Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 18 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 262 Dr. Llocb's MlocbenscbrLtt. Nr. 18 werde»? Wird man an den maßgebenden Stellen begreifen, welchen Schatz an Tüchtigkeit und an besten Gefühlen, unermeßlich selbst für russische Begriffe, mau da verrotten und verkommen läßt? Die sie baffen, müßten vor sich selber erschrecken: Die sie schmähen, müßten angesichts dieser Versammlung schamrot werden, wär' ihnen Scham nicht so fremd, wie jedes Gefühl der Einsicht. Nemo. * * +• Die Kietver Zeitung „Slowo" meldet telegraphisch: Am I. April, nach russischem Kalender, fand auf dem jüdischen Friedhof in Kischenew bei den Grabhügeln der vorjährigen Blutopfer und geschändeten Thorarollen ein erschütternder Trauer- und Bittgottesdienst statt. Versammelt waren die jüdischen Waisen und Witwen, welche sich unter Führung des Rabbiners zu diesem Gottesdienste auf dem Friedhof eingefunden haben. Der Gottesdienst begann mit einem Gebete für das Seelenheil des Hingeschiedenen Admirals Makarow, sodann wurden die Sühngebete des Versöhnungsfestes vorgctragen und das Gebet um die Verzeihung der Sünden rezitiert; zum Schlüsse wurden Psalmen gesungen und ein Gebet um den Sieg der russischen Waffen verrichtet. Abwehr «nd Ginkrhr. (AuS Deutschland.) Daß jede Abwehr, die nicht eine leere Schablone sein will, auch zur Einkehr mahneu muß, das ist eine fast triviale Wahrheit. Die zielbewußte Abwehr muß als Kulturproblem erfaßt werden, sie muß den Ursachen des Antisemitismus nachgehen und sie muß alles bekämpfen, was dem Judenhaß Nahrung geben könnte. Die Interessen einer Bevölkerungsklasse wahrnehmen heißt nicht, alles, was sie tut und treibt, verherrlichen, sondern ihr aus Liebe die Wahrheit sagen und das an ihr Kranke und Morsche bekämpfen. So haben wir stets die Aufgaben der Abwehr aufgefaßt, und wenn wir uns von diesem Gesichtspunkte aus auch mit den inneren Fragen der Judenheit befaßt haben, so war es kein Eingriff in fremde Gebiete, sondern ein Erfaffen der Abwehridee als eines lebendigen Gedankens. Wir haben stets die sogenannte innere Mission in Israel als ein Werk von großer kultureller und ethischer Bedeutung betrachtet, ja als die eigentliche wirksame Abwehr. Den jüdischen Chauvinismus, der sich leider in den letztem Jahren in manchen Kreisen breit macht, halten wir für nicht minder gefährlich als den deutschen oder frauzösischen. Die Propheten, die dem Volke ein treues Spiegelbild seiner Fehler vorhielteu, haben eine hohe Mission erfüllt. Die Schmeichler, die dem Volke stets Loblieder sangen und seine Tugenden verherrlichten, haben selten Segen gebracht. Kritik führt zum Fortschritt, ewiges Loben verweichlicht und verdirbt. Wir haben also gewiß nichts dagegen, wenn jüdische Schriftsteller jüdische Fehler rügen. Sie sind nicht nur dazu berechtigt, sondern auch verpflichtet. Aber diese durchaus wichtige und notwendige Arbeit soll mit brüderlicher Liebe und mit tiefem Verständnis geschehen. Die Fehler einer Bevölkerungsklaffe sind nie willkürlich angenommen, sondern sie sind entstanden, und sie haben ihre sozialen, historischen und psychologischen Ursachen. Wer sie heilen will, , der muß ihren Quellen nachgehen und muß solche Heilmittel suchen, die der Natur dieser Bevölkerung entsprechen. Mit dem bloßen Schmähen oder der eben so billigen „sittlichen Entrüstung" ist hier wenig geholfen. Nicht daß die Herren Rathenau, Harden u. s w. den Juden Moral predigen, sondern wie sie es tun, das macht sie uns unsympathisch. Wenn Jemand über die Juden urteilt, ohne tiefe Kenntnisse ihres Wesens und ihrer Geschichte zu besitzen, daun muß er zu schiefen Schlüffen gelangen. Man begreift nie das Gewordene, wenn man den Prozeß des Werdens nicht kennt. Es ist bei den Juden wie bei jeder Volksklasse, sie sind kein künstliches Produkt, sondern das, was die politischen und sozialeu Verhältnisse im Laufe der Geschichte aus ihnen gemacht haben. In diesem Sinne ist es zweifellos richtig, daß jedes Land die Juden hat, die es verdient.- Leider haben sich viele Juden in Deutschland und Oesterreich daran gewöhnt, selber die jüdischen Dinge mit antisemitischen Augen zu betrachten und alles Jüdische als etwas Inferiores anzusehen. So gelangen sie dahin, ihr Judentum als eine ihnen vom Schicksal auferlegte schwere Last aufzufassen, und sie trachten danach, sich bei der ersten passenden Gelegenheit dieser Bürde zu entledigen. Aber auch unter Solchen, die sittlich hochstehen und es mit dem Judentum ansrichtig meinen, gibt es nur Wenige, die das Problem der Judenfrage tiefer erfassen. Sie klammern sich meistens au irgend ein Schlagwort und glauben damit das so schwierige und ungemein komplizierte Problem gelöst zu haben. In einer gegen den Zionismus gerichteten Schrift entwickelt Herr Dr. Mechanik in Mainz seine Ansichten über die Zukunft des Judentums und berührt auch die Judensrage in Deutschland. Er glaubt ein Allheilmittel gegen den Antisemitismus gefunden zu haben, das patentiert zu werden verdient. Dieses Zaubermittel heißt: Aeußere Assimilation. Das Wort ist nicht gerade sehr wissenschaftlich, denn eine Assimilation ohne inneren Prozeß der Amalgamierung ist gänzlich wertlos. Jede Assimilation hat ausgesprochen oder unausgesprochen das Ziel des Ausgehens, des Verschmelzens. Doch der Verfasser versteht offenbar darunter die Modernisierung und Veredlung der Judenheit, eine Anpassung in Sitten, Fühlen und Denken. Nimmt man diese Forderung ernst, dann läuft die Sache schließlich — mau mag sie umschreiben wie man will — auf eine Nivellierung hinaus. Daß dieses kulturell ein Gewinn wäre, wird man vom Standpunkte des modernen Menschen aus kaum behaupten dürfen. Warum sollen im Zeitalter des Individualismus gerade wir Juden unsere Individualität gänzlich aufgeben? Eigenart ist nicht Unart, und die jüdische Eigenart hat ebenso das Recht, sich auszuleben wie die badische, schwäbische, bayerische oder rheinische. Was von der Assimilation notwendig war, das ist längst erreicht worden. Die gebildeten Juden in Deutschland sprechen und benehmen sich ebenso deutsch wie die gebildeten Christen. Die jüdische Nuance an ihnen, die Niemand stört, brauchen sie nicht aufzugeben. Der Autor fordert ferner die Förderung der ä st h etischen Kultur unter den Juden. Aesthetische Kultur ist gewiß etwas Schönes, sie kann aber niemals eine spezifische Aufgabe der deutschen Juden werden. Wir fördern alles Schöne und nehmen regen Anteil am deutschen Kulturleben, aber von uns zu verlangen, daß wir besser, feiner und vornehmer als die andern deutschen Bürger werden — das ist Schwärmerei. Hohe Bildung und veredelte Lebensweise werden stets das Gut des kleinsten Teiles des Volkes bilden. Anzustreben, daß jeder jüdische Viehhändler sich die Manieren eines Hofrates aneigne und jeder jüdische Trödler die Salonsprache spreche, das ist etwas naiv. Der jüdische Viehhändler unterscheidet sich schon heute in nichts von seinem christlichen Berufsgenoffen, nicht einmal in der Sprache. Fühlt sich jemand von den protzigen Manieren eines jüdischen Emporkömmlings angewidert, dann braucht er ja nicht mit ihm zu verkehren. Wir verlangen ja auch nicht vom christlichen Bauern, daß er sich nach den Regeln des Anstandsbuches benehmen soll. Gewiß soll jeder die weitgehendste Rücksicht auf seinen Nachbar nehmen, aber der Nachbar muß auch vernünftig sein, sich nicht durch jede abweichende Aeußerlichkeit verletzt zu fühlen. Wenn jemand sich im Badeorte abgestoßen fühlt, weil in seiner Nähe ein galizischer Jude sitzt, der seine Tracht trägt und seinen Jargon spricht, so ist er von wahrer Bildung noch sehr weit entfernt. Der sogenannte Jargon ist keine willkürliche Sprachverhunzung, sondern ein aus dem Deutsch voriger Jahrhunderte entwickeltes Idiom, wie das schwäbische oder mecklenburgische Plattdeutsch und klingt auch nicht schlechter als jene Mundarten. Auch der „böse" Kaftan ist der altdeutsche National-