der Straße, welche weinten und klagten. Wer wird uns jetzt den Hauszins zahlen? Wer wird uns unterstützen? Ich war ganz verblüfft! Ich wußte ganz genau, daß Herr Weiß nicht über solche reichliche Mittel verfügte, um so Vielen Unterstützung angedeihen zu lassen. Doch ich erfuhr bald, daß da, wo seine eigenen Mittel nicht reichten, er Kollekten veranstaltete, weder Regen noch Schnee, noch Sonnenbrand scheute, seine Freunde und Bekannten aussuchte und für die Armen sammelte. Und jeder gab ihm gerne und reichlich, wußte man doch, daß er das Geld für gute Zwecke verwende.

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