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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-05-06 · 19 (6.5.1904) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
19 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 300 Dr. Dlocb's Mocbenscbrttt. Nr. 19 Vorstände der Kultusgemeinden in der Provinz die dringende Bitte ergeht, die Ziele und Zwecke des „Kaiserin Elisabeth Lehrmädchenhort" nach Kräften zu sördern, handelt es sich doch darum, jüdische Mädchen aus ärmsten Familien erwerbsfähig zu machen. Eduard Beer. Das Prinzip der Ethik. Von Dr. Adolf B i a ch, Rabbiner in Brüx. Die Ethik gehört zu jenen Disziplinen, die immer aufs neue von Philosophen und Theologen zum Gegenstände wissenschaftlicher Forschung gemacht werden. Schon im griechischen Altertumc strebte man darnach, ein allgemeines Prinzip für das „sittliche Sollen" zu finden. Der größie Teil der Philosophen, auch Plato und Aristoteles, bezeichneten den „Eudämonismus", „die Glückseligkeit", als das oberste Prinzip der Ethik. Auch im Mittelalter und in der neueren Zeit finden wir dasselbe Prinzip zumeist ausgesprochen. Erst durch den alles zermalmenden Kant wurde der Glückseligkeitstheorie ein harter Stoß versetzt und der „kategorische Imperativ" hielt triumphierend seinen Einzug. Daß in Bibel, Talmud und nachtalmudischer Literatur auf die Ethik ein Hauptgewicht gelegt wird, braucht Wohl nicht erst betont zu werden. Freilich wurde die Frage nach einem bestimmten Prinzipe nicht aufgeworfen. Mit großer Genugtuung muß es daher begrüßt werden, daß in neuester Zeit die Ethik des Judentums von hervorragenden Gelehrten auf philosophischem und jüdischtheologischem Gebiete behandelt wurde. Die Ethik des Judentums von dem unvergeßlichen Professor Lazarus s. A. hatte mit Recht allgemeines Aufiehen hervorgerufen; würdig darf diesem Werke zur Seite gestellt werden eine Schrift des Mannheimer Stadt- und Konferenz-Rabbiners Dr. M. Steckelmacher, betitelt: „Das Prinzip der Ethik vorn philosophischen Standpuntt aus betrachtet" *). Steckelmacher ist mit der Philosophie des Altertums, mit Plato und Aristoteles ebenso vertraut wie mit Spinoza, Kant, Spencer, Nietzsche, Paulsen, Jodl u. a. Es kann hier nicht meine Ausgabe sein, Steckelmacher's Arbeit einer eingehenden Analyse zu unterziehen; der Zweck vorliegender Zeilen ist vielmehr, die Aufmerksamkeit auf die Arbeit Steckelmacher's zu lenken, die wir als ein „Lickäusett haschem“ bezeichnen müssen. Mit Unerschrockenheit, aber zugleich mit feinem Takte zeigt Steckelmacher, wie man bei allen Untersuchungen über ethische Fragen das Judentum vornehm ignorierte oder vorurteilsvoll und voreingenommen beurteilte. So bemertt er gelegentlich einer Widerlegung des Positivisten Comte: „Ja, diese Loslösung von dem alten heiligen Stamme — der israelitischen Offenbarung — und dessen dadurch verursachtes Schwinden aus dem Gedächtnis war gerade innerhalb der christlichen Welt so radikal geworden, daß unter Religion schlechtweg nur noch die christliche verstanden wurde, und, als man philosophischerseits gewissen, besonders kranken Punkten des Christentums andere gesunde Ideen entgegenstellte, man damtt die Religion an sich glaubte aufs Haupt geschlagen zu haben, während man mit jenen anderen gesunden Ideen tatsächlich nur längst vergessene Lehrmeinungen des Judentums vortrug" (a. a. O. S. 248). Sehr treffend bemertt Steckelmacher gegen Wundt: Wenn Wundt die größte Energie in dem Ausdruck des Gedankens, „daß Gott die Gewissen prüft und daß nicht in der Werkheiligkett der Handlungen, sondern in der Reinheit der Gesinnung das Verdienst des sittlichen Lebens besteht", nur für die christliche Ethik in Anspruch nimmt, so hat er damtt das Judentum verkannt, das, wie nachgewiesen, bei allen seinen Geboten auf die intensivste Teilnahme des Herzens dringt" (a. a. O. S. 229 Anmerk. 1). Sehr treffend bemertt Steckelmacher zu der Anschauung Wundt's: „Ihr (der Furcht), die auch jüdische Gottesvorstellungen leitet, stellt die Lehre Christt das Motiv der Liebe entgegen, in dem sie das Verhältnis von Gott und Mensch dem des Vaters zum Kinde vergleicht".„E s *) Mainz 1904. Joh. Wirth'sche Hofbuchdruckerei. 255 Seiten. gibt für diese Ungerechtigkeiten offenbar nur eine Entschuldigung — die Ignoranz" (a. a. O. S. 230). Ebenso treffend sind Steckelmacher's Bemerkungen gegen Strauß (der alte und neue Glaube) (a. a. O. S. 162 f.) gegen Stade (a. a. O. S. 178), gegen Schürer und Holtzmann (a. a. O. S. 230) und viele andere. Klar und bündig zeigt Steckelmacher, daß die Gottesidee nicht gegen die Autonomie des Sittengesetzes spricht. „Blos legal wird aber dadurch mein Verhalten nicht werden, da das, was mir die Gottesidee kündet, von meinem eigenen Sollen mit voller Einstimmung ausgenommen wird" (a. a. O. S. 97). Als Prinzip der Ethik im Allgemeinen, das auch Prinzip der jüdischen Ethik sei, bezeichnet Steckelmacher „Lebenserhaltung und Lebensförderung, und zwar nicht nur im Hinblick auf das eigene Ich, sondern auch im Hinblick auf Andere." Wird man auch darüber streiten können, ob vorliegende Formel für das allgemeine Prinzip der Ethik richtiger sei als die Kant'sche, so tut dies dem herrlichen Werke Steckelmacher's durchaus keinen Eintrag; jede Seite beweist, daß vorliegendes Werk eine Frucht langjährigen Studiums ist. Das „Vaterunser". Die Zeitung „Astenposten" in Christiania veröffentlicht in ihrer Nr. 186 nachstehende Einsendung: „Herr Redakteur! Nach einem Referat in Nr. 181 Ihres Blattes hat Herr cand. theol. Thorleif Homme in einem in der Universität gehaltenen Vortrag sich dahin geäußert, daß im Alten Testament von Gott als Vater der Menschen, von den Menschen als Kindern Gottes nicht die Rede sei, auch vor Christi Geburt nicht die Rede sein konnte. Ist das Referat richtig, so ist die Behauptung durchaus unzutreffend. Nicht weniger als 17 Mal wird im Alten Testament, von dem Verhältnis zwischen Gott und Menschen als von einem Verhältnis zwischen Vater und Kindern gesprochen. Schon im Pentateuch (2. M. 4, 22) heißt es: „Sage zu Pharo! Also spricht der Ewige: Israel ist mein Sohn, mein Erstgeborener" (vgl. das. V. 23). Ferner 5. M. 14, 1: „Ihr seid die Kinder eures Gottes, des Ewigen". Der Prophet Jesaja sagt (63, 16): „Du ewiger, bist unser Vater" (vgl. das. 8, K. 1. 2; 30, 1. 9; 43, 6; 45, 11; 64, 7). Jirmijahu ruft im Namen Gottes (3, 4): „Nennst du mich doch jetzt: mein Vater" (vgl. das. 14, 19, 22; Ezech. 20, 21; Apos. 1, 10). Besonders deutlich kommt das Verhältnis bei den Propheten Maleachi (2, 10) zum Ausdruck: „Haben wir nicht alle einen Vater, hat nicht ein Gott uns erschaffen? warum handeln wir treulos gegen einander und entweihen den Bund unserer Väter?" Rabbiner Tr. Aschkanaze." Cäsarea und Jerusalem. Tilsit. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach dieser Tage vor einem zahlreichen Zuhörerkreise Herr Rabbiner Dr. Carlebach-Memel über das Thema: „Eine Rivalin Jerusalems". In Rivalität mit der einst so stolzen Davidsstadt Jerusalem, so führte Redner etwa aus, trat bald nach seiner Gründung durch Herodes den Großen im Jahre 12 vor d. g. Ztr. Cäsarea Palästina, das außer herrlichen Palästen einen Tempel des Kaisers Augustus besaß, zu dessen Ehren es den Namen erhielt. Durch ausgedehnte Handelsbeziehungen mit den Uferländern des Mittelländischen Meeres — es besaß einen großartigen Hafen — und als Sitz der römischen Prokuratoren (Landpfleger), z. B. Pontius Pilatus (26—36 nach d. g. Ztr.), und später als Residenz des Königs Herodes Agrippa II. (41—44 nach d. g. Ztr.) wurde es bald die bedeutendste Stadt Palästtnas. Infolgedessen konnte es nicht ausbleiben, daß es bald in starke Rivalität zu Jerusalem trat, dessen Hafenort es war. Redner legte nun in längeren klaren Ausführungen an der Hand der neu erschienenen Geschichtswerke des Judentums die Gegensätze dar, die zwischen den beiden Schwesterstädten her-

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