Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 274 Dr. Dlocb's MiocbenscbrM. Nr. 17 entrollte ein Bild der Geistesströmungen, die 1804 „ein Philanthropin für arme Kinder jüdischer Nation" entstehen ließen und es in den Dienst der Aufklärung und Menschenliebe stellten: er zeigte den Einfluß jener Strömungen auf die sogenannten Gesinnungsfächer, Religion und Geschichte, und die Wirkung der Anstalt, in die bald auch christliche Schüler ausgenommen wurden. Als Vertreter des Provinzialschulkollegiums war Schulrat Dr. Kaiser aus Kassel erschienen. Er betonte, daß das Philanthropin ein wichtiges Glied in der Reihe der höheren Schulen Frankfurts bilde. Als Zeichen allerhöchster Anerkennung überreichte er zugleich eine Anzahl Ordensauszeichnungen. Auch Oberbürgermeister A d i ck e s, der die Glückwünsche der städtischen Behörden überbrachte, bezeichnete die Gründung und den Fortbestand des Philanthropins als ein Glück für Frankfurt. Nun folgte eine fast endlose Reihe weiterer Begrüßungen, die mit der Mitteilung schloß, daß die Jubiläumsstiftung, zu der über tausend frühere Angehörige der Schule von nah und fern beigetragen haben, die Höhe von 100.000 Mk. erreicht hat. Die israelitische Gemeinde, aus deren Mitteln die Schule erhalten wird, stiftete ein Bild des Kaisers und ein Harmonium. Den Nachmittag nahmen musikalische und BühnenauMhrungen in Anspruch, eingeleitet durch ein sinniges Festspiel von Alfred Auerbach, der am hiesigen Stadttheater als Schauspieler wirkt, aber schon mehrfach als Festspieldichter hervorgetreten ist. Er führte den Gründer der Schule, Siegmund Geisenheimer im Gespräch mit seinen Freunden vor, und als sie über den Plan des Philanthropins einig sind, erscheint ein Genius und verkündet, daß herrlich in Erfüllung gehen werde, was hier geplant sei. Im Hintergrund aber zeigt sich sprechend ähnlich das jetzige Schulgebäude, in das Knaben und Mädchen hineinströmen, ein wirkungsvolles Bild. Petersburg (Die russischen Juden als Patrioten.) Obwohl die russische Regierung seit einem Vierteljahrhundert alles tut, um den Juden ihre russische Heimat zu verekeln und jeden patriotischen Funken in ihrem Herzen zu ersticken, hat doch der Ausbruch des Krieges im fernen Osten zur Evidenz gezeigt, daß trotz der noch frischen Erinnerung an Kischenew und Homel den Juden noch ein starker Rest von Patriotismus übrig geblieben ist und in ihrer Brust eine schier unauslöschliche Liebe für ihr Stiefmütterchen Rußland glüht. Gleich nach Ausbruch des Krieges wurden in allen Städten und Städtchen Gottesdienste nebst Predigten veranstaltet, um bei den jüdischen Massen das patriotische Gefühl zu steigern. Von da ab wird an jedem Sonnabend in manchen Städten sogar täglich ein spezielles Gebet für den Sieg der russischen Waffen und das Wohlergehen von Heer und Flotte verrichtet. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß die Juden Rußlands sich nicht allein mit Beten begnügen, sondern sich mit Gut und Blut auch werktätig am Kriege beteiligen. Die freiwilligen Sammlungen für das Rote Kreuz nehmen unter den Juden des Ansiedlungsrayons Dimensionen an, wie sie die selbst bei den im vorigen Jahre vorgenommenen Sammlungen für Kischenew nicht erreicht haben. Eine von uns nach den jüdischen Blättern vorgenommene Zusammenstellung ergab, daß allein für die ersten drei Wochen des Monats Februar in elf jüdischen Gemeinden nahezu eine Viertelmillion Mark gesammelt wurde. Dazu kommen noch die großen Beträge, die, obwohl ebenfalls aus jüdischen Taschen geflossen, doch als von Juden herrührend nicht ausdrücklich bezeichnet sind, da sie zusammen mit nichtjüdischen Spenden in den allgemeinen Tagesblättern veröffentlicht wurden. Auffallend ist der Patriotismus der jüdischen Aerzte, welche in großen Scharen Frau und Kind verlassen, um sich im fernen Often dem Vaterlande zur Verfügung zu stellen. So sind aus Charkow am 15. März zwölf Aerzte — lauter Juden — nach dem Kriegsschauplätze abgegangen. Von den 67 Aerzten, die am 20. März Warschau verließen, um in der Mandschurei chrem Vaterlande zu dienen, waren 50 Juden und nur 17 Christen. Dieser ° so stark zutage getretene Patriotismus ist um so bemerkenswerter, als die im Ansiedelungsrayon lebenden Nichtjuden sich keineswegs durch besondere Opferfreudigkeit auszeichnen. Ihr Patriotismus reicht nur zu billigen Straßenkundgebungen mit.dem obligaten Gejohle und gelegentlichen Ausschreitungen aus. Ihre Aerzte bleiben hübsch zu Hause und ihre Sammlungen für das Rote Kreuz bleiben weit hinter den der Juden zurück. So wurde in Lippowitza, einem Städtchen im Gouvernement Kiew, an einem Sonntag gleichzeitig in der einzigen Synagoge des Städtchens und in den beiden Kirchen gesammelt. Die Sammlung in der Synagoge brachte 102 Rubel, die in den Kirchen ganze 3 Rubel und 93 Kopeken . . . Trotz dieses in so elementarer Weise zu Tage getretenen jüdischen Patriotismus, der selbst die Behörden gerührt und sie veranlaßt hat, den Juden mancher Ortschaften von der Kanzel herab feierlich den Dank des Kaisers auszusprechen, können die berufenen Vertreter des russischen Antisemitismus selbst in diesen für Rußland so schweren Tagen es nicht unterlassen, gegen die Juden in frechster und verlogenster Weise zu hetzen. Der elende Kruschewan, der in seinem ganzen Leben noch niemals eine einzige Kopeke für sein Vaterland geopfert hat, sowie der Geschäftsantisemit Suworin, welcher durch eine 25jährige, systematisch betriebene Judenhetze sich von einem armseligen Zeitungsschreiber zu einem schweren Rubelmillionär emporgeschwungen hat, werden nicht müde, das über Rußland hereingebrochene Unglück zu einer willkommenen Judenhetze zu mißbrauchen. Die Juden werden mit den Japanern identifiziert und dem Volke als die Helfershelfer denunziert. Herr Menschkow von der „Nowoje Wremja" nennt die Japaner „die Juden des Ostens", während der edle Kruschewan die Juden nicht anders wie „Japaner mit Peies" nennt. Zur Ehre der Wahrheit muß hervorgehoben werden, daß die Regierung diesmal den Hetzereien völlig fernsteht. Herr von Plehwe ist viel zu klug und ein viel zu guter Patriot, um bei diesen schlechten Zeiten sich leichtfertig die Sympathien der Juden zu verscherzen. Die Regierung tritt daher den ausgestreuten-Gerüchten, namentlich wenn sie gegen einzelne namhaft gemachte Juden sich richten, offiziell entgegen und droht sogar hie und da, gegen die Hetzer aus Grund des Belagerungszustandes vorzugehen. Trotzdem wird die Verhetzung der verschiedenen Bevölkerungsklassen gegen einander in Rußland nicht eher aufhören, als bis den Kruschewans, Suworins und Komarows ein Maulkorb aufgesetzt wird. Es kann doch der Regierung nicht gleichgiltig sein, ob die Juden, welche gegenwärtig schon in der Stärke von 30.000 Mann im fernen Osten vor dem Feinde stehen, gewissenlos verleumdet und gebrandmarkt werden. Eine Wiederholung der Ereignisse von Kischenew könnte für Rußland zur jetzigen Zeit schlimmere Folgen als eine verlorene Schlacht haben. Tiflis. Seit einigen Jahren droht den Juden der Stadt Kutais am Kaukasus eine ganz eigenartige Gefahr. Die Polizei möchte nämlich ihre Häuser zerstören, weil sie angeblich baufällig sind. Nachdem es den Juden mit Hilfe des in Rußland so wirksamen Bakschisch gelungen war, die Katastrophe immer wieder hinauszuschieben, verkündet jetzt der Polizeimeister von Kutais, daß zum Beginn des kommenden Herbstes die Niederreißung der Häuser unbedingt und unwiderruflich erfolgen soll. Die Wahl des Herbstes ist vermutlich aus besonderer Zuneigung des Herrn Polizeimeisters zu den Juden erfolgt. Ein Gesuch der jüdischen Gemeinde an den Magistrat um Gewährung einer Unterstützung zum Häuserbau wurde abschlägig beschieden, da die Stadt für solche Zwecke kein Geld hat. Die Juden gedenken sich mit einer Eingabe an den Statthalter des Kaukasus, den Großfürsten Michael Nikolajewitsch, einen Großonkel des Zaren, zu wenden und ihn zu bitten, die ihnen im kommenden Herbst drohende Gefahr der Obdachlosigkeit abzuwenden. Es handelt sich um mehr als 100 Häuser. Washington, 4. April. (Repräsentant Goldfogle verlangt von der amerikanischen Regierung nicht blos schöne Worte, sondern Taten Rußland gegenüber.) Bei der Debatte über den Militär-Akademie- Etat nahm heute der demokratische Repräsentant Goldfogle von New-Iork das Wort und hielt eine Rede über die Behandlung der Juden in Rußland, indem er dabei auf seine im Jänner eingebrachte Resolution Bezug nahm, in welcher . verlangt wird, daß die Vereinigten Staaten bei der russischen