Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021565--13547-3038204- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 17 Dr. Blocb s Mocbenscbrttt. ( Gelehrsamkeit, die man bei dem viel jüngeren Manne nicht voraussetzen konnte. Auch er suchte Konflikte zwischen dem Kodifikator Maimonides (R a m b a m) und dem Talmud, die er in geistreicher Weise beizulegen sich bemühte. Aber während Rabbi Salomon Quetsch die Lösung des Problems wie ein Wunder seines Geistes uns als schon Fertiges hinstellte, sahen wir hier den Werdeprozeß des Gedankenaufbaues langsam sich entwickeln. Rabbiner Fürst kam stets unvorbereitet zum Vortrag, er lehrte uns, wie man „lernen" soll. Vor unseren Augen fügte sich Stein an Stein, bis der Bau vollendet war; wir sahen, wie es bei einer schwierigen Frage, über die er nachdachte, plötzlich wie ein Blitz in ihm aufzuckte und wie dieser Triumph des Geistes in seinem verklärten Gesichte sich wiederspiegelte. Auch war er tolerant gegen die Ansichten Anderer; liebevoll und geduldig hörte er selbst den schwächsten Schüler an, ja, er freute sich vielmehr, wenn, ein kräftiger Einwand sein leichtgezimmertes Gebäude über den" Haufen warf. Was tat es ihm? Er baute sofort ein anderes, Material hatte er dazu genug. Aber diese Toleranz und Sanftmut den Schülern gegenüber, die bis zur Schwäche ging, war vielen von ihnen von großem Nachteile. Die Bande der Disziplin waren gelockert, ja es gab überhaupt keine Disziplin. Es konnte jeder tun, was er wollte und viele von ihnen vertändelteil die Zeit, besonders die ganz jungen Bucherim, die vom Hause nicht gehörig vorbereitet weggeschickt wurden, konnten dem Vortrage des Rabbi nicht folgen und lernten nicht; sie schleuderten den ganzen Tag in den Gassen herum, oder was noch schlimmer war, sie spielten Karten. Seitdem sind beinahe fünfzig Jahre verflossen und wahrlich, es ist seither nicht viel besser geworden. Die ernsten, wahrhaft strebsamen Talmudjünger ausgenommen und in Ehren, die mit aller Hingebung dem Thorastudium obliegen und deren es unstreitig viele gibt, sind diejenigen Bucherim, die w i r zu Hunderten noch jetzt in Ungarn leider zu sehen bekommen, ganz verkommene Bettelstudenten, welche mit ihrer krassen, ja geradezu verblüffenden Ignoranz jährlich zweimal, im Frühling und im Herbst, mit dem Tallisbeutel in der Hand, auf Gastrollen als Schnorrer von Haus zu Haus gehen. Im vorigen Jahre, vor Jom Kippur, kamen zwei erwachsene Talmudjünger aus Marmaros, welches Komitat das größte Kontingent von ihnen stellt. Ich fragte sie: „Wer war der erste Melech (König) in Israel?" „Schlome melech" (König Salamon) war die Antwort, die ich erwartet hatte. Um sie auf König Saul hinzuführen, sprach ich von Samuel und fragte sie: „Wie hieß der Vater des Propheten Samuel?" Das wußten sie nicht. „Aber Ihr habt doch erst vorige Woche am ersten Neujahrstage in der Haftara von Elkana gelesen?" „In dem sind wir nicht „verkennt". (Von dem haben wir Kenntnis.) Soeben, während ich diese Zeilen niederschreibe — Ende Februar 1904 — tritt ein junger Mann bei mir ein, ohne anzuklopfen und ohne zu grüßen. Daran erkannte ich, daß er ein Bochur sei. Er hatte auch in Marmaros, und zwar in B. „gelernt." Auf meine Frage, was er gelernt habe, nannte er mir eine bekannte talmudische Abhandlung, die im Traktate K i d u s ch i n (Fol. 41—43) sich findet. Auf's Gerathewohl fragte ich ihn, in welchem Traktate diese Abhandlung stehe. „In M a ck o s", war seine Antwort. „Das sehe ich wohl", bemerkte ich ihm, „daß Sie M ackos (Wunden sch l e ch t) gelernt haben." Diese Ueberproduktion an solch unreifen Früchten ist eine Folge des großen Notstandes unter den Juden Nordungarns. Ein armer, mit Kindern reichgesegneter Familienvater kann kaum die Zeit erwarten, daß sein Knabe 12—13 Jahre alt wird, damit er ihn in die Fremde schicken könne, um eine Last abzuschütteln. Zu einem Handwerker ihn in die Lehre zu geben, widerstrebt ihm — der Handwerker nimmt dort eine inferiore soziale Stellung ein; auch ist er in der Regel ein Enkel von Reb Herschele Rimanester, oder sonst von einem „gitten Jid" („guten Juden", worunter ein Wunderrabbi verstanden wird) und — dort ist jeder „ein Enkel" eines solchen — wie soll sein Sohn ein Schuster oder Schneider werden? Er schickt ihn daher in eine Talmudschule, je weiter desto besser. Ob der Junge die Fähigkeiten und die nötigen Vorkenntnisse dazu hat oder nicht, kümmert ihn nicht, wer kontrolliert auch das? Genug, er ist einer Last enthoben und ist nebenbei ein frommer Jude, der seinen Sohn der Thora weiht. Daß der Talmud es als eine religiöse Pflicht des Vaters erklärt, „seinen Sohn ein Gewerbe lernen zu lassen", und wer es nicht tut, so handle, „als würde er ihn zum Wegelagerer und Räuber erziehen"; — daß die Lehrer des Talmuds das größte Gewicht aus die Arbeit legen, indem sie sagen: Wer neben dem Thoralernen nicht auch eine ernährende Arbeit pflegt, wird aus Not das Lernen einstellen müssen und durch die Not zu Unrechtem sich verleiten lassen, (Sprüche der Väter 11, 2) das alles ficht die „Frommen" nicht an: das paßt ihnen nicht und auch den Jungen nicht, die es viel bequemer finden, nichts zu tun und sich von anderen erhalten zu lassen, freilich wieder gegen den klaren Wortlaut des Talmuds, der da sagt, daß man selbst die niedrigste, von jedermann verabscheute Arbeit öffentlich verrichten solle, um nur nicht den Mitmenschen zur Last fallen zu müssen. Das Alles schalten diese „Frommen" aus dem Talmud aus, weil es ihnen so besser paßt. Sie schicken den Jungen weg, weil er ihnen zur Last ist. Er versorgt sich selbst schlecht und recht — mehr schlecht als recht — verwöhnt ist er ja nicht von Haus aus — sechs Wochen bettelt er im Herbst für die Bedürfnisse des Winters und sechs Wochen im Frühling für die des Sommers. So vergeht die Zeit solch einem jungen Menschen, bis er in seine Heimat zurückkehrt, ohne etwas Tüchtiges gelernt zu haben. Er wird verheiratet, beginnt einen Kleinhandel, geht in ein bis zwei Jahren zugrunde, kämpft und darbt mit seiner Familie eine Zeit lang, bis ihm die bittere Not den Bettelstab in die Hand drückt und er zum Schnorrer wird, der jahraus, jahrein als ständiger Gast zur bestimmten Zeit uns heimsucht. Die Not und die jüdische Wohltätigkeit — beide find unerschöpflich. (Fortsetzung folgt.) Neue Bücher. Zweiundzwanzigster Bericht über die Lehranstalt sür die Wissenschast des Judentums in Berlin, erstattet vom Kuratorium. Mit einer wissenschaftlichen Beigabe von Dr. I. Ellbogen: Die Religionsanschauungen der Pharisäer mit besonderer Berücksichtigung der Begriffe Gott und Mensch. Berlin, 1904. Altneuland. Monatsschrift für die wirtschaftliche Erschließung Palästinas. Organ der zionistischen Kommission zur Erforschung Palästinas. I. Jahrgang. Heft Nr. 4 April 1904. Herausgegeben von F. Oppenheimer, S. Soskin, O.Marburg. Inhalt: Prof. Dr. O. Marburg: Die jüdische Kolonisation Palästinas. Dr. A. B iram: Die Drusen. I. Palästina und Nachbargebiete. Jüdische Kolonien. Neue Literatur. Vermischtes. Marktbericht. Redaktion: Doktor S. Soskin, Berlin W 50, Regensburgerstraße 20. Lazarus Goldschmidt. Sprüche der Väter. Ethischer Mischnatraktat. Herausgegeben nach den ältesten Drucken (1484, 1486, 1492, 1505, 1520) und der Münchener Talmudhandschrift nebst Uebersetzung und kurzen Erklärungen. Sonderausgabe aus „Der babylonische Talmud", Bd. VII. Verlag von S. Calvary & Co. Berlin, 1904. Bernat Schuck, Rabbiner der Temesvarer (Joseffiadt) israelitischen autorisierten orthodoxen Gemeinde. Religion und Staat. Temesvar 1904.