Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I Ul IIWilli—Ml.. Nr. 19 Dr. JSlOCb’S Wocbenscbntt. Seite 299 schrecklicher Anblick. Ich habe starke Nerven, trotzdem standen mir die Haare zu Berg beim Anblick dieser Leidenden. Bei dem einen wurde die Wange abgerissen, bei dem andern fehlte die Zunge, einem Dritten war die Brust zerrissen, er befand sich bereits in Agonie, man hat seine Fleischstücke zusammengebunden, er endete nach 30 Minuten. Dort wieder liegt einer, dem die ganze Seite weggerissen worden, allein er lebt noch, man empfiehlt ihm, die religiösen Pflichten zu erfüllen. Da erklärt er, er sei ein Jude und bittet, seine Eltern wissen zu lassen und gibt ihre Adresse an." Sv der Bericht des russischen Arztes au die „Petersb. Wjed." Dies vorausgeschickt, erhält eine kleine Ballade, die im Hamburger „Jüdischen Familienblatt" erschienen ist, die richtige Beleuchtung. Das Gedicht, dessen Verfasser Oskar Alexander ist, lautet wie folgt: Ein Held. Poetische Skizze aus Ostasien. „Das Flaggschiff sagt Ihr?" „Wir dampften nicht schlecht. Auf einmal da hieb es: Klar znm Gefecht!" „Nun, Bruder, erzählt-, Ihr wart ja dabei." „Das schob Euch heran, wie Walfisch und Hai! Bier feindliche Schiffe ans eineunnal Bespickten den Bug uns mit glühendem Stahl. Wir glaubten zu sein in sicherer Hut, Jetzt galt es bewähren den Kricgermnt. Denn der Feind, er stürmt', tvir trieben ihn nieder; Mit doppelter llebermacht kehrte er wieder. Da zeigte sich endlich ein Brnderschiff, Das hilfsbereit in den Kampf eingriff. Das gab uns Luft, da griffen wir an, Den Kolben als Waffe und Mann gegen Mann. Da — plötzlich ein Schrei — ich hör' ihn noch jetzt — „Der Admiral — wo ist er? Verletzt?" „Er kämpft verlassen, er ist umringt, Wer ist es, der mit mir ihm Rettung bringt?" Und einer stürmt ein auf den feindlichen Knäul Und haut sich hindurch und bleibt selbst nicht heil. Er taumelt — ein Blutstrom — sein rechter Arm! . . Er wehrt mit dem Linken der Feinde Schwarm. Und hört nicht auf, seine Waffe zu schwingen. Bis Freunde dem Führer Befreiung bringen. Dann lehnt er sich blab an die Reeling zurück, Ersterbend und dennoch mit Siegcrblick. Und tränend umsteht ihn der ganze Stab, Und liebevoll beugt sich der Führer' herab Und küßt auf die Stirn ihn und flüstert das Wort: „Ich sorg' für die Deinen — ihr Halt und ihr Hort!" Da hebt sich der Wunde noch einmal zum Licht, Ihm schießt die Schamglut ins Angesicht, Und murmelt erblassend zu seinem Chef: „Die — liegen — ermordet — in — Kischenew!" Dieses Gedicht nun erregt den Grimm des „Deutschen Volksblatt", das ihm einen ganzen Artikel widmet. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß es ein Schmähartikel ist. Das „Deutsche Vvlksblatt" findet, daß die Ballade im schönsten Judendeutsch geschrieben sei, wir sind dagegen der Ansicht, daß das Deutsch darin viel besser und reiner ist, als das, in dem das „Deutsche Vvlksblatt" geschrieben wird, und erkennen in dem Gedichte soviel literarischen Wert und poetische Schönheit, daß wir es gern hier im vollen Unttang abgedruckt haben, um ihm nach unseren Kräften zu weiterer Verbreitung zu verhelfen. Das Blatt des Herrn Vergani stößt sich daran, daß die Episode in jenen „schauderhaften Versen" erlogen sei. Angenommen der Vorfall sei erdichtet, so muß man sagen, daß er gut erdichtet ist und in der Pointe drückt sich eine tiefe Sittlichkeit und eine tiefe Menschlichkeit aus. Eine Ballade ist doch nicht der „Originalbericht unseres Spezialkorrespondenten"! Hält Herr Vergani die Uhland'sche Ballade „Schwäbische Runde" nicht für erlogen. Ein wackerer Schwabe schlägt mit seinem Säbel auf einen türkischen Reiter und „zur Rechten sieht man, wie zur Linken, einen halben Türken heruntersinken." Das geht nicht; einfach unmöglich. Wer jemals , einen Säbel in der Hand gehabt hat und nicht nur unklare, verschwommene Vorstellungen von einem solchen hegt, weiß, daß es eine bare physische Unmöglichkeit ist, mit eine m Säbelhieb einen menschlichen Leib zu spalten, aber deshalb hat sich der Schwabenstreich in der Literatur doch behauptet, weil die Uhland'sche Ballade gut ist. Es schmerzt uns, Herrn Vergani de» Kummer nicht ersparen zu können und sagen zu müssen, daß die Ballade von Oskar- Alexander inhaltlich bedeutender und auch sonst nicht geringer ist als die Uhland'sche. Selbst, wenn der Dichter des „unsauberen Gedichtes" erwiesenermaßen nicht eine selbst gesehene oder erlebte Tatsache geschildert halte, so wäre es nicht gerade an dem berühmten Verfasser der Reiiebriese, die er nicht selbst geschrieben, ihm das besonders zu verargen. Whi»-. Die jüdische Dienstbotenfrage. In der Nummer 17 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 22. April 1904 bespricht Herr Dr. Rosenmann, Bezirksrabbiner in Floridsdorf, in einer längeren Abhandlung die jüdische Dienstbotenfrage und die Notwendigkeit, sowie die Form ihrer Lösung. Man muß dem Herrn Verfasser dafür sehr dankbar sein, daß er die brennende Frage wieder znr Sprache bringt. Es muß jedoch darauf hingewiesen werden, daß in Wien bereits ein Verein besteht, der sich die Heranbildung jüdischer Mädchen zu Dienstboten zur Ausgabe macht und hiebei mit Rücksicht aus die beschränkten ihm zu Gebote stehenden Mittel bereits recht namhafte Erfolge erzielte. Dieser Verein ist der vor 9 Jahren von der Frau kaiserl. Rat Dr. Berta Kohn gegründete „ K a i s e r i n Eli s a b e t h L e h r m ä d ch e it Hort", w e lcher sich statutarisch zur Ausgabe stellt, arme jüdische Mädchen erwerbsfähig zu machen und ihrer Qualifikation nach in passenden Bernsen auszubilden, unter Anderem auch zu einfachen Dienstboten, respektive Stubenmädchen und Köchinnen. Zur Zeit befinden sich in dem Vereins-Internat des Lehrmädchenhortes unter 30 Schützlingen 3 in der Ausbildung zu Köchinnen und Stubenmädchen, während es dem Lehrmüdchenhorte seit seinem mehrjährigen Bestände gelungen ist, schon eine größere Anzahl jüdischer Dienstboten auszubilden und sehr vorteilhaft zu plazieren. Es soll das Verdienst des Herrn Bezirksrabbiner Doktor Rosenmann nicht beeinträchtigt werden, die jüdische Dienftbotensrage neuerlich ausgerollt zu haben, auch soll es ihm verziehen werden, wenn es ihm im Eifer der guten Sache entgangen ist, daß in Wien bereits seit vielen Jahren eine Institution') besteht, die sich auch mit der Ausbildung der jüdischen Dienstboten besaßt. Es wird daher dem Herrn Bezirksrabbiner Dr. Rosenmann erwünscht und willkommen sein, daß er sc ne gute Idee an die freilich viel ältere anlehnen kann, und es wird ihm gewiß auch Befriedigung bereiten, seine tüchtige Kraft der schon bestehenden Institution, dem „Kaiserin Elisabeth Lehrmädchenhort", zu widmen und damit einer Zersplitterung der guten Sache vorzubeugen, die gewiß zu befürchten iväre. wenn Herr Dr. Rosenmann mit der bereits bestehenden Institution in Konkurrenz treten wollte. Es trifft sich wohl nicht zufällig, daß der „Kaiserin Elisabeth Lehrmädchenhort" derzeit daran geht, ein eigenes Heim für seine Zwecke zu errichten -i, mit dem Vorsatze, der Ausbildung jüdischer Dienstmädchen diejenige Ausdehnung zu geben, welche die Mittel des Vereines überhaupt gestatten werden. Der Verein „Kaiserin Elisabeth Lehrmädchenhort" wird die Kooperation des Herrn Dr. Rosenmann dankbarst akzeptieren, wie er überhaupt die Mithilfe aller guten Glaubensgenossen mit Zuversicht erhofft: denn der Lehrmädchenhort macht bei der Aufnahme der Schützlinge keinen Unterschied in der Provenienz bezüglich des Geburtsortes und läßt sich einzig und allein von der Bedürftigkeit der Bewerber leiten, daher an alle warmsühlenden Glaubensgenossen, insbesonders an die geehrten ') Der Kaiserin Elisabeth Lehrmädchenhort, II., Obere Donau straße 65. 2) Znm Baue des eigenen Heims haben gespendet: Herr Baron Albert von Rothschild X 10.000, Herr Baron Nathaniel von Rothschild K lO.OOU, Frau Baronin Elara Hirich de Gereuth X 6000, Frau Baronin Charlotte von Köniaswarter X i000, Herr Baron Max Springer X 2000, Herr Karl Wittgenstein K äOfO, Herr Doro Stein X 100.