Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Blocb’s MocbenscbrM. Sette 305 waltendes Blindeninstitut, 2,000.000 K aber für ein Lehrer- Pensionsinstitut. Beide Institute dienen zur Hälfte für Angehörige der israelitischen, zur anderen Hälfte der übrigen Konfessionen. Alexander v. Hatvany-Deutsch hat zum Andenken seiner Mutter und Gattin 200.000 K für eine besondere Frauenabteilung im Spital der Kultusgemeinde gespendet. Mit lebhaften Eljenrufen auf den Präsidenten schloß die Versammlung. Prag. (Die P a l ä st i n a - A u s st e l l u n g.) Ende dieser Woche wird im Prunksaale des „Hotel Central", Hybernergasse, die Ausstellung von Erzeugnissen aus den jüdischen Dörfern in Palästina, welche im März und April in Wien gewesen ist, eröffnet werden. Wie in Wien, haben sich auch in Prag die angesehensten Mitglieder des Kultusvorstandes, der beiden Logen, sowie des Volksvereines an die Spitze der Ausstellung gestellt. Ein Ehrendamen-Komitee ist ebenfalls in der Gründung begriffen. Bei dem außerordentlichen Interesse, das nicht nur in Prag, sondern auch in ganz Böhmen den jüdischen und speziell den palästinensischen Fragen entgegengebracht wird, dürfte auch dort ein Erfolg zu erwarten sein. Auch diese Ausstellung wird von der Kommandit-Gesellschast „Karmel", Wien, veranstaltet, deren Leiter auch in Prag derselben persönlich vorstehen wird. Prag. Der israelitische Nächstenliebeverein hielt kürzlich unter dem Vorsitze seines Direktors, Herrn Dr. Ludwig Bendiener seine Generalversammlung ab, in welcher zunächst des so früh dahingeschiedenen verdienstvollen Vorstandsmitgliedes Dr. Ferdinand Eger gedacht und der Trauer um diesen Verlust Ausdruck gegeben wurde. Der Vorsitzende teilte weiter mit, daß der unermüdliche Kassier Herr Moritz Austerlitz vor kurzem das 70. Geburtsfest begangen und sich in bescheidener Weise der Feier dieses Tages entzogen hat, und drückte ihm unter großem Beifall die herzlichsten Glückwünsche aus. Dem von Dr. Julius Duschenes vorgetragenen Geschäftsberichte und von Herrn Alfred Bvndy zur Verlesung gebrachten "Berichte der Revisoren entnehmen wir, daß im Jahre 1903 die Einnahmen an Spenden in Barem X 13.028 20, an Werteffekten K 8400, an Jahresbeiträgen K 5104 70, an Interessen X 15.503 18 u. s. w. betragen haben, daß dagegen an Unterstützungen an 1013 Personen in Gaben von X 10 bis X 240 X 32.384, für religiöse Funktionen X 1393°18, für unverzinsliche Darlehen X 760, für Gehalte und Pensionen X 1700 u. s. w. verausgabt wurden. Es wurde hervorgehoben, daß es stets das Streben der Vereinsheitung war, die Spenden und Beiträge der gegenwärtigen Generation zuteil werden zu lassen und keineswegs einzusammeln und nur dort, wo die Widmung ausdrücklich dem Fonde lautet, findet ein Vermögenszuwachs statt. Von hervorragenden Spenden wurden konstatiert das Legat der Frau Therese Lieben per X 8000, der Hinterbliebenen nach Frau Therese Lichtenstadt, des Herrn Michel Benies, des Herrn Oskar Bondy von je X 1000, des Herrn kais. Rates Haurowitz per X 840, das Legat des Herrn Ignatz Schleißmann per X 800 u. s. w. Das Vereinsvermögen schließt mit einem Vermögensstande von X 374.735'64, wovon disponibel erscheint der Betrag per X 12.000°88, während das Uebrige dem Fonde angehört. Herr M. Schick beantragte unter großem Beifall, dem Vorstande und seinem Direktor für die bewährte Leitung des Wohltätigkeitsvereines den wärmsten Dank auszudrücken. Der Vorsitzende bemerkte hierauf, daß durch die gegenwärtig in der Kultusgemeinde Prag angebahnte Reorganisation der Armenpflege ein wesentlicher Fortschritt auf diesem wichtigen Gebiete eingeleitet sei und daß der Vorstand des Nächstenliebevereines dies freudigst begrüßt und nach wie vor bestrebt sein wird, der Tendenz, verschämten Armen Hilfe zu bringen und deren Existenz zu festigen, auch weiter zu huldigen. Bei den hierauf vorgenommenen Ergänznngswahlen wurden in den Vorstand die bisherigen Mitglieder: Moritz Austerlitz, Dr. Bendiener, Adolf Hahn, Siegfried Liebers und Dr. Karl Saar wieder- und Heinrich Schulhof neugewählt, und ebenso die bisherigen Revisoren Alfred Bondy und S. Kohn wieder¬ und David Troller neugewählt. Karlsbad. (Ein antisemitisches Kaffeehaus in Karlsbad.) Der Besitzer des Casv Sanssouci erhielt nachstehendes vom 2. Mai 1904 datiertes Schreiben: „An den Herrn Inhaber der Cafe-Restauration Sanssouci in Karlsbad! Ich bedauere, erst nach 13 Tagen von mehreren Seiten erfahren zu haben, daß Sie Antisemit sind, und da ich Jude bin, widerstrebt es mir, mein Geld an Feinde meiner Glaubensgenossen zu verschwenden. Sie haben bei Gelegenheit des Lertausches meines Ueberziehers in Ihrem Lokale sehr viel Teilnahme gezeigt, offenbar hielten Sie mich nicht für einen Juden. Es wird mich sehr freuen, wenn auch andere Juden Ihr Lokale meiden werden Ein jüdischer Kurgast, den Fräulein Fanny bediente." Karlsbad. Das „Karlsbader Tagblatt" schreibt unter dem Schlagwort: K i s ch e n e w e r Rechtspflege. Ein Rechtsvorfall aus unserer Stadt gelangte heute zu unserer Kenntnis, der nicht nur bei Laien, sondern auch bei alten erfahrenen Juristen Kopfschütteln erregt. Der Vorfall verhält sich folgendermaßen: Es ist eine leider genügend bekannte Tatsache, daß in unserer Stadt Knaben israelitischer Konfession häufig durch Beschimpfungen zu leiden haben, die darin bestehen, daß ihnen andere Knaben auf der Straße die Worte „Jud", „stinketer Jud" nachzurufen pflegen. Größere israelitische Knaben pflegen sich diese Beschimpfungen nicht gefallen zu lassen und so kommt es zuweilen zu Schlägereien zwischen den Schimpfern und Beschimpften. Der Fischerner Knabe Franz Joseph D. pflegt nun in dieser Beziehung etwas weiter zu gehen, als die anderen, denn, wie wir eventuell erweisen könnten, zog derselbe, wenn sich israelitische Knaben diese Beschimpfungen nicht gefallen lassen wollten, schon ein oder zwei mal aus der Brusttasche ein Messer hervor, um dasselbe zu gebrauchen. Am 16. d. M. gingen nun mehrere Knaben israelitischer Konfession, und zwar die Bürgerschüler William Kohn, Ernst Kohn und Weiß in der Kaiser Franz Josephs-Straße ruhig spazieren, als D. mit einem großen Burschen des Weges kam und sie wie gewöhnlich zu beschimpfen begann. Den Knaben Ernst Kohn, einen sonst ruhigen, gesitteten Burschen, kränkte diese Beschimpfung so sehr, daß er dem D. eine Ohrfeige gab. Dieser griff sofort wieder in die Brusttasche, riß, wie bei früheren Gelegenheiten, etwas daraus hervor und stach damit nach Ernst Kohn. Dieser bückte sich jedoch rasch und D. stieß den unbedingt scharfen Gegenstand dem unbeteiligten Knaben namens William Kohn derart unglücklich zwischen Auge und Schläfe, daß demselben eine drei Zentimeter lange und einen halben Zentimeter tiefe Schnittwunde zugefügt wurde. Sein Vater, der ihn mit der beängstigend aussehenden, klaffenden Wunde traf, brachte ihn zu Herrn M.-Dr. Sigm. Landsmann, der beinahe eine Stunde damit verbrachte, die Wunde zu vernähen und zu verbinden. Nachdem William Kohn durch 8 Tage einen vollkommenen Verband am Kopfe trug, der seinen Besuch in der Schule verhinderte und förmliches Aussehen auf der Straße erregte, ist er nun so weit hergestellt, daß er lediglich einen Jodoformverband benötigt. Von diesem Vorfall hat nun die hiesige Polizei Kenntnis erlangt, und in Verbindung damit haben wir einen ganz merkwürdigen Vorgang zu berichten. Anstatt daß dieser Vorfall ordnungsgemäß an das k. k. Bezirksgericht zur Untersuchung geleitet worden wäre, da hier ohne allen Zweifel eine Verletzung des >; 411 St.-G. vorliegt, nach welchem bereits 10jährige Knaben wegen derartigen Uebertretungen bestraft werden können, wurden der starkverletzte Knabe William Kohn, der nur durch eine himmlische Fügung sein Gehirn und Auge nicht verletzt hat, der zweite Knabe jüdischer Konfession Ernst Kohn, der Sohn einer Witwe, und der dritte unbeteiligte Knabe Karl Weiß von der Polizei bei der Schule zur Bestrafung angezeigt, und die Eltern wurden verständigt, daß ihre Kinder eine „dreier Klaffe" aus Sitten erhalten. Keine gerichtliche oder andere Untersuchung, keine Einvernahme weder der Knaben noch deren Eltern bei Gericht fand statt, noch wurde der Arzt einvernommen. Der Herr im Polizeiamt hat alles für das k. k. Bezirksgericht und für die Zeugen glatt erledigt, es bedurfte weiter gar keiner Einmischung, — die drei Judenbuben sind bestraft, das Gewissen des Herrn Polizeibeamten beruhigt und — die Kischenewer Justiz ist ausgeübt. Es fehlt nun nichts weiter, als daß der Herr Beamte, der diese Art Justiz in