Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 18 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021566--13553-3038211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 264 Dr. Blocb’s Mocbenscdritt. Nr. 18 Haus aufzumachen, als ihn erst hineinsteigen zu lassen, um ihn dann um so sicherer zu Grunde zu richten. Der Fall Lurion ist kein vereinzelter, er ist ein Sympton unter unzähligen anderen. Er ist mehr in die Oeffentlichkeit gedrungen und hat vielleicht mehr Staub ausgewirbelt, als die vielen Analogien, die nicht an's Licht gelangen. Das herrschende System der antisemitischen Kommunalverwaltung hat bei diesem Anlasse wieder einmal seine Feuerprobe bestanden. Die öffentliche Meinung und das öffentliche Gewissen sind glücklich so weit abgestumpft, daß auch eine solche Rechtsübung bereits als beinahe selbstverständlich hingenommen wird. Die offenkundigen Ungerechtigkeiten erregen keine Empörung mehr, es erhebt sich kein Sturm der Entrüstung, man erwartet es nicht mehr anders, ja, die antisemitische Mehrheit ist darob von hoher Befriedigung erfüllt. Sie ist nach wie vor die Vertreterin der lautersten Gerechtigkeit und korrumpiert sind doch nur die Juden. Und da blähen sich noch die russischen Antisemiten in ihrem Hochgefühl, daß sie vor allem andern begnadet seien mit der richtigen Methode des Judenhasses. Eines ihrer hervorragendsten Organe zur Verbreitung ihrer KuÜur unter dem ruffischen Volke, der „8rvj6t" fährt fort, zu beweisen, daß Japan auf Anstiften und auf Kosten der Juden den Krieg wider Rußland führe. Diese Insinuation ist nicht minder blödsinnig als die Blutanklage auf Ritualmord, aber das Allerliebste an ihr ist, daß sie noch wirksamer, noch massenaufteizender ist. Warum haben nun also die Juden den Krieg angestiftet, warum tragen sie seine Kosten? „8rvet" weiß das ganz genau. „Weil das orchodoxe Rußland das einzige wahre Bollwerk des Glaubens und der Kirche Christi ist, wo die Juden niemals Rechte wie in anderen Staaten erlangen werden." Gar so stolz müßte „Swjet,“ nicht sein. Es gibt auch noch andere Bollwerke des Glaubens und der Kirche. Anderswo hat man fteilich für die Juden Gleichberechtigung erlangt. Man läßt sie sich ungehindert entwickeln. Man freut sich, wenn sie sich wissenschaftlichen, künstlerffchen und literarischen Berufen widmen; man fteut sich, wenn sie sich dem Handel, der Industrie, dem Gewerbe, der Landwirtschaft, den öffentlichen Aemtern, dem Richterstand, der militärischen Carriöre widmen. Man setzt sie nicht zurück, man verfolgt, man verhöhnt sie nicht, man fördert sie als gleichberechtigte Staatsbürger; sie dürfen alles tun, selbst Kaffeehäuser errichten. Es ist so schön, wenn Gerechtigkeit herrscht auf der Welt. Freilich sind die Juden solcher Wohltaten nicht immer würdig. Der Beweis dafür ist der japanische Krieg, den sie nun mutwillig angezettelt haben. Und wie heuchlerisch sie dabei sind, wie sie sich zu verstellen wissen! Die jüdischen Aerzte Rußlands sind fast ausnahmslos mit ins Feld gezogen; tausende von jüdischen Soldaten stehen mit vor dem Feind. Sie frieren und hungern und werden verwundet, sie fallen oder fliegen in die Luft oder sinken auf den Grund des Meeres wie die andern. Alles Verstellung. Denn sie sind es, die den Krieg gegen Rußland führen. Whig. Em jüdisches Auswanderungsbureau. Herr Willy Bambus erhebt seine Stimme für die Bildung eines internationalen Jnformationsbureaus für jüdische Auswanderer, und es wäre zu wünschen, daß seine eindringliche Mahnung von Erfolg gekrönt werde. Vor ihm hat bereits Herr Dr. Farbstein auf die Notwendigkeit eines Emigrationsamtes hingewiesen, nun aber zeigt sich immer mehr die Notwendigkeit einer Zentralstelle, welche alle Informationen über die Länder, nach denen die Auswanderung gelenkt werden soll, sammelt und den Auswanderern zugänglich macht. Ein solches Emigrationsamt müßte, um seinen Bestimmungen gerecht zu werden, eine sehr große und wohlorganisierte Institution sein. Es könnte sich aber auch aus verhältnismäßig kleinen Anfängen entwickeln, und dieser Weg wird der gegebene sein in einem Fall, wo die Gründung einer großen und umfaffenden Institution nicht gleich zu Anfang sich ermöglichen läßt. Sollte es also nicht durchzusetzcn sein, daß die großen jüdischen Organisationen, die an der Auswanderung und der Kolonisationsfrage Interesse nehmen, mit gemeinsamen Mitteln an diese Sache herantreten, so müßte versucht werden, zunächst in kleinem und unvollkommenem Umfange zu beginnen und das Emigrationsamt aus sich selbst heraus und allmählich wachsen zu lassen. Wird eine solche Institution einmal eine Zeitlang mit einigem Erfolg gearbeitet haben, so werden die großen Organisationen mit ihrer Beihilfe voraussichtlich Nachkommen, oder aber man wird mit entsprechender Propaganda ein neues Interesse für diese Frage wecken müssen, um durch Begründung einer neuen Organisation die nötigen Mittel auch für die Erweiterung der Sache aufbringen zu können. Wir zweifeln aber auch gar nicht, daß alle großen Organisationen in England, Frankreich und O e st e r r e i ch mit denen in Deutschland Hand in Hand gehen werden, um eine solche Institution zu gründen. Dann werden die jüdischen Zeitungen und Zeitschriften zur Mitarbeit herangezogen werden müssen. Dieses ist von großer Wichtigkeit, denn so können die allgemeinen Informationen des Emigrationsamtes vielen Tausenden zugänglich gemacht werden, und was spezielle Informationen betrifft, so kann in denZeitungen darauf hingewiesen werden, wohin, wer ein Interesse daran hat, sich zu wenden hat. Mir scheint, daß dieses Emigrationsamt am besten in Berlin zu lokalisieren sei. In Berlin befindet sich heute eine solche Reihe von Ansätzen zu einer derartigen Institution, so daß schon mit den vorhandenen Informationen viel getan werden könnte — vorausgesetzt, daß wenigstens diese Institutionen für ein Zusammengehen zu haben sind. Das aber scheint gesichert. Wir haben zur Zeit in Berlin das Komitee und den Verein zur wirtschaftlichen Erforschung Palästinas, eine Institution, die, wie klein sie auch noch sei, doch die besten Namen unserer jüdischen Kolonisations-Freunde in sich vereinigt, die eine ganze Anzahl von Verbindungen von Fachleuten und Vertrauenspersonen sowohl im Orient wie in den Auswanderungsgebieten unterhält und die schließlich auch eine Reihe von positiven Leistungen. aufzuweisen hat, wie die Palästina-Zeitschrist, die gesammelten Materialien, die Enqueten rc. Außerdem befindet sich in Berlin stets eine große Anzahl von Akademikern und anderen, die ein intensives Interesse an dieser Frage nehmen und sicherlich zur Mitarbeit herangezogen werden können. In Berlin ist auch die Propaganda-Kommission des Zentralkomitees der Choveve-Zion, die neu eingesetzte zionistische Palästina-Kommission, sowie die Zentrale des „Esra", und es ist sicher kein Zufall, daß so verschiedene Organisationen sich in dieser Weise in Berlin zentralisiert haben, und ebenso wenig, daß die zu diesem Kreise gehörigen Personen zum größten Teil allen hier erwähnten Komitees angehören.' Ziehen wir noch in Betracht, daß auch die Zentrale der deutschen B'ne B'rith-Logen und der Hilfsverein deutscher Juden in Berlin ihren Sitz haben — beides Institutionen, die sich immer mehr und mehr mit der Auswanderungsftage und dem Orient befassen, so scheinen in der Tat alle Vorbedingungen zusammen zu treffen, die für die Wahl des Ortes von entscheidender Bedeutung sind. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß auch die wissenschaftlichen Hilfsmittel nicht erst in einer anderen Weltstadt so zur Verfügung stehen wie in Berlin, und schließlich spielt auch die Sprache eine Rolle, insofern als einerseits die große Mehrheit der Juden sich der deutschen Sprache bedienen kann und andererseits die deutsche Sprache in der modernen Orient-Literatur am häufigsten vertreten ist. Es ist selbstverständlich, daß nicht etwa das Emigrationsamt in Verkehr mit Anftagenden sich auf die deutsche Sprache beschränken würde — es müßte in allen Sprachen korrespondiert werden, wie ja auch die Zeitungen die ihnen zugesandten Informationen der ganzen vielsprachigen Judenheit, jedem in seiner Sprache, zugänglich machen werden. Moses und Hamurabi. Ueber Einladung des ..Zentralvereines für jüdische Angelegenheiten" sprach Herr Dr. Arnold Rosenbacher, Präses d>r Prager israelitischen Kuttusgemeinde im Prunlsaale des „Hotel Zentral" über „Moses und Hamurabi". Ein ungemein zahlreiches Publikum