Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 18 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 294 Dr. Mocv's MocbenscbrM. Nr. 16 unbedingt einen hochwichtigen „politischen" Vortrag über „die Totengräber von Berlin" halten müsse. Das Gericht hat aber den Antrag abgelehnt, weil es sich, wie vorauszusehen war, von Pnckler keine Vorschriften machen läßt. Pückler wird erst am Montag abgeurteilt werden. Kopenhagen. Dem Präses unserer Gemeinde, Herrn Etatsrat Glückstadt, ist der Charakter als geheimer Etatsrat verliehen worden. Diese hohe Auszeichnung ist um so ehrenvoller, als Se. Majestät der König persönlich dieselbe bei der Cour anläßlich seines Geburtstages Herrn Geheimrat Glückstadt bekannt gab. Bukarest. Sonntag den 24. April d. I. starb hier im Alter von 68 Jahren nach langem schweren Leiden Herr Gerson Weiß, Oberkantor des israel. Choraltempels zu Bukarest. Petersburg. Der bekannte jüdische Untersuchungsrichter I. L. Teitel in Samara, dessen Biographie wir vor längerer Zeit an dieser Stelle veröffentlicht haben, ist anläßlich seines 25jährigen Amtsjubiläums zum Mitglied des Kreisgerichtes ernannt worden. Teitel ist der einzige jüdische richterliche Beamte in Rußland. Feuilleton. Alle Rechte Vorbehalten Jüdische Knlturtritder. Von Dr. Armin Schnitzer, Oberrabbiner in Komärom. (Fortsetzung.) Solch ein Material für das jüdische Proletariat fand sich auch zum Teil in der Gyöngyöser Talmudschule, was mir, der ich bisher nur mährische Jeschiwahs frequentiert hatte, ganz neu war; denn von diesen blieben solche Elemente fern. Mähren war ihnen zu weit und — zu „galechisch" (unjüdisch). Die ungarischen Jeschiwahs unterschieden sich überhaupt sehr wesentlich von den mährischen. Wenn man vor noch nicht sehr langer Zeit und — in gewissen Kreisen vielleicht heute noch — Ungarn „Halb-Asien" nannte, so konnte man mit viel größerem Rechte die ungarische Jeschiwah „Halb-Polen" nennen. Denn die Schüler, die, wie schon bemerkt, zum großen Teil aus den an Galizien grenzenden Komitaten stammten, trugen in Sprache, Kleidung und Sitte polnisches Gepräge an sich. Es waren blutarme Kinder, die hungerten und entbehrten, weil sie außer den oft nur wenigen Kosttagen gar keine Subsistenzmittel hatten — das Schnorren galt damals noch als erniedrigend. Nur manchmal traf es sich, daß chnen das „Tillimsa gen" (beten) für einen Schwerkranken, oder auch die T o t e n w a ch e, („S ch e m ir ah") einige Groschen brachte, zu der man zwei, auch drei Bucherim für die Nacht bestellte, weil man mit Vorliebe Talmudjünger wählte, damit sie zugleich für das Seelenheil „Msebnajos" lernen sollen. Solch eine Totenwache war ein vielumstrittener Erwerb für die Armen, denn sie brachte ihnen außer dem Honorar ein Nachtmahl und überdies einen Leib Brot und Bier für die Nacht. Solche armselige Opulenz an so reicher Notdursttafel lockte auch andere hungrige Bucherim herbei und cs bildete sich da — im Angesicht des rauhen Todes — ein reges Klubleben heraus, das durchaus nicht dem Ernst der Situation entsprach. Und was das für den Toten zu crbetende Seelenheil betrifft, ja — da mußte schon der arme Tote trachten, in anderer Weise dazu zu kommen, denn wahrlich, „gelernt" und gebetet wurde dort sehr wenig. Einmal traf es sich, daß auch ein „reicher" Bochur, — reich nannten wir den, der keine „Kosttage aß" — der aber ungemein geizig war, und so, um zu einem Nebeneinkommen zu gelangen, zu einer solchen Totenwache sich herandrängte, zur berechtigten Entrüstung der Armen, die sich in ihrem Erwerbe durch einen Unberufenen verkürzt sahen. Er kam, aß sich satt, trank einige Gläschen, die ihn nichts kosteten und entschlummerte. Da sagte der Eine, ein rechter Schelm, zu seinem Kollegen: „Wart' nur, du wirst sehen, der wird uns armen Bocherim keine „Schmiere" (Totenwache) mehr wegnehmen." Sprach's, und nahm eine Katze, wickelte sie in ein Tuch und legte sie unter das schwarte Bahrtuch, das über der Leiche gebreitet war. Dann weckte er den Schlafenden. „Stehen Sie auf! Das Meß" (der Tote) ist lebendig geworden!" Der reißt die Augen auf, sieht die Bewegungen unter dem Bahrtuch und mit einem furchtbaren Schrei stürzt er hinaus und alarmiert das ganze Haus: „Das „Meß" ist lebendig geworden!" Die Leute liefen herbei, was denn Wahres daran sei, aber mittlerweile war die Katze entfernt worden' und die Wächter sagten mit der unschuldigsten Miene: „Der Junge war besoffen und ist eingeschlasen, wahrscheinlich hat ihm das geträumt." Der aber meldete sich von da ab zu keiner „Schmiere" mehr. Ein anderesmal ist das „Meß" aber wirklich lebendig geworden. Es wurde bei einer alten Ocbstlerin die Totenwache gehalten. Die „Gesellschaft" war beisammen und in keckem Uebermut hob einer von ihnen den Zipfel des Bahrtuches auf und sagte: „Nun, Cheitsche, wird Sie auch jetzt nicht mehr als sechs Zwetschken um einen Kreuzer geben?" Da Plötzlich regte es sich unter dem schwarzen Tuche, ein leises Stöhnen ward hörbar und Cheitsche versuchte sich a u f z u r i ch t e n. Der übermütige Maulheld brach vor jähen: Schreck zusammen, ein Teil lief davon, aber die Beherzteren sahen, daß sie es mit einer Scheintoten zu tun haben, sie legten sie ins Bett und sie lebte noch zwei Tage, bis sie dann für immer die Augen schloß. Ein Spezialität der ungarischen Jeschiwah, die ich in den mährischen auch nicht fand, war und ist auch noch gegenwärtig das „P u r i m s p i e l". Und auch darin machte sich der Einfluß der Zeit geltend. Vor fünfzig Jahren mußten die „Schauspieler" ihre Rollen selber verfassen; heute gibt es eigene Dramatiker dieses Genres, die ihre Erzeugnisse gedruckt gegen hohe Nachnahmen an die Jeschiwahs versenden. Zu meiner Zeit war das Purimspiel nichts anderes, als einerseits eine Huldigung für den Rabbi, der sich das ganze Jahr mit uns abgemüht, und andererseits der Ausdruck des Dankes an die Gemeinde für ihre opferwillige Unterstützung, die sie uns Bucherim angedeihen ließ. Es wurde daher das Purimspiel nur im Hause des Rabbi aufgeführt, wo die ganze Gemeinde versammelt war; — heute ist es eine -,Vorstellung" mit Theaterzettel in einem Gasthof-Saale gegen Entröe. Das Purimspiel war ein Spiegelbild der Zeit. In jener Sturm- und Drangperiode, wo der Kampf der freilich noch sehr zahmen Reform mit dem Althergebrachten begonnen, war das Sujet unseres „Spieles" der Kampf der zwei äußersten Extreme des alten „Wunderrabbi" mit dem „Prediger". Unter „Prediger" verstand man damals einen Mann, der, der neuen Richtung huldigend, ein reines Deutsch auf der Kanzel sprach. Natürlich wurde in unserem Stück der Prediger, der zur Probe gekommen war, „ausgespielt", d. h. persifliert und vom Wunderrabbi „verschollen", d. h. mit Schimpf und Spott davongejagt. Die Rolle des Wunderrabbi hatte „Moische Vecs", der nachmalige, vor wenigen Jahren verstorbene Rabbiner in Wie n-O t t a k r i n g, D r. M. D e u t s ch, der seine Rolle meisterhaft spielte; der Prediger war — ich, dessen Monolog sehr viel von Goethe's „Faust" enthielt. Unser Rabbi schüttelte zu meinem Monolog bedenklich den Kopf und blickte mich vorwurfsvoll an, als lvollte er mir sagen: „Verführst du mir mein Volk?"