Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 18 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 288 Dr. Llocv's MlocvenscbrM. Nr. 16 Arme, jüdische Brustkranke bei der ärztlichen Untersuchung wegen Aufnahme zur Kur in RoLnau. In langen Scharen kommen sie gezogen; bleiche, abgehärmte Gesichter, denen Krankheit, Not und Elend den untrüglichen Stempel aufgedrückt hat, schwächliche, abgemagerte Gestalten, bei denen auch das nicht geübte Auge sofort den Schwindsuchthabitus erkennt. Sie alle sind arm, krank und elend, sie alle sehen ihre einzige Hoffnung in der Erholung in Ro2nau und es beginnt ihr Klagen und ihr Jammern. Mütter flehen herzzerbrechend, daß man sie gesund mache, daß man sie doch ihren armen, kleinen Kindern erhalten möge: Familienväter bitten, daß man ihnen zur Wiedergenesung und Arbeitsfähigkeit verhelfe, auf daß sie ihren verarmten Familien wieder die Ernährer sein können; junge Menschenkinder, in der ersten Blüte ihres Lebens von der totbringenden Krankheit befallen, suchen Hilfe und Rettung. 290 würdige, qualifizierte Aufnahmsbewerber haben sich für den diesjährigen Sommer beim „Vereine zur unentgeltlichen Verpflegung Brustleidender auf dem Lande" zur Untersuchung eingefunden, doch die geringen Mittel dieses Vereines gestatten es nur, 100 Pfleglinge in seine Obhut zu nehmen.M 7 L Wer soll da ausgenommen, wer soll da abgewiesen und damit dem sicheren Tode preisgegeben werden? Ist es nicht eine tiefbeschämende Tatsache, daß Hunderte arme, brustkranke Glaubensgenossen hilf- und schutzlos zu Grunde gehen müffen; spricht es nicht der vielgerühmten Humanität unseres Jahrhunderts Hohn, daß für so viel unermeßlich Elend durch die strafbare Indolenz der begüterten Bevölkerung dem einzigen, jüdischen Brustkrankcn-Verein so wenig Mittel zur Verfügung stehen, daß er seiner großen, edlen Aufgabe in so unzulänglicher Weise gerecht werden kann? Die Vereinsleitung hat sich, ungeachtet der Unzulänglichkeit seiner Mittel, bemüssigt gesehen, für die heurige Saison 130 der würdigsten Patienten aufzunehmen, was gleichbedeutend mit einem Defizit von 3600 Kronen ist. Pflicht eines jeden wahren Menschenfteundes wäre es, diesem rührigen Vereine als Mitglied beizutreten und ihn durch Geldspenden in die Lage zu versetzen, allen an ihn herantretenden Anforderungen voll und ganz zu entsprechen. Die Administration dieses Blattes ist gerne bereit, Beitrittserklärungen und Geldspenden für den genannten Verein entgegenzunehmen. 8. G. Temesvar. Die Wahl der Temesvarer israelitischen Religionsgemeinde ist als eine besonders befriedigende und glückliche zu bezeichnen. Namentlich ist die einhellige Wiederwahl des Distriktspräsidenten Salomon Sternthal zum Präses ein Beweis dafür, wie sehr diese Gemeinde das außerordentlich nützliche, verdienstvolle und patriotische Wirken desselben zu würdigen weiß. Ganz dieselbe Würdigung reicher Verdienste manifestirte sich in der einhelligen Wiederwahl des Herrn Gerson Knöpfet machcr zum Vizepräfes. Es wurden weiters gewählt: zu Repräsentanten aus 6 Jahre: Dr. F a y, Tr. Böhm, Adolf AusPitz, Ludwig Pollitzer, Doktor K e p p i ch, Simon Brück, Israel v. D e r e r a, Doktor S z 6 k e l y, Hugo Weiß, David Klein (Kaufmann), Dr. Seme n y, Simon Schwimmer, Moritz K o v ä c §, Armin Barüt; zu Repräsentanten auf 3 Jahre: Alexander K o h n, Hermann Klein, David M. Weiß und Emanuel Recht. Nach geschehener Verkündigung des Wahlresultates begab sich unter Führung des Herrn David H e r z l eine aus den Mitgliedern der Wählleitungs-Kommission und zahlreichen Repräsentanten bestehende große Deputation in die Wohnung des wiedergewählten Präses Herrn S. S t e r n t h a l — welcher krankheitshalber verhindert war, im Wahllokale zu erscheinen — wo Herr Hcrzl ihm seine Wiederwahl mitteilte und Herr K e p p i ch ihn im Namen der Gemeinde beglückwünschte. Hieraus dankte Herr S t e r n t h a l in sichtlicher Ergriffenheit für das Vertrauen, mit welchem ihn die Wähler der Gemeinde nunmehr zum viertenmale auszeichneten. Die älteste Frau Ungarns. Das Budapester Elisabeth-Armenhaus beherbergt gegenwärtig eine interessante Pfründnerin, die Witwe Josef Borsos geborene Jctti Einzig, welche wohl die älteste Frau nicht nur Ungarns, sondern Europas sein durfte. Aus den Dokumenten der Greisin geht hervor, daß sie im Jahre 1788 in Sürospatak geboren wurde, sie ist daher gegenwärtig 116 Jahre alt. Die Frau wurde in die Spitalsabteilung des Armenhauses ausgenommen, wo sie vom Chefarzte Dr. Ignaz Stühly in der Abteilung des Dr. Hasenfeld untergebracht wurde. Sie laboriert schon seit 30 Jahren an einem Herzleiden und ist dieser Fall auch vonl medizinischen Standpunkte interessant, da doch alte Leute diesem Leiden gewöhnlich rasch erliegen. Die Hundertsechzehnjährige ist noch im Vollbesitze ihrer geistigen Kräfte und stets bei guter Laune. Körperlich ist sie natürlich sehr herabgekommen, doch kann sie noch gehen. Sie ist eine strenggläubige Jüdin und nimmt nur streng rituell zubereitete Speisen zu sich. Es ist höchst interessant, daß sie mit ihrem Gatten nur ein halbes Jahr zusamnien lebte und noch heute, nach neunzig Jahren, kann sie dem „Trunkenbold" die Behandlung nicht verzeihen, welche sie von ihm erfuhr. Die ehrsame Matrone wäre kein rechtes Weib, wenn sie nicht auch eitel wäre. Als man sie im Armenhaus aufnahm, gab sie an, daß sie nur 105 Jahre alt sei. Doch bald stellte sich aus ihren Dokumenten heraus, daß sie 116 Jahre zähle, und als man sie nun fragte, warum sie die 11 Jahre wegleugnen wollte, antwortete sie ganz verlegen: ff — Es geniert mich, zu sagen, daß ich schon so alt bin. Trotzdem die Greisin noch ziemlich lebhaft ist, erscheint ihr Erinnerungsvermögen sehr geschwächt und kann sie sich auf die Begebenheiten ihrer Jugendjahre nicht mehr erinnern. Sie hat nicht weniger als fünf Herrscher überlebt. Sie wurde unter Josef II. geboren und hat außer diesen Leopold II., Franz I. und Ferdinand V. überlebt. Sie verbrachte aber ihr ganzes Leben in einem kleinen ruthenischen Dorfe, in ihrer Greislerei und erfuhr dort sehr wenig oder nichts von den großen, welterschütternden Ereignissen, welche während ihres Lebens sich zugetragen haben. Berlin. (Der Verband deutscher Juden.) Nicht um den sogenannten Judentag, wie es in verschiedenen Blättern hieß, sondern vielmehr um eine Gesamtorganisation der Juden in Deutschland handelte es sich in der Versammlung, die am 24. April im Sitzungssaale der jüdischen Gemeinde, Oranienburgerstraße 29, stattfand und an der mehr als 130 hervorragende Männer als Vertreter von Gemeinden und Verbänden aus allen Teilen Deutschlands teilnahmen. Ein geschäftsführender Ausschuß, bestehend aus den Herren Justizrat Fuchs, Justizrat Breslauer, Justizrat Dr. Edmund Friedemann, Rechtsanwalt Dr. M. Horwitz, Professor Dr. M. Philippson, hatte nach mehreren vorbereitenden Konferenzen in Frankfurt a. M., Erfurt und Berlin diese konstituierende Versammlung zur endgiltigen Begründung eines Verbandes der deutschen Juden einberufen. Dieselbe wurde am 24. April vormittags 10 Uhr vom Vorsitzenden des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Rechtsanwalt Dr. Horwitz eröffnet. Prof. Philippson erstattete in eingehender und sachlicher Weise das Referat über die Gesamtorganisation, deren vorzüglichste Aufgabe die Wahrung der Ehre und der verfassungsmäßigen Rechte der Juden Deutschlands im ganzen und im einzelnen sein solle. Nicht allgemeine Politik solle getrieben, kein jüdisches.Zentrum gebildet, keine prinzipielle Opposition angebahnt werden, sondern es handle sich um eine Zusammenfassung der Hauptelemente der deutschen Juden zur Wahrung ihrer Interessen. Das Referat fand allgemeinen Beifall, und in der sich daranschließenden Generaldiskussion, an der sich die Herren Justizrat Cassel, Friedmann- Glogau, Rechtsanwalt Dr. Cohn-Dessau, Professor Maybaum- Berlin, Stadtrat Homburger-Karlsruhe und verschiedene andere lebhaft beteiligten, wurden die einzelnen Punkte einer solchen Organisation, deren Zweck, Zusammensetzung, Oeffentlichkeit, Beitragspslicht n. s. w. eingehend besprochen. In der Spezial-