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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-04-29 · 18 (29.4.1904) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 290 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 18 die Erwachsenen beschränkt, sondern wenn sie mit allen möglichen Mitteln an der körperlichen, geistigen und sittlichen Erziehung der Jugend arbeitet. Für die ganz Kleinen wurde durch die Bildung einer Säuglingskommission gesorgt. Diese Kommission überwacht die Pflege der Säuglinge unter Leitung der Oberin des Gemeindehospitals; ein Arzt nimmt von Zeit zu Zeit (vierwöchentlich) Besichtigung der Säuglinge vor und sorgt im Krankheitssalle für entsprechende Hilfe; in Fällen, wo die Mutter nicht in der Lage ist, für das Kind zu sorgen, wird es in der Krippe untergebracht. Bei größeren Kindern, teils Waisen, teils unehelichen Kindern, sorgt eine Kostkinderkommission dafür, daß sie in geeigneten Familien, möglichst auf dem Lande in religiösen Familien untergebracht werden. Die Damen dieser Kommission besuchen die Kostkinder von Zeit zu Zeit, kontrollieren sowohl sie, als die Pflegeeltern und sorgen im Falle ungenügender Verpflegung für anderweitige Unterkunft. Die Hauptsorge des Vereines aber gilt der schulentlassenen weiblichen Jugend. Auf Anregung der „Weiblichen Fürsorge" entstand ein selbständiger Verein, Mädchenklub, der schulentlassenen jüdischen Mädchen abends und an geschästsfreien Nachmittagen ein Heim bietet, wo sie sich von der Berufsarbeit erholen können und die Möglichkeit zur Weiterbildung und gegenseitigen Anregung finden. Näheres über den Mädchenklub enthält dessen erster Jahresbericht, der vom Vorstand des Mädchenklubs, Frankfurt a. M., Fahrgasse 146, bezogen werden kann. Aus den Kreisen des Klubs ging nun in jüngster Zeit die Anregung zur Gründung einer unentgeltlichen Stellenvermittlung an die „Fürsorge" und diese ist jetzt in der Organisierung begriffen. Gerade dieser Kommission werden wichtige Aufgaben in Bezug auf die ökonomische und sittliche Förderung der weiblichen Jugend zufallen. Es wird die erste Pflicht der Kommission sein, nur nach sorgfältiger Prüfung auf beiden Seiten zur Vermittlung einer Stelle die Hand zu bieten. Man erwartet auch, daß es der „Fürsorge" mit Hilfe dieser Kommission in größerem Umfange, als bisher, schon gelingen wird, die Mädchen bei der Berufswahl zu beeinfluffen, sie speziell vom Hausierhandel abzubringen und dafür minder gefährlichen Berufen zuzuführen. In mehreren Fällen konnte die „Fürsorge" schon eine derartige Beeinflussung bewirken; die betreffenden Mädchen nahmen dann Dienststellen an und blieben weiterhin in Verbindung mit den Damen der „Fürsorge". Mädchen, die ein Jahr auf einer von der „Fürsorge" vermtttetten Dienststelle verblieben sind, erhalten eine kleine Prämie vom Hilfsverein. Geplant ist auch eine Kommission, der die Fürsorge für Durchreisende obliegen soll. Diese Kommission wird für geeignete Unterkunft von Frauen und Mädchen zu sorgen haben und Auskunft und Ratschläge für die Weiterreise erteilen. Die Kontrolle über diese Abteilung und ihr pekuniärer Teil bleiben nach wie vor in den Händen des Hilfsvereines. Neben all diesen Fragen, die trotz ihrer allgemeinen Bedeutung nur durch lokale Kleinarbett Erledigung finden können, hat sich die „Weibliche Fürsorge" noch weitere Ziele gesteckt, denen nachzustreben ihr als sittliche und soziale Pflicht erscheint. Die „Weibliche Fürsorge" hat ihr Höchstes nicht getan, wenn sie im einzelnen Falle, wo die Not an sie herantritt, Hilfe leistet, sie hat ihre Aufgabe, als jüdischer Frauenverein selbst dann noch nicht erfüllt, wenn sie sich der hier ansässigen Jugend vorbeugend annimmt, ihr die Begriffe von Ordnung und Sittlichkeit immer näher zu bringen sucht. Bei den bekannten traurigen Verhältnissen, unter denen die osteuropäischen Juden zu leiden haben, macht sie es sich zur Pflicht, zu versuchen, soweit die Landesgcsetze und die politischen Verhältnisse es gestatten, auch in diese Gegenden etwas von den Segnungen westlicher Kultur und Fürsorgeeinrichtungen zu tragen. Darum unternahmen im Sommer vorigen Jahres Fräulein Berta Pappenheim und Fräulein Sara Rabinowitsch im Aufträge des israelitischen Hilfsvereincs eine sechswöchige Studienreise nach Galizien. Sie sammelten dort reichliches Material, um die Verhältnisse beurteilen und einer eventuellen von Westeuropa aus cingeleiteten Hilfsaktion Richtung und Ziel geben zu können. (Näheres über diese Reise enthält der Bericht darüber: Zur Lage der jüdischen Bevölkerung in Galizien, Reiseeindrücke und Vorschläge zur Besserung der Verhältnisse, von Berta Pappenheim und Dr. Sara Rabinowitsch, Frankfurt a. M., 1904, Neuer Frankfurter Verlag.) Der erste praktische Versuch zur Beeinflussung jener jüdischen Vvlksmassen wird die Versendung eines hygienisch-sittlichen Flugblattes nach Galizien sein. In direktem Zusammenhang mit diesen Aufgaben steht die Tätigkeit, die die Bekämpfung des Mädchenhandels seitens aller jüdischen Vereinigungen fordert. In dieser Erkenntnis bestellte der HWvcrein zwei Delegierte aus dem Kreise der „Weiblichen Fürsorge" zu dem im vergangenen Herbst hier stattgehabten Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels. Je mehr man sich mit der jüdischen sozialen Hilfsarbeit beschäftigt, umso deutlicher erkennt man, wie es für die einzelnen jüdischen Vereine, wenn sie aus sich allein gestellt sind, unmöglich ist, für die Allgemeinheit Bedeutendes zu leisten. Der Gedanke des Zusammenschlusses der jüdischen Frauenvereine zum Zwecke Ausbaues und Vertiefung ihrer Aufgaben innerhalb des jüdischen Gemeindelebens wurde besonders der Leitung der „Weiblichen Fürsorge" in Frankfurt a. M. immer klarer. Sie beabsichtigt nun, gemeinsam mit dem israelitischen humanitären Frauenverein in Hamburg eine feste Organisation der jüdischen Frauenvereine Deutschlands anzuregen und verspricht sich von deren Zusammenschluß die größte Förderung auf allen Gebieten der jüdischen Armen- und Wohlfahrtspflege. Ein solcher Bund wird, abgesehen von seiner praktischen Wirkung, ein geistiges Band zwischen den die gleichen Ziele verfolgenden jüdischen Frauen ganz Deutschlands bilden. Ebenso inte die „Weibliche Fürsorge" eine Quelle gegenseitiger Anregung für ihre Mitglieder ist, ebenso wird der Bund jüdischer Frauenvereine, wie ihn die „Weibliche Fürsorge" sich denkt, ein Mittelpunkt für alle jüdischen Interessen, eine Quelle gegenseitiger Bereicherung für einen großen Kreis von strebenden Frauen werden. Sie alle werden bei der gemeinsamen Tätigkeit immer besser erkennen, welche Wege und Ziele sie zu verfolgen und welche Aufgaben der Frau unserer Zeit, einerlei, welcher Konfession sie angehört, neben dem Manne in der Gesellschaft gestellt sind. B. v. Plehwe s Heldentaten. Auf seiner Inspektionsreise durch Sibirien hat Herr v. Plehwe den dortigen Gouverneuren die strengste Ordre erteilt, sämtliche Juden, welche unberechtigterweise sich in Sibirien aufhalten, gleichviel wie lange dieser Aufenthalt schon gedauert hat und unbekümmert um die schweren Folgen, welche die Maßregel für die Betroffenen haben könnte, sofort auszuweisen. Die Gouverneure beeilten sich, diesen Befehl so rasch auszuführen, daß Herr v. Plehwe schon auf seiner Rückreise auf lange Karawanenzüge mit jüdischen Flüchtlingen stieß, die alle zurück in den „Ansiedlungsrayon" wanderten. Viele von diesen Unglücklichen hatten da absolut nichts mehr zu suchen. Die meisten hatten schon längst alle Beziehungen mit dem Rayon, wo ihrer nur das Hungertuch wartet, vollständig abgebrochen. Der größte Teil von ihnen wurde überdies durch die Hals über Kopf erfolgte Ausweisung vollständig zugrunde gerichtet, so daß sie nicht einmal das Geld zu einem Eisenbahnbillet sich auftreiben konnten. Der Anblick dieser Unglücklichen, welche durch eine böse Laune eines wüsten russischen Tyrans plötzlich ins tiefste Elend gestürzt wurden, müßte — nach Bekundung mehrerer Augenzeugen — selbst Steine erweichen machen. Halbverhungert, in Lumpen gehüllt, ihre vor Frost zitternden Säuglinge im Arm, lagerten diese Märtyer ihres Glaubens in Scharen auf den Stationen der sibirischen Eisenbahn, da ihnen die Mittel zur Weiterfahrt ausgegangen waren. Vergebens flehen sie die Bahnverwaltung um kostenlose Weiterbeförderung bis zur nächsten Station des jüdischen Ansiedlungsrayons an. Ein mildherziger Stationsvorsteher gestattete einigen Familien, Herrn v. Plehwe, der gerade die Station passierte, persönlich um Zurücknahme der Ausweisungsordre zu bitten. Der gegenwärtige Gebieter Rußlands hat eben in Sibirien an den politischen Verbrechern, wie an den verhaßten Juden sein Mütchen gekühlt. Nun treten einige in Lumpen gehüllte, verhungerte und halberfrorene „Hebräer" mit der demütigenden Bitte an ihn heran, Mitleid

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