Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr Dlocb's Mocbenscbrttl. Seite 303 ferner einen Vorschlag zur Regelung der Kultussteuer auf Grund der freiwilligen Angabe des Einkommensteuerbekenntnisses. Weiters sind wir unermüdlich für die Schaffung einer jüdischen Gesamtorganisation nach dem Vorbild, das unsere reichsdeutschen Glaubensgenossen bieten, eingetreten. Gerade jetzt kommt die Nachricht aus Berlin, daß dort am 25. d. M. die Delegierten aller großen jüdischen Organisationen, des „Gemeindebundes",des „Hilfsvereines der deutschen Juden", des „Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" re. einen „Verband der deutschen Juden" geschaffen haben, welcher in allen Politischen und wirtschaftlichen Fragen als oberste Gesamtvertretung der deutschen Judenschaft zu fungieren hat. Eine ähnliche Organisation ist in Oesterreich mehr noch als im Deutschen Reiche ein Gebot absoluter Notwendigkeit. Die „Union" hat diesen Gedanken von jeher verfochten, und wir werden weiter bemüht bleiben, die Widerstände, welche sich bisher der Verwirklichung dieses Planes entgegenstellten, zu beheben. Der „Unionkalender", dessen schematischer Teil durch die Aufnahme der zionistischen Organisationen bereichert wurde, hat ein Erträgnis von K 2600 13, somit um K 255*58 mehr als im Vorjahre ergeben. Die Klage, daß bei tausend Exemplare unbezahlt geblieben sind, muß auch heuer wie alljährlich wiederholt werden. Zum Schlüsse sagen wir innigsten Dank allen Jenen, welche durch Rat und Tat die Rechtsschutzbestrebungen der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" unterstützt haben, namentlich den jüdischen Abgeordneten, ferner den Anwälten, Beiräten und Vertrauensmännern, die in vielfach uneigennütziger Weise ihre Kräfte. in den Dienst unseres gemeinnützigen Werkes gestellt haben. Geehrte Generalversammlung! Nicht rasten und nicht rosten — das muß auch in Zukunft unsere Devise bleiben! Wenn auch die blutrünstige Judenhatz nach Schneider'schem Muster ihre Zugkraft auf die Massen allmählich einzubüßen beginnt und das Geschäft der Ritualmordfabrikation langsam in Mißkredit kommt, so droht uns doch aus der immer weiter um sich greifenden wirtschaftlichen und socialen Ausschließung eine weitaus ernstere Gefahr, als sie ' der lärmende Radauantisemitismus bedeutete. Der Boykott ist allerdings strafgesetzlich verpönt, aber in praxi wird er jetzt nicht nur wie bisher gegen die jüdischen Hausierer, Agenten, Gewerbetreibenden und Kaufleute, sondern auch schon gegen die jüdischen Aerzte, Advokaten, Lehrer und Techniker geübt. Mehr und mehr müssen wir darum den Rechtsschutz auch auf das wirtschafts-politische Gebiet ausdehnen und für unsere Glaubensgenossen das primitivste Recht, das Recht zu leben, verteidigen. Und zwar müssen wir, um unsere diessälligen Interessen zu schützen, nicht nur uns in den zahlreichen einzelnen konkreten Fällen zur Wehre setzen, sondern unsere ganze Aufmerksamkeit auch gewissen allgemeinen Angelegenheiten zuwenden. So gehört hierher eine Frage, welche für die Juden von höchstem Interesse ist, die Frage, ob der Handel und die Etablierung in demselben freibleiben soll; die Frage, wie die Gefahr abzuwenden, daß dem Geschrei der Christlich-Sozialen nachgegeben und, wie im Gewerbe schon geschehen, so auch im Handel der zünftige Befähigungsnachweis eingeführt wird. Auch an der Handhabung der Steuergesetze haben die Juden, namentlich in Galizien, ein besonderes Interesse und es ist dringend notwendig, daß der Zusammensetzung der Steuerkommissionen eine größere Aufmerksamkeit gewidmet wird als bisher. Hier auf diesen und anderen ähnlichen Gebieten öffnet sich ein weites Feld ernster und praktischer Arbeit, zu der wir alle unsere Glaubensgenossen, mögen sie zu welcher Partei und Nationalität immer sich bekennen, aufrufen. Wir rufen fie hiezu umsomehr auf, je trostloser sich die Verhältnisse für den eigentlich politischen Kampf gestalten. Nahezu ganz find aus dem öffentlichen Leben die wirklichen politischen Bestrebungen, wie jene um die Ausgestaltung der fortschrittlichen Institutionen, um die wirklichen — materiellen und geistigen — Interessen der Bevölkerung u. s. w., hinter dem nationalen Rassenkampf zurückgetreten. Gewiß hat jeder einzelne Jude das Recht, sich deutsch oder czechisch zu fühlen; aber den Juden als Gesamtheit steht es am allerwenigsten zu, diese Rassenkämpfe zu fördern. Und speziell in Wien zeigen die jämmerlichen Vorgänge gerade während der gegenwärtigen Wahlbewegung, daß eine Partei, an welche wir Juden in Wien uns offiziell anschließen könnten — und auf einem anderen Wege ist für uns ein Erfolg ausgeschlossen — in der Gegenwart und vielleicht für lange Zeit kaum mehr besteht. Darum haben wir es auch in dem letzten Vereinsjahre nicht für opportun gehalten, aus der politischen Reserve, die wir schon seit einigen Jahren beobachten, hervorzutreten. Die Verteidigung unserer Rechte, die Bekämpfung jedes uns zugefügten Unrechtes, der Kainpf gegen jede versuchte Willkür bleibt nach wie vor der sichere Boden, aus dem fußend wir jener Zukunft entgegensetzen können und wollen, in der unsere materiellen und intellektuellen Kräfte in Staat und Gesellschaft wieder die Anerkennung und Geltung erreichen werden, die fie verdienen. Aber nur durch Einigkeit, durch Einigung zu gemeinsamer Tätigkeit aus diesem Felde können wir der Gefahr entgehen, wieder in die dumpfe Enge des Ghettos zurückgeschleudert zu werden, aus der uns Intelligenz, Bildungsdrang und Tatkraft befreit haben. Die Notwendigkeit solcher specisisch jüdischer Tätigkeit wird leider bestehen, solange jener der Hetze gegen die Juden so günstige Boden, der nationale Kamps, andauert, und insolange sind auch naturgemäß Organisationen, wie deren eine die „Union" darstellt, eine Notwendigkeit. Darum wollen wir auch im nächsten Vereinsjahre und noch weiter hinaus sortarbeiten zum Nutzen und zur Förderung aller Juden, innerhalb deren wir von unserem Standpunkte aus keine Parteiunterschiede kennen wollen. (Lebhafter Beifall.) An den Bericht knüpfte sich eine längere Debatte, in welcher Herr Dr. E h r e n t h e i l die Anregung gibt, daß der Rechenschaftsbericht, der einen überzeugenden Beweis für die rastlose und erfolgreiche Rechtsschutzarbeit des Vereines bilde, an alle Wiener Kultussteuerzahler versendet werde. Herr Ehrlich und Herr Max Markus urgierten neuerdings die Organisation der Bezirkskommissionen in Wien. Herr Bezirkrat Brill erklärt sich für eine regere Tätigkeit der „Union" in Wien, für die öftere Abhaltung von Versammlungen, für das Eingreifen des Vereines bei Wahlen und in gewerblichen Angelegenheiten. Herr Dr. L i f c z i s spricht sich gegen die Beteiligung der „Union" an politischen Wahlen aus. Auch die Herren Bernhard Markus und Zerkowitz sprechen für eine intensivere Agitation. Nachdem noch der Kassebericht zur Verlesung gebracht worden war, wurde dem Vorstande einstimmig das Absolutorium erteilt. Bei den hierauf vorgenommenen Vorstandswahlen wurden die ausgelosten Herren Professor Dr. S. Ehrmann, Julius Gr an i ch st ä d t en und Richard T e w e l e s wieder- und die Herren Dr. Mvriz Ascher und Kommerzialrat Eduard D o c t o r neugewählt. Zu Revisoren wurden neuerlich die Herren Albert Winterberg und Josef Fuchs bestellt. Zum Schlüsse gab noch Herr Dr. Zins eine Anregung in einer gewerblichen Angelegenheit. An der Diskussion hierüber beteiligten sich die Herren Dr. Schreiber, Z e r k o w i tz und O r n st e i n. * * * In der am 30. April d. I. stattgefundenen konstituierenden Sitzung des Vorstandes wurden Herr Siegmuud Mayer zum Präsidenten, Herr kaiserlicher Rat Wilhelm A n n i n g e r und Herr Dr. Moriz Ascher zu Vize- Präsidenten, Herr Julius G r a n i ch st ä d t e n und Herr Dr. Heinrich Schreiber zu Schriftführern und Herr Jakob Jaiteles zum Kassier gewählt.