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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-04-29 · 18 (29.4.1904) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 18 * Jahrgang 111 Dr. Bloch’s Michi Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudrnthums. A. k. Pofisparragen-Amt Clearing-Vrrkrhr Nr. 810.876. LrdarUon und Administration: W irn IX/1, Verggalsr Ar. 38. Telephon Nr. «4.847. «- Wen. 39. April 1904. 4.—r- Erscheint jeden Freitag. - '•>— ’H1 «■» -- Brief-Adrefle: Wien, IX/1» Derggaffe SS. Telegramm-Adreffe: Bloch's Wochenschrift, Wien. =3» Srrugsxrri» für Srstrrrrtch. Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare Sv Heller. Für'» Au»l«ud: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. =m Inhalt: Leitartikel: Der gute Ort. — Abwehr und Einkehr. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Ein jüdisches Auswanderungsbureau. Moses und Hamurabi. Die Philosophie Kant's und die biblisch-talmudische Weltanschauung. Nikolaos von Damaskus. Der assyrisch-babylonische Sabbath. — Korrespondenzen: Allgemeiner Oesterreichisch-Jsraelitischer Bund. Arme jüdische Brustkranke bei der ärztlichen Untersuchung wegen Aufnahme zur Kur in Ro/.nau. TemesvLr. Die älteste Frau Ungarns. Berlin, München, Frankfurt, v. Plehwe's Heldentaten. Zur Ostafrikafrage. — Vermischtes: Wien, Brunn, Jglau, Proßnitz, Bisenz, Eibenschitz, Rzeszow, Preßburg, Graz, Horepnik, Budapest, Berlin, Kopenhagen, Bukarest. Petersburg. — Feuilleton: Jüdische Kulturbilder. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Der gute Ort. Der gute Ort von Kischenew. Ein grasüberwachsener Hügel neben dem andern. Ganze Reihen neuer und frischer Gräber — man sieht, es muß vor Kurzem erst ein großes und ein grausames Sterben im Orte gewütet haben. Eine ansehnliche Beterschar hat sich versammelt, auch Frauen und Kinder; an ihrer Spitze der Rabbi. Erst murmeln, dann rufen sie mit anschwellender Inbrunst, immer innerlicher ergriffen» ja geschüttelt von der Leidenschaft der Andacht, ihre Anrufungen des Ewig-Einzigen, des Gottes, dessen Namen nicht genannt werden darf, in die Frühlingsluft, die herb und frostig über die Ebene von Beßarabien streicht. Es ist wenig über ein Jahr her, da hat der Mord die Straßen ihrer Heimatstadt erfüllt. Ein vom Schnaps erhitztes, bis zur Raserei aufgestacheltes Volk hat die Söhne Israels überfallen, gemartert und geschlachtet, daß man schaudernd der Tage des Schwarzen Todes oder des Geißlerlvahnsinnes und der Greuel in ihrem Gefolge denken mußte, daß Zeiten lebendig wurden, deren Wiederkehr man nicht mehr möglich geglaubt hätte. Ungenügend in jeder Hinsicht, vor allem in der, die hier zunächst in Betracht kommt, in der Abschreckung war die Vergeltung. Eine Komödie von Sühne und Recht ward gespielt. Noch können die Narben nicht geheilt sein, die damals diesem Volke dort geschlagen wurden, wo es am leichtesten, am tiefsten zu verletzen ist: in seinem Familiensinn; denn noch hat das Gras nicht einmal ordentlich Wurzel gefaßt, das die Hügel der Opfer, der neuen Blutzeugen in Israel begrünen soll, die da geschlachtet wurden unter wohlwollender Assistenz aller offiziellen Mächte, unter Anrufung des Namens des großmächtigen Autokraten, der, man raunte es einander zu, die Juden hingeworfen habe dem Haß ihrer Feinde, damit ihr Blut verschüttet werde, wie man Wasser verschüttet. Und nun haben sie sich versammelt an der Stätte ihrer tiefsten Trauer, um zu beten und zu ihrem Gott zu schreien: das Volk von Kischenew unter Führung der Aeltesten und der Kenner von Gottes Wort. Denn seine Herzen erzittern in einem unbändigen Leid: vor einem Schlag, der sie zucken und heftig pochen macht. Denn ein neues schweres Unheil hat sich begeben und den eigenen Gram ausgetilgt Es hat freilich nicht sie betroffen; ihre Dränger müssen zunächst davor erschrecken; man könnte es vielmehr gar als eine Vergeltung deuten, daß zur „Jahrzeit" der Blutzeugen von Kischenew ein solches Mißgeschick über das heilige Rußland kam. Sie aber denken nicht also — aus dem guten Ort von Kischenew sind sie zusammengekommen — zu beten für die Opfer des „Petropawlowsk". Ein sonderbares Volk! Sie hatten zuerst das Recht des Fremden, der im Tore wohnt, festgelegt, in Erinnerung, daß sie Fremdlinge waren im Lande Egypten. Zum Dank dafür weigert man ihnen jedes Fremdenrecht. Zusammengepfercht sitzen sie in den Toren des heiligen Rußland, das zu betreten ihnen streng verboten ist, und der gerade vorübergeht, und den es lüstet, der stößt mit dem Fuß nach ihnen. Ein Stückchen dieses unermeßlichen Bodens eignet ihnen, eben groß genug, ihre Toten zu begraben. Dort, wo sie Herren sind, dort, wo angesichts des ewigen Schweigens, das hier waltet, Niemand eine Lüge oder eine Komödie zu ersinnen wagen würde, dort finden sie sich. Ihre Bärte wallen im Lenzwind; die Faust schlägt die Brun, wie am schrecklichen, am langen Tage, die Laute der Sprache, in der zuerst zum einigen Gott gesprochen ward, steigen zum Himmel auf, beschwert mit Bitten für Nikolaus II., der sie nicht schützt, für das heilige Rußland, das sie ausspeien möchte, und wenn es sie nicht mordet, so mindestens drangsaliert, daran sie dennoch hängen mit der Liebe von Heimatlosen, dis so gerne eine Heimat fänden! Seine Glorie ist geschmälert — sie haben keinen Teil daran, aber, wie sie ihre Söhne dem Heere, ihre Rubel dem Kriegsschatz hingegeben, so rufen sie nun im Besten, was sie haben, in ihren Gebeten den Beistand des Höchsten an — für ihre Dränger. Ein sonderbares Volk! Unbegreiflicher und schwerer zu ergründen als Eines. Mau steht erschüttert vor dieser Zusammenkunft auf dem guten Ort von Kischenew. Durch die entsetzlichen Bluttaten sind sie Witwen und Waisen geworden und stehen sie vor den Grabhügeln der gemordeten Väter und Gatten, um für das Heil des Czaren zu beten! An der Stätte, wo ihre Gebeine ruhen, werden die Seelen der Gemordeten von den eigenen Angehörigen angernfen, vor dem Throne des Ewigen für den Sieg des Zaren Fürbitte einzulegen!! Welche Größe der Ethik, welche Macht der Liebe in diesen Getretenen. „Ein gutes Wort findet einen guten Ort" — in diesem Fall ward es gar da erhoben. Wird es vernommen

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