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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-04-29 · 18 (29.4.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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jfer. 18 Dr. Dlocb's Mlocbenscvrlll. Sem 263 rock und hat nichts Mystisches an sich. Das Mecklenburgers Plattdeutsch findet man derb, aber sarkastisch, den jndischeuS' Jargon aber abscheulich. Jede Schwarzwälder Tracht findet«! man romantisch, den jüdischen Kaftan gräßlich. Es ist mit“! der Nase nicht anders. Bei jedem Andern würde man die ft, geschwungene Nase distinguiert finden, beim Juden ist sie 1 der Gipfel des Schreckens. Ich kann beim besten Willen'' zwischen Schiller- und Judennase keinen Unterschied finden, und die in Frankreich als höchstes Zeichen der echten Aristokratie gepriesene Bourbonnase läßt sich schlechterdings, auch nicht anders als mit Judennase übersetzen. Nicht das Jüdische ist unschön, sondern man sieht alles Jüdische mit' Voreingenommenheit, mit den Augen des Hasses an. Auf diesen verschlungenen Pfaden der atavistischen Gefühle vermögen wir unseren Nachbaren nicht zu folgen, und danach unser Leben einzurichten, ist unmöglich. Darauf eine Abwehr zu basieren, hieße sich selber seiner Würde begeben. Wir sind bestrebt, alles, was uns noch von der Zeit der Ghettos anhaftet, zu beseitigen und das Gefühl des freien, stolzen Bürgers in uns zu erhalten. Aber zu den Merkmalen eines freien Mannes gehört wahrlich nicht die Nachahmung aller fremden Sitten und Gebräuche. Wir wollen echte Deutsche und keine Talmigermanen sein. Was unserem inneren Wesen fremd ist, das wollen wir von uns fernhalten, trotzdem es die Sitten von Nachbar Heinz und Kunz sind. Individuelle Eigenart kann und soll im großen Rahmen der Universalkultur bestehen bleiben. Es war für Deutschland kein Schaden, sondern ein Segen, daß die Juden durch gewisse Eigenschaften ihrer Rasse seine soziale und geistige Entwicklung beeinflußt haben. Wir Juden haben uns den deutschen Verhältnissen längst angepaßt und wir bilden einen homogenen Teil innerhalb der deutschen Kultur. Aber die nationale Ueberschwänglichkeit überlassen wir neidlos den Alldeutschen. Nicht alles, was deutsch ist, ist gut. Die Trinkfreuden und die Seligkeit des großen Durstes wollen wir uns nicht aneignen, weil sie unserer inneren Natur widerstreben. Einkehr ist eine heilsame Sache für einen einzelnen Menschen wie für eine Gesamtheit, aber sie bedeutet eine ernste Prüfung, eine geistige und sittliche Bilanz. Vergleichen wir Juden unser Soll und Haben, daun haben wir alle Ursache, auf unseren Fortschritt stolz zu sein. Gewiß sollen und wollen wir vorwärts streben und nach Vollkommenheit ringen, aber wir stehen schon heute, kaum drei Generationen nach der Emanzipation, geistig und sittlich ebenso hoch da, wie die anderen Bürger, und — man hat uns wahrlich den Kampf nicht leicht gemacht. Deutsch sein, heißt nach Karl Jentsch wahr sein So wollen wir in dem Sinne deutsch sein, daß wir unser Wesen nicht künstlich nach germanischem Muster schrauben, sondern der Bahn der natürlichen Entwicklung folgen. Wir wollen nicht das jüdische Wesen aufgeben, sondern es mit Liebe pflegen, vertiefen und veredeln. So dienen wir am besten dem Judentum und der deutschen Kultur. F. 8. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Ein Lokalfatl. — Ech t j iid i sch. — D ie KaffeehäuserderRingstraße. — Die Rechtsgleichheit. — Das russische Bollwerk.) Ein Wiener Lokalfall, der vor vielen anderen vielleicht nur das voraus hat, daß er in die Oeffentlichkeit gedrungen ist: Cafe Lurion, Zahlungsschwierigkeiten, Gläubigerversammlung u. s. w. Man kennt das. Eine Neugründuug, großstädtische Allüren, Klimbim und Tamtam, Inserate in den „Judenblättern", prachtvolle Lokalitäten, glänzende Ausstattung durch hervorragende Künstler und dann nach wenigen Monaten Zahlungsstockung und Gläubigerausschuß - echt jüdisch! Jawohl, die Geschichte ist echt jüdisch. Eine lehrreiche Sache, nur daß sie, wie Alles in der Welt, ihre zwei Seiten hat. I Der „Ring" ist der Hauptschuuuk von Wien, und man kann sagen, ohne aus dem Bild zu fallen, daß der Stadtpark der Smaragd daran ist. Der breite, unvergleichlich schöne Straßenzug dient nicht in erster Reihe dem Geschäftsverkehr: er ist zumeist erfüllt von den Scharen jener, die ihre freie Zeit angenehm zu verbummeln wünschen. Das ist das richtige Kaffeehauspublikum. Tatsächlich reibt sich den ganzen Ring entlang zu beiden Seiten ein Kaffeehaus an das andere, und sie haben ihre Daseinsberechtigung: denn sie entsprechen einem Bedürfnisse. Das Ringstraßenpublikum setzt dort seine angenehme Beschäftigung fort, es sitzt spazieren. Man trinkt seinen Kaffee, uimnit sein Eis, wirst einen Blick in die Zeitung, besieht sich die Bilder der illustrierten Journale und setzt ewig unverdrossen seine Bemühungen fort, in den Witzblättern einen Witz zu finden, die Hauptsache aber ist: man sieht und wird gesehen. Die Damen, die sich aus den Ringstraßenkorso begeben, tuenden vorher besondere Sorgfalt aus ihre Toilette, und auch die Herrenwelt, mag sie nun friedlichen oder kriegerischen Bernsen obliegen, hat sich für das wichtige Geschäft des Nichtstuns möglichst fein herausgemacht. Das Alles ist ganz in der Ordnung. Bei dieser Sachlage — rebus sii* stantibus — ist es weiters also auch ganz in der Ordnung, daß auf diesem gewaltigen Straßenzuge, der in dieser Ausdehnung und in dieser Nähe zum Herzen der Stadt vielleicht der breiteste der Welt ist, allen Kaffeehäusern von den städtischen Behörden gegen entsprechenden Ziuserlag die Befugnis erteilt ist, den Güsten Sitzgelegeuheiten im Freien aus dem Trottoir darzubieten. Piccolo Schauerl trügt den Garten hinaus, uud der Kaffeehauspark ist fettig. Wenn die Frühlingssonne vom Himmel lacht und linde Lüste wehen, da sitzt es sich schöner auf dem Korso selbst, als in den dumpfen uni) düsteren Jnnenräumen. Diese bleiben also zu solcher Zeit leer, und uniio lebhafter wird das Getriebe im Freien. Da ist erst der richtige Kontakt mit dem wogenden Korso hergestellt. Man läßt den Strom Revue passieren. Man tauscht Grüße, Bekannte bleiben stehen, setzen sich mit an den Tisch — alles sehr hübsch und angenehm. Voraussetzung bei alledem ist natürlich die Lizenz, den Gästen den Aufenthalt im Freien zu ermöglichen, uud die städtischen Behörden haben durch die Erteilung der Befugnis den Geschäftsleuten des Kaffeehausgewerbes in dankenswerter Weife unter die Arme gegriffen. Sonst könnten sie auf diesen Posten nicht bestehen. Nun entsteht ein neuer Prachtbau auf der Ringstraße, er hat fast das Ansehen eines Monumentalbaues. Die Stelle, wo er sich erhebt, war früher, vom Standpunkt des Geschäftes und des Verkehres betrachtet, eine Wüstenei. Nun sind dort neue Verkehrswege erschlossen, und ein neues Kaffeehaus an dieser Stelle gewännt die besten Aussichten. Es wird begründet und der Lage entsprechend mit großem Kostenaufwand eingerichtet. Uud nun wird verfügt, was echt wienerisch, und erlitten, was echt jüdisch ist. Der Cafetier ist Jude. Straße auf und Straße ab ist es allen Casetiers gestattet, einen Teil des breiten Bürgersteiges zu ihren geschäftlichen Zwecken zu benützen, dem Juden wird es verboten, und er wird damit — es ist ein Hauptspaß — zu Grunde gerichtet. Uud nun erhebt sich das große Geschrei über den jüdischen Schwindel. Man richtet sich erst mit allem Luxus eiu, den ein neues Ringftraßeneast; erfordert, und dann schmeißt man um — eine jüdische Pleite. Es ist aber auch wahr. Man investiert Zehntausende oder Hunderttausende — ich bin nicht Fachmann für Kostenüberschläge von modernen Ringstraßencafö-Einrichtungen — und dann wird man durch einen einzigen magistratischen Federstrich außer Stand gesetzt, den Wettbewerb aufzunehmen, man wird einfach zu Grunde gerichtet. Das ist die Gleichheit vor dem Gesetz, deren wir uns zu erfreuen haben. Tie Segnungen dieser Gleichheit sind in der Tat kaum noch länger zu ertragen, und es drängt sich die Erwägung auf, ob nicht am Ende die von dem hochgesinnten Menschenfreund uud Mechaniker Schneider mit solcher umritt* herziger Begeisterung propagierten Ausnahmsgesetze für die Juden einer solchen Gleichheit vor dem Gesetze doch noch vorzuziehen seien. Es ist am Ende wirklich einfacher und kaum weniger ungerecht, einem Juden von vornherein zu verbieten, ein Kaffee-

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