Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 296 Dr. Mocb s MocbenscbrM. Nr. 19 Siegfried Popper ist im Jahre 1848 in Prag geboren, besuchte die dortige Oberrealschule und sodann die Maschinenbauschule zu Karlsruhe. Im Jahre 1871 trat er als Ingenieur III. Klasse in den Dienst der österreichischen Kriegsmarine. Gegenwärtig bekleidet er die Stelle eines Vorstandes der I. Abteilung der marinetechnischen Kommission in Pola. Er leitete die Aufsicht beim Bau der Torpedoschiffe „Panther" und „Leopard" in England, des „Tiger" in Triest; er hat den Bau unserer größeren Schiffe: „Maria Theresia", „Wien", „Budapest", „Kaiser Karl", „Habsburg" geleitet, und von ihm rühren auch die Pläne für die bedeutendsten neuen Schiffe. Er ist Besitzer des goldenen Verdienstkreuzes, des Franz Joseph- Ordens und des Ordens der Eisernen Krone III. Klaffe. Er hat wiederholt verlockende Anträge aus dem Auslande zurückgewiesen, England hätte ihn gerne für seinen Dienst akquiriert. Er blieb jedoch treu der österreichischen Heimat, was Se. Majestät der Kaiser in der gnädigsten Weise anerkannte. Das Jngenieurkorps verfügte bis nun nicht über den Generalsrang und so wurde denn Siegfried Popper zum General ad personam ernannt. Dom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Die Wahlbewegung. — Credo quia absurdum. — Die Gregorigianische Sezession. — Der Antisemitenbund und Bi e l o h l aw e k's C h a mp a g n e r. — Vergani und die Balladen Poesie.) Wieder einmal hat es eine Wahlbewegung in Wien gegeben, und das Resultat war, wie es vorausgesehen werden konnte, ohne daß es dazu besonderer prophetischer Veranlagung bedurft hätte, Sieg auf der ganzen Linie für die christlich-soziale Partei. Sie siegte leicht, mit Pfunden in der Hand. Man hat zwar wacker Legitimationen gefälscht, unterschlagen und unterschoben, aber es wäre nicht einmal nötig gewesen. Allerdingswurden die Wähler aufgefordert, „um eine imposante Stimmenzahl für den antisemitischen Kandidaten zu erzielen, von ihrem Wahlrecht ausgiebig Gebrauch zu machen." Der „ausgiebige" Gebrauch des Wahlrechtes ist eine Wiener Spezialität. Es geschah aber nur, um nicht aus der Uebung zu kommen. Die Sache war von Haus aus entschieden, und all die großen und kleinen Wahlkunststücke wären gar nicht vonnöten gewesen. -Denn man mag die Sache drehen und wenden, wie man will, vor dem Richterstuhl der Kulturgeschichte wird das heutige Wien mit dem Makel behaftet bleiben, daß es als einzige Großstadt der Welt, als eine Großstadt, die Anspruch darauf erhebt, ein Bildungszentrum zu sein, in das neue Jahrhundert eingetreten ist als eine völlig unterjochte Satrapie des Antisemitismus. Es wäre chöricht, sich sanguinischen Hoffnungen hinzugeben oder sich den Tatsachen zu verschließen. Wien ist unterjocht von den Antisemiten, und ihre Herrschaft ist eine unbestrittene. Die Wiener Bevölkerung ist politisch indifferent. Nun macht sich das Beharrungsvermögen und das Gesetz der Trägheit geltend. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis diese Bevölkerung den ihr suggerierten Wahn abgeschüttelt und sich von den Artisten, die sie zu hypnotisieren verstanden haben, befreit haben wird. Einstweilen heißt es Geduld haben und das wieder heißt, auf deutlicheren Begriff gebracht, für die Judenschaft: weiter leiden. Da der Sieg nahezu kampflos errungen wurde, waren diesesmal die oratorischen Exzesse wider die Juden nicht einmal so schlimm, wie sonst bei ähnlichen Anlässen. Man tat nur das Nötigste zur Beschimpfung der Juden, soweit man es eben brauchte für den guten Namen und zur Sicherung der Beliebtheit bei dem Volke, zur Vorbereitung eines schönen Abganges und zur Erzeugung jener wohltuenden Wirtshausbegeisterung, die die beste Grundlage wienerischer Volkstümlichkeit bildet. Allen voran leuchtete da wieder der edle Prinz Liechtenstein Es ist ihm nicht zu verdenken. Dieser Prinz Liechtenstein — ein Volksmann! Credo quia absurdum est. Etwas hatte man für die Wahlbewegung von der Gregorigianischen Sezession erwartet. Man hat sich getäuscht. Gregorig hat die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht gerechtfertigt, weder die seiner Freunde, noch die seiner Feinde. Der Mensch ist doch zu unbedeutend. Es ist absolut nichts mit ihm anzufangen, wenn ihm die Folie, der Rückhalt- und vor ihm der Einser, fehlt. Schade! Ich bin durchdrungen von der absoluten Richtigkeit des Satzes, daß der Antisemitismus in sich zerfallen, daß von den Ehrenmännern, die von ihm leben, einer den anderen abtun muß, aber Gregorig ist — leider! kein Mann, der einen abtun könnte, er wird abgetan und er ist bereits abgetan worden. Das wäre ja nun allerdings etwas, aber es ist ein bischen wenig. Sein Antisemitenbund hat wieder einmal getagt, aber es ging dabei recht elegisch zu und es war ein rechter Jammer. Besonders wehmütig war der vorgeschobene Obmann Herr Nagorzanski. Es ist aber auch wahr! Man gründet einen Antisemitenbund, man hat sein Wirtshaus — und dann tagt der Antisemitenbund in einem anderen Wirtshaus. Was hat nun der Bundesobmann zu sagen? „Wir haben uns unabhängig erklärt, w e i l wir eine moralische Ohrfeige bekommen haben." Bedauerlich bleibt oabei die Verschwendung des moralischen Elementes. „Wir sind nicht jene christlich-sozialen Antisemiten, die bei Banketten mit Juden und getauften Juden Bruderschaft trinken." Viel Juden dürften in Herrn Nagorzanski's Wirtshaus allerdings nicht kommen. Uebrigens — ad vocem Bankette! Herr Bielohlawek ist auch ein Feind der Bankette, das hinderte aber nicht, daß er bei einem solchen, wie Gemeinderat Zifferer in öffentlicher Sitzung behauptete und es beeiden zu können erklärte, nicht nur eine Flasche Champagner trank, sondern sich auch noch deren drei mitnahm. Ein polnischer Abgeordneter, der eine Anzahl Parlamentsbriefbogen für sich auf die Seite bringen wollte, ist deshalb „gespritzt" worden. Wie wird man nun Herrn Bielohlawek heraushelfen? Denn daß man ihm etwas anhaben wird, ist ganz ausgeschlossen. Mit Recht. Was haben drei Flaschen Champagner zu bedeuten, und warum sollte man sich gerade ihretwegen erhitzen? Und nun zurück zu Herrn Nagorzanski, den Präsidenten des Antisemitenbundes. Er schloß mit dem Kernsatze: „Auf unseren Schultern sind manche Herren groß geworden!" Das rührende Bekenntnis einer schönen Seele. Die Bedeutung des Antisemitenbundes reicht bis zur Schulterhöhe, höher hinauf versagt er, nämlich dort, wo die Kopfarbeit beginnt. Dann erhob sich der vormals gewaltige Gregorig. Ach, Du lieber Gott, wie ist der Mann doch klein geworden! Wir sagen das mit aufrichtigem Bedauern und können ihm die Enttäuschung nicht verzeihen. Das will gegen die Herren von Wien Sturm laufen im Verein mit den Purscht und Nagorzanski?! Fertig, Schluß, der Mann ist abgetan. Auch Vergani sinkt immer tiefer in der geschäftlichen Betriebsamkeit zur Fruktifizierung des Judenhasses. Jetzt ist das- „Deutsche Volksblatt" sogar darauf verfallen, ein Gedicht unter seine kritische Sonde zu nehmen, um es zu einer kleinen Judenhetze auszubeuten. Den Hintergrund bildet der ruffisch-japanische Krieg, an dem die schönste Seite ja die ist, daß man die Juden, die zudem viele Tausende ihrer Söhne ins Feld gestellt haben, als Verräther und Gott weiß was noch brandmarkt. Tatsache ist, daß ein sehr ansehnlicher Teil des russischen Militärs in Port Arthur aus jüdischen Soldaten besteht. Von diesen sind seinerzeit 1500 Rubel an Spenden eingegangen für die unglücklichen Brüder in Kischenew. Auf die gefährdetsten Posten stellt die russische Kriegsleitung zunächst jüdische Soldaten. Die „Petersb. Wjed." publizierte das Schreiben eines Arztes auf dem schwimmenden Lazarett „Mongolia" über die Kämpfe vor Port Arthur. Er schildert die Wirkung eines einzelnen japanischen Geschosses, eines 27 Pfündigen: „Sieben Menschen wurden erschlagen, fielen tot um, acht wurden schwer verwundet. Noch während der Nacht brachte man sie in das Lazarett „Mongolia". Es war ein