Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. üBlocbs MocbenscbrM. Seite 26b „In letzter Zeit sind vielfach Nachrichten darüber eingelaufen, daß übelgesinnte Perfonen unter dem einfachen Volke Gerüchte verbreiten, wonach die Juden überhaupt, darunter auch die beffarabifchen, sich übelwollend zur Regierung verhalten, Geld sammeln und es nach Japan senden sollen; ferner werden andere lügnerische Nachrichten über die Handlungen der Juden verbreitet, wodurch das einfache Volk gegen dieselben aufgebracht wird. Ohne über die Ungereimtheit dieser Gerüchte ein Wort zu verlieren, erwähne ich, daß die Juden in Bessarabien seit dem Beginne des Krieges eine ebenso große Bereitwilligkeit, dem Vaterlande zu dienen, wie die übrige Bevölkerung, an den Tag legen und diese Bereitwilligkeit auch durch die Versicherung treuuntertänigster Gefühle für den Thron äußern, wofür sie, nach einem untertänigsten Bericht, der allerhöchsten Dankbarkeit gewürdigt wurden; ebenso äußern die Juden ihre Vaterlandsliebe durch ihre Spenden zum Besten der Kranken und Verwundeten im fernen Osten. Wenn die oben erwähnten Gerüchte, ohne widerlegt zu werden, ins Volk dringen, so kann sich leicht die Ueberzeugung festsetzen, daß sie begründet sind, was wiederum ohne Zweifel einen Haß gegen die Juden Hervorrufen kann, der leicht ähnliche Ausschreitungen veranlassen könnte, wie sie im April vorigen Jahres stattfanden. Zur Vorbeugung von Unordnungen habe ich die Ehre, Ew. Ehrwürden zu fragen, ob Sie es nicht für nützlich halten, daß die Geistlichen in den Kirchen und bei jeder Gelegenheit das Volk a u f k t ä r e n und in ihm das Bewußtsein erwecken, daß sich die Juden zu den Ereignissen im fernen Osten mit denselben Gefühlen verhalten, von welchen auch die übrige Bevölkerung erfüllt ist, und gleich dieser gern und freiwillig ihre Beiträge zur Erleichterung des Loses der Krieger im fernen Osten darbringen. Ueber die Verfügung, welche Sie in dieser Angelegenheit treffen, bitte ich, mich in Kenntnis, zu setzen." Auf dieses Schreiben erfolgte nachstehende Resolution des Bischo.fs: , . „An das Konsistorium zur sofortigen Beachtung." Der Beschluß des Konsistoriums lautet: „Den Geistlichen aller Kirchen der Eparchie ist durch Rundschreiben mitzuteilen, daß sie bei jeder Gelegenheit ihre Gemeindemitglieder darüber aufzuklären haben, daß sich die beffarabifchen Juden zu den Ereignissen im fernen Osten ebenso wie die übrige Bevölkerung verhalten und auch wie diese freiwillig Opfer bringen. Was die von übelgesinnten Personen verbreiteten Gerüchte betrifft, wonach die Juden Geld für die Japaner sammeln sollen, so sind diese Gerüchte absolut unbegründet. Schließlich wird den Geistlichen vorgeschrieben, Aeußerungen eines feindlichen Verhaltens zu den Inden sofort zur Kenntnis der Eparchialobrigkeit zu bringen." Ob das auch nützen wird? Viel Hoffnung haben wir nicht, immerhin ist aber mehr Aussicht vorhanden, daß die Köpfe der russischen Bauernschaft leichter der Wahrheit und der Logik zugänglich sein werden, als die unserer Antisemiten. Diesen Paßt eine derartige Aufklärung durchaus nicht in den Kram, und darum werden sie doch wohl dabei bleiben: die Mine, an der der mächtige „Petropawlowsk" zu Grunde gegangen ist, ist von den Juden gelegt worden. Bei uns geht es lustig her. Fürst Liechtenstein feiert ein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum und Dr. Lueger hält ihm eine schöne Rede über politische Konsequenz. Vor fünfundzwanzig Jahren war Dr. Lueger der große Demokrat. Heute hält er seine Festrede an den schwarzen Prinzen. Der richtige Mann, zur richtigen Zeit, an richtiger Stelle! Whig. Barrich Schorr. Es ist Sabbat! Durch die hohen Fenster der großen „städtischen" Synagoge kündigt der Frühling mit seiner warmen Sonne den Wiederantritt seiner Herrschaft an und drinnen blickt eine andächtige Gemeinde zum „Bilemyr", wo ein kleiner 80jähriger Greis mit staunenswerter jugendlicher Kraft die Thora in der Hand hält und das übliche Gebet singt. Plötzlich verstummt der Gesang; krampfhaft noch die Gesetzesrollen haltend, sinkt der Greis zu Boden, von einem Herzschlage gerührt. Es war sein letztes Gebet. Wie ein Märchen hört sich das an und doch geschah es so an einem der vergangenen Sabbate in der großen Synagoge in Lemberg. Der Fall selbst, mag er noch so „interessant" sein, ist es nicht, der mich veranlaßt, diesen Essay zu schreiben. Die handelnde Person aber verdiente es, daß sein Tod nicht mit einer Notiz abgetan werde, denn Baruch Schorr, der „Chasen" war ein Künstler, ein großer Künstler. Ein Künstler in seiner für einen großen Teil des jüdischen Volkes so wichtigen Eigenart, denn oft ist es nur diese, die einerseits die großen Synagogen füllt und andererseits den von anderen Kunstgenüssen ausgeschlossenen jüdischen Bewohnern Galiziens die Bekanntschaft mit dem Worte „Musik" vermittelt. Und deshalb haben unsere von den „Fachleuten" vielleicht belächelten „Chasunym" eine sehr wichtige kulturelle Mission. Und einer ihrer Größten, einer, der dieser Ausgabe in gottbegnadeter Weise gerecht wurde, war Baruch Schorr. Wie selten Einer verstand er es, seine Vertonungen dem Texte der Gebete anznpassen. Und es ist eine Ironie der modernen Kunstbestrebungen, daß ein kaftantragender „Chasyn ", ein „Jid mit Peies", der älteste und modernste Musiker war; denn was wir unter dem in letzten Jahren hochmodern gewordenen Worte „Programm-Musik" verstehen, war die eigentliche Kunst Schorr's. Das Milieu seiner Zuhörer schuf ihn; in der großen Synagoge, wo oft einige tausend Andächtige sitzen, da darf der jüdische Gelehrte keine Zensur üben. Arme jüdische Handwerksleute, denen die Sorge um das tägliche Brot keine Zeit ließ, um den Sinn ihrer Gebete zu erforschen, haben ihm voll inniglicher, kindischer Anhänglichkeit zugehört, denn er war ihnen ein s i n g e über Uebersetze r, ein singender Prediger. Daß er das trat, ist eben darauf zurückzuführen, daß er jedes Wort verstand und so gut gesanglich zu deuten verstand. Die schwergelelyten Rabbiner mit ihren höchst komplizierten „Druschis*4 halsen der großen Masse nicht; wenn am „sehabes tschiwu“ der Stadtrabbiner sein ..vrnsehs" Hält, so kann er nur aus ein Publikum reflektieren, das ihm in alle die verzwickten Geheimgänge der Auslegung folgen kann. Die Schuster, Schneider, Händler a' er, diejenigen, die die grosse Masse des jüdischen Volkes bild.n, können da nicht mittun, aber als Baruch Schorr „bynafschoj juwi lachmoj" sprach, da weinten sie und wußten eigentlich nicht, was diese Worte bedeuten; aus der Art, w i e er es vertonte, konnten sie den Sinn erfassen. Oder wenn er an den hohen Festtagen aus dem nur für ihn vorgeschriebenen Gebete den Satz „wysygar bys iton lybal jistunini" mit weinerlicher Stimme hinausschickte, da akkompaen'erte ihn seine tausendköpfige Zuhörerschaft mit aufrichtigen Seufzern. Am „Kol-Nidre"-?(6enb da schrie er förmlich ..bas!<at..-g,»r" und vor allen Zuhörern entrollte sich das Bild eines Tribunals mit dem niedergeschrieenen Staatsanwalt. Und am nächsten Tage da befestigte er immer seinen Triumph. Als er die .,avv,>.j,l.v" begann, da glaubte man jene Zeremonien zu sehen, die die Wichtigkeit des Tages bekundeten. Die ganze Erzählung war so sinngemäß auf seinen mithelsenden „Chor" verteilt, daß da eine förmliche Szenerie erwuchs. Er wurde nie müde. Man bedenke, welche physischen Anforderungen am ...jom kipur" an einen solchen Vorbeter gestellt werden und trotz seines hohen Alters bestand er sie mit einer ans Wunderbare grenzenden Leichtigkeit. Aber nicht nur an den Tagen, wo er die Tränen erpressen mußte, bewies er seine Kraft; auch die Gebete, die bestimmt sind, die Gläubigen mit froher Zuversicht zu erfüllen, fanden in ihm einen trefflichen Interpreten. Diese nichttraurige Musik beschied ihm eine Episode, derentwegen er seine so liebgewonnene Stelle für einige Jahre verlassen mußte. Zu einem schauderhaft dummschlechten Libretto „Samson und Delila" schrieb er die Musik und das bewirkte einen Konflikt mit dem Rabbiner, der die Doppeltätigkeit Chasen und Theaterkomponist nicht gestatten wollte. Geärgert ging er nach New-Iork, wo er begeisterte Aufnahme fand. Aber die Lemberger gaben keine Ruhe imd so kehrte er nach einigen Jahren wieder in seinen alten