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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-04-29 · 18 (29.4.1904) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Kr. 18 Dr. Llocb's Mocbenscbrttt. Sette 295 Aber er war viel zu gut und lieb, mir einen Vorwurf zu machen; ging doch feine Toleranz den Schülern gegenüber so weit, daß er sogar ihre Ausschreitungen und Unterlassungssünden auf religiösem Gebiete ungerügt ließ, was der Talmudschule und ihm selber Unannehmlichkeiten bereitete. Denn daraus schmiedete ein kleiner, pietistischer Kreis Waffen gegen den Rabbiner. Dieser Kreis scharte sich um die Person des Rabbi F e i s ch F i s ch m a n n. Rabbiner Fischmann war eine in Ungarn vielgenannte Persönlichkeit, weil er der erste deutsche Prediger, eigentlich Mag id, der orthodoxen Gemeinde in Preßburg war, eine Errungenschaft des fortschrittlichen Geistes, die erst nach langen, heftigen Kämpfen erreicht wurde und seit dem Tode Fischmann's wieder in die. Brüche ging. Für Talmudkenner will ich einen treffenden Witz des seligen Preßburger Rabbiners A. S. Schreiber Mitteilen, den er gelegentlich der Aufnahme Fischmann's machte. Dieser sagte nämlich zum Rabbiner, um in devoter Weise seine untergeordnete Stellung dem Rabbiner gegenüber zu kennzeichnen: „Der Rabbi ist der R a m b a m (Maimonides) und ich werde der Rav hamagid (Rabbiner-Prediger) sein." „Jawohl", bemerkte der Rabbiner, „aber die Gemeinde braucht „kessef mischne" (doppeltes Geld). Ich bemerke, daß sowohl „hamagid" als „kessef mischne" Kommentare zum Werke Maimonides' sind. Fischmann, Sohn des Miskolczer Rabbiners, wurde von einem wohlhabenden Mann in Gyöngyös zum Schwiegersohn gewählt, wo er sorgenfrei seinen Studien lebte. Er hatte auf die Rabbinerstelle aspiriert, war demnach der natürliche Gegner des glücklicheren Rivalen Rabbi Lazar Fürst, gegen den er auch frondierte. Es bildete sich um ihn ein kleiner Kreis von Getreuen, denen er allsabbatlich Vorträge hielt und die er in ch a s s id i st i s ch e Bahnen lenkte. „Auf diesem Gebiete", sagte mir einmal mein Rabbi, „kann ich den Kampf mit Fischmann nicht aufnehmen. Wenn ich nach dem Gottesdienste noch eine halbe Stunde in der Synagoge länger bleibe, so wird er eine Stunde bleiben; nehme ich allwöchentlich ein rituelles Bad, so wird er es täglich tun." Und in der Tat galt R. Feisch als der größere „Zadik". Fischmann war von Natur aus sehr begabt; er hatte eine angeborene Beredtsamkeit, er konnte Stunden lang über ein beliebiges Thema sprechen, ohne sich und seine Zuhörer zu ermüden. Er sprach fließend, breit, bis ins kleinste Detail, gab dem Zuhörer nichts zu denken auf; er würzte die Rede mit Gleichnissen, Erzählungen, griff hinein ins volle Leben, führte Zwiegespräche der Leute in ihrer Mundart und Ausdrucksweise an, woran die Zuhörer sich besonders ergötzten, sie sahen da ihr eigenes lebenstreues Konterfei, kurz, er riß die Massen hin. Wohl war es fromme Gläubigkeit, doch niemals der Geist Gottes, der über solchen Redefluten schwebte. . . . Doch ach, wie Wenige sind es, die Gei st in einer Predigt suchen und ihn auf sich wirken lassen? Und wie ist doch die Masse damit zufrieden, wenn der Rabbiner nur schön geredet, aber nichts gesagt hat!. In Gyöngyös hatte R. Fischmann allerdings kein Terrain, dieses sein Licht leuchten zu lassen, denn die Zahl seiner Zuhörer war gering und diese geistig sehr beschränkt. Er liebte ein zurückgezogenes, asketisches, chassidisches Leben. Besonders aberwendete er seine Tätigkeit einer Richtung zu: er erklärte nämlich — allen „Patentknöpfen" den Krieg! Er hatte herausgefunden, daß in diesen Knöpfen Leinen sei, demnach diese auf Schafw o l l kleidern rituell verboten seien. Wer zu ihm kam, wurde auf Patentknöpfe untersucht, die dann sofort abgeschnitten wurden! Gelegentlich eines Besuches bei seinem Vater, wohin er sein eigenes Kochgeschirr m i t n a h m, weil er das Haus seines Vaters, des alten Rabbiners-, nicht genug koscher fand, kam der Vorstand der Miskolczer Gemeinde, ihn zu begrüßen, und sie gingen alle — ohne Knöpfe w e g. Der Gedanke liegt mir fern, all das auch nur mit einem leisen Lächeln begleiten zu wollen: echte, ungeheuchelte Ueberzeugungstreue zwingt Achtung ab. Ich wollte damit nur den Glaubenseifer des Mannes kennzeichnen, der selbst auf die Gefahr hin, bei vielen sich lächerlich zu machen, seiner religiösen Ueberzeugung folgte und für dieselbe mutig eintrat. Nach mehrjähr gem Aufenthalte in Gyöngyös wurde Fischmann in Szikszö zum Rabbiner gewählt. Dort fand seine Rednergabe ein weites ergiebiges Feld. In der Zeit der sehr stark besuchten Jahrmärkte hielt er an Wochentagen stundenlange Predigten, welche den Anziehungspunkt für die ganze jüdische Umgebung bildeten, die in Scharen herbeiströmte, um den berühmten Bolksredner zu hören, der nachhaltigen Eindruck auf ihr Gemüt übte und den religiösen Geist förderte. Im Jahre 1864 folgte er einem Rufe der Preßburger Gemeinde, die ihn als M a g i d (Prediger) anstellte, wo er einer solchen Beliebtheit und Wertschätzung sich erfreute, daß, als am 12. Jänner 1871 der Rabbiner A. S. Schreiber, der würdige Nachfolger feines großen Vaters Rabbi Moses Schreiber (C h a s s a m s o f e r) mit Tode abging, Fischmann sofort zum Rabbiner gewählt wurde, während dem Sohne des Verewigten nur die Leitung der Talmudschule übertragen wurde. Doch es sollte dabei nicht bleiben! Ignaz Reich, der vom leichtlebigen, nichts weniger als frommen Pferdemakler, trotz seiner krassen Ignoranz zum omnipotenten Führer der Orthodoxen sich hinaufzuarbeiten verstanden und der in seinem jüdisch-deutschen Hetzorgan „Sch ewes ach im" den Rabbiner Feisch Fischmann nie anders als spottweise „Ferdinand" und „Prediger" nannte, ihn allwöchentlich verketzerte und als einen „Posche Jissruel" „Abtrünnigen Israels" brandmarkte, kam nach Preßburg. alarmierte die Gemeinde, weckte in der Nacht die Vorstandsmitglieder aus ihrem Schlafe und ließ sie zu einer Sitzung zusammentreten. Dort beschwor er den Geist des „Chassam sofer" herauf, malte ihnen in grellen Farben die furchtbaren Folgen aus, welche die Gemeinde unabwendbar ereilen müssen, wenn sein Enkel umgangen würde — und der frühere Beschluß wurde annulliert. Am Tage des Leichenbegängnisses, am frühen Morgen, kommandierte Reich seinen Heerbann in die Synagoge, die zum größten Teil von Fremden überfüllt war, welche zu Tausenden — auch ich und die Vertretung meiner Gemeinde waren darunter — aus allen Teilen des Landes herbeigeströmt waren, um dem verewigten Meister die letzte Ehre zu erweisen. Dort richtete er an das Publikum die Frage, ob es die Wahl des B. Schreiber, des überlebenden Sohnes des großen Toten, gutheiße und ein tausendstimmiges „Ja" folgte auf die Frage! Warum auch nicht? — Der Wahlakt war zu Ende. Der tiefverletzte Rabbi Fi sch mann gab in der Leichenrede seiner inneren, nur allzu gerechtfertigten Erregtheit beredten Ausdruck. „Als unser großer Lehrer Moses starb, da hatte Israel den Trost, daß Josua an dessen Spitze trat; als aber Josua heimgegangen, da gab es keinen Ersatz!" — Die Anwendung führte er mit aller Ausführlichkeit aus. Diese erklärliche Eruption einer tiesverwundeten Seele war der einzige Ausdruck seiner Mißvergnügtheit. Seine Frömmigkeit und Klugheit diktierten ihm den Frieden mit dem Oberrabbiner, dem gelehrten und würdigen Epigonen seiner großen Ahnen. (Fortsetzung folgt.) Neue Bücher. Th. Schneider. Michael Servet, Wiesbaden 1904, 8". Die 350jährige Wiederkehr des am Scheiterhaufen zu Genf erfolgten Todes des Michael S e r v e t hat mehrere Schriften zu Tage gefördert, unter denen das hier angezeigte Schriftchen, ursprünglich ein Vortrag, durch schöne Darstellung und warme Verteidigung der Glaubens- und Gewissensfreiheit besondere Beachtung verdient. Unter allen Helden der

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